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Mord im Kleinen Tiergarten:Neue Hinweise von Geheimdiensten

Spurensuche in der Spree nach dem Mord im Kleinen Tiergarten.

(Foto: Paul Zinken/AFP)
  • Mitten im Kleinen Tiergarten in Berlin wurde im August ein georgischer Tschetschene regelrecht hingerichtet.
  • Der mutmaßliche Mörder wurde schnell gefasst - doch seine Identität ist noch unklar.
  • Die deutschen Geheimdienste gehen nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR nun einem Hinweis eines ausländischen Dienstes auf den wahren Namen des Mannes nach.
  • Klar ist auch, dass es Hintermänner geben muss. Steckt der Kreml dahinter?

Warum wurde der Tschetschene Zelimkhan Khangoshvili mit zwei Schüssen aus einer Pistole mit Schalldämpfer, Typ Glock 26, regelrecht hingerichtet? Manchmal scheint es, als bestünde die Suche nach den Gründen aus zwei völlig getrennten Ermittlungen: In der einen geht es schnell voran, in der anderen ganz langsam.

Die erste betrifft die Frage des Mörders: Ziemlich klar dürfte sein, dass man den Schuldigen gefasst hat, auf frischer Tat sogar. Es ist ein kräftiger Mann, Glatze, 1,76 Meter groß, fast 90 Kilo schwer, mit auffälligen Tätowierungen: Eine Schlange, eine Krone und eine Raubkatze prangen auf seinen Armen.

Mitten in Berlin, im Kleinen Tiergarten im Stadtteil Moabit, keine zehn Autominuten vom Kanzleramt entfernt, sahen am 23. August gegen 11.55 Uhr Jugendliche mit an, wie der Tätowierte auf einem Fahrrad an sein Opfer heranfuhr und es von hinten erschoss. Das Opfer war in seiner Heimat so etwas wie ein Volksheld, er hatte im Tschetschenienkrieg gegen das russische Militär gekämpft und soll eine Kampftruppe angeführt haben. Jetzt lebte er in Berlin als abgelehnter Asylbewerber, angeblich in Angst vor der Rache der Russen.

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Klar ist aber auch, dass es Hintermänner geben muss, offenbar handelt es sich um eine Auftragstat. Der mutmaßliche Mörder ist mit einem russischen Pass auf einen falschen Namen eingereist, Vadim Andreevich Sokolov, geboren 1970 im sibirischen Irkutsk. Eine solche Person existiere gar nicht, davon sind die deutschen Geheimdienste überzeugt. Sie gehen nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR einem Hinweis eines ausländischen Dienstes auf den wahren Namen des Mannes nach. Inzwischen werden auch Hinweise geprüft, dass er schon einmal wegen eines Auftragsmordes in Russland im Gefängnis gesessen haben soll.

Es geht um den Verdacht, dass Russland einen Killer nach Berlin geschickt hat. Die US-Regierung streute via Wall Street Journal bereits, davon sei auszugehen. Nach außen demonstriert die Bundesregierung Gelassenheit, das sei Sache der Justiz, sie müsse den Fall aufklären. Tatsächlich hat er bis hinauf ins Kanzleramt höchste Beunruhigung ausgelöst. Sollte der Kreml dahinterstecken, "werden wir sehr, sehr hart reagieren müssen", sagt ein Regierungsmitglied.

Es wäre blamabel, wenn Berlin Russland beschuldigen würde - und dann ist doch nichts dran

Formal führt die Ermittlungen noch die 7. Mordkommission des Berliner Landeskriminalamtes (LKA), wie in einem gewöhnlichen Mord - nicht wie in einer Agentensache oder gar bei Staatsterrorismus. Sollte sich das ändern, wäre der Generalbundesanwalt zuständig, dann würde wohl auch das Bundeskriminalamt einsteigen. Dort hält man sich schon bereit: Bis zu 40 Ermittler sind derzeit auf Stand-by. Aber so weit sei es noch nicht, betonen Ermittler. Ihre Zurückhaltung ist der Sache selbst geschuldet, aber auch der politischen Brisanz.

Bei Lichte betrachtet ist es so: Nicht nur staatliche Stellen könnten die Dienste eines Täters wie "Vadim Sokolov" gekauft haben, und nicht nur staatliche Stellen könnten im korruptionsgeplagten Russland einen Pass auf einen falschen Namen für ihn ausstellen lassen. Auch andere könnten ihn mit Geld ausgestattet haben, mehr als 3000 Euro in bar hatte er bei sich.

Das Fahrrad, das er gleich nach der Tat in der Spree versenkte, war ein Mountainbike der Marke Commencal aus dem Fürstentum Andorra, ein solches Gefährt kostet leicht mehrere Tausend Euro. Interessant ist auch ein E-Scooter, der für die weitere Flucht bereitstand - kein Leihgerät, sondern ein eigenes, edles Fahrzeug: Volteboard, Modell M400 Pro.