Mladić-Verurteilung:Politiker lassen eine Zukunft für Bosnien nicht zu

Lesezeit: 3 min

Diese Vergangenheit würden viele in der Bevölkerung am liebsten verdrängen oder vergessen. Sie wird aber sehr bewusst gegenwärtig gehalten von den Politikern, die das Land regieren. Ausgerechnet jene also, die für Aufbruch und Veränderung sorgen müssten, halten Bosnien nah am Abgrund. Ermöglicht wird ihnen dies durch einen Geburtsfehler der Friedensordnung: Während nämlich in Den Haag die schlimmsten Kriegsverbrecher einzeln zur Verantwortung gezogen wurden, blieb das System, das zu diesen Verbrechen führte, weitgehend unberührt. Seine Strukturen wurden gar zementiert.

Denn die im Friedensvertrag von Dayton 1995 festgeschriebene Aufteilung Bosniens in zwei sogenannte Entitäten, die Republika Srpska und die muslimisch-kroatische Föderation, schreibt die Kriegsgeschichte der ethnischen Trennung fort. In beiden Teilstaaten regieren weiter die Nationalisten aus Kriegszeiten. Die logische Folge: Während im Alltag die Menschen aus allen drei Volksgruppen um Normalität ringen, hetzen die Politiker sie wieder gegeneinander auf.

Bereit zu neuem Krieg

Wie soll also die Versöhnung Wurzeln schlagen, wenn Milorad Dodik, der Präsident der Serbenrepublik, von "Teheran" spricht, wenn er Sarajevo meint, um damit die dortigen Muslime pauschal zu gefährlichen Extremisten zu stempeln? Wie sollen die Kriegstraumata verarbeitet werden, wenn Bakir Izetbegović, der das bosniakische Präsidentenamt von seinem Vater Alija erbte, gerade erst wieder verkündet hat, dass er zu einem neuen Krieg gegen die Serben bereit sei?

Die Politiker aller Volksgruppen schüren die alten Ängste, um ihre Macht zu sichern. In diesem Klima werden dann auch Verbrecher wie Ratko Mladić immer noch als Kriegshelden verehrt, in diesem Klima ist kein Platz für Selbstkritik. Im 23. Jahr nach Kriegsende wäre es aber höchste Zeit, dass Bosnien neue Helden bekommt. Dafür braucht es neue politische Anführer. Est wenn Bosnien sich von den Nationalisten befreit, kann die Zukunft beginnen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema