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Nach dem Brexit:Jetzt ist Europas harte Hand gefragt

European Parliament in Strasbourg

Um Großbritannien wird es in der Europäischen Union einsam.

(Foto: dpa)

Die EU nabelt sich von den Briten ab. Diese Immunisierung ist nicht falsch. Europa sollte dabei aber nicht vergessen, dass die Unzufriedenheit auch auf dem Kontinent gewaltig ist.

Kommentar von Stefan Kornelius

Für Theresa May war der Sommer von geradezu aufreizender Leichtigkeit. Das politische London erholte sich von den erschöpfenden Brexit-Wochen. Ein paar Wirtschaftsdaten erlaubten den Eindruck, dass Großbritannien gar nicht so sehr leiden würde unter dem Austritt aus der Europäischen Union - Arbeitslosigkeit runter, Börse hoch, Exporte ordentlich. Wenn es denn so einfach wäre.

Einfach war das Sommermärchen, schwer wird es von Mittwoch an, wenn die Premierministerin das Kabinett zur Klausur versammelt, um am wohl dicksten Knoten zu nesteln, den Britanniens Wähler je geschnürt haben. Klar ist nach dem Brexit-Votum nämlich, dass nichts klar ist. Weder gibt es einen Zeitplan noch - viel wichtiger - ein inhaltliches Ziel für die Austrittsverhandlungen. Die beiden mit der Sache beauftragten Ministerien haben lediglich festgestellt, dass sie nicht genügend Experten auftreiben können.

Die EU zeigt den Briten, wie das Leben in Einsamkeit sein wird

Jenseits aller technischen Kalamitäten zeichnen sich politische Schwierigkeiten in bemerkenswerter Dimension ab. Mays Kabinett ist über die anzustrebenden EU-UK-Beziehungen glatt gespalten. Sollten die Briten im Binnenmarkt bleiben wollen, stellt sich die Frage nach dem zumutbaren Preis. Freien Verkehr von Waren und Dienstleistungen gibt es nicht ohne den freien Personenverkehr - aber exakt den wollte die Brexit-Fraktion ja unter Kontrolle bekommen. Schon droht Nigel Farage mit seiner Rückkehr in die Politik. Fast schon erstaunlich, dass er so lange geschwiegen hat.

Nein, die Liste der Probleme ist beeindruckend und bedrückend, und sie endet nicht bei den Gerichten, die von Oktober an eine parlamentarische Beteiligung an dieser Operation Staatsumbau prüfen werden. Labour wird auf der Suche nach einer neuen Führung vielleicht noch einmal auf den Geschmack kommen und ein neues Referendum mit der nächsten Unterhauswahl verbinden (ein eher unwahrscheinliches Szenario). Und für die Hausbesitzer-Nation ist die Nachricht von den fallenden Immobilienpreisen in London auch nur von begrenzter Freude.

Wirklich unerfreulich wird es für die britische Seite, wenn sie nach Monaten der Selbstbefassung über den Kanal schaut und feststellt, dass die Europäische Union inzwischen viele Meilen abgedriftet ist. Die Absetzbewegung ist nämlich kein ausschließlich britisches Privileg. Die ersten europäischen Sondierungen nach dem Brexit-Votum zeugen vielmehr von einer neuen Hartherzigkeit gegenüber den britischen Wehwehchen. Das Europa der 27 scheint froh zu sein, ein Problem weniger bedenken zu müssen. Es schwingt geradezu eine große Genugtuung mit, die Briten im Treibsand strampeln zu sehen, jene Briten, die das Nervenkostüm im Europäischen Rat offenbar mindestens einmal zu viel überstrapaziert haben.

Die Isolierungstendenz ist nicht sonderlich überraschend, weil sich das Europa der 27 immer noch wie der gehörnte Ehepartner am Tag nach dem Scheidungsverfahren fühlt. Neu hinzugekommen ist ein Jetzt-erst-recht-Momentum. Das britische Votum hat die EU vorgeführt. Die Union hat nun ein hohes Bedürfnis, Relevanz und Ernsthaftigkeit ihrer Arbeit zu dokumentieren. Das geht umso leichter, je größer der britische Schmerz und am Ende gar der Absturz sein wird.

Dieser Reflex ist naheliegend, zumal es ja auch einige konkrete Ärgernisse gibt, wo das Geschäft der EU durch das Veto der Briten behindert wurde. Von der Idee einer harmonisierten Kapitalertragssteuer bis hin zum britischen Widerstand gegen eine vertiefte Zusammenarbeit in verteidigungspolitischen Themen: Großbritannien kostete die EU immer mehr Kraft, als es an Energie zugeliefert hat.

Am Ende ist es klüger, bei den Stärkeren zu stehen

Warum also nicht jetzt ein Exempel statuieren, schon aus ganz egoistischen Gründen? Wer den Briten einen Rabatt für den Austritt zubilligt, wer also etwa die Binnenmarkt-Zugehörigkeit ermöglicht, ohne bei der Freizügigkeit zu fordern, der schafft ja nur Nachahmungstäter. Härte gegen London eint also, getreu der alten Schulhofregel, dass es klüger ist, am Ende bei den Stärkeren zu stehen.

Die EU ist stärker, keine Frage. Daher rührt ihr Gefühl der Dominanz. Auch ist es klug, sich in der Phase der britischen Selbstfindung zu immunisieren, am besten durch gute Arbeit in der Gemeinschaft. London wird noch Monate brauchen, bis es einen Ausweg aus dem Labyrinth gefunden hat. Aber: Der Grat zwischen Überlegenheit und Überheblichkeit ist schmal, und die EU der 27 verkennt die Gefahr, die auch in ihren Grenzen lauert. Der Brexit schlummert überall. Durch den Austritt der Briten mag die Arbeit leichter werden, zu einer besseren Gemeinschaft wird die EU deswegen noch nicht.

© SZ vom 30.08.2016/lucd

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