US-Zwischenwahlen So hat Amerika gewählt

Es wurden nicht nur Demokraten gewählt, sondern auch die Frauen.

(Foto: AFP)

Frauen, Großstädter und frühere Nichtwähler stimmten verstärkt gegen den US-Präsidenten. Das wichtigste Thema war für viele nicht Immigration, sondern Obamacare. Ein Überblick in Grafiken.

Von Philipp Saul, Jana Anzlinger und Markus C. Schulte von Drach

Lizzie Fletcher spricht von Macht und Richtungswechseln. Die Texanerin wird voraussichtlich ins Abgeordnetenhaus einziehen. Sie hat die Wahl in der Region Houston mit 52 Prozent denkbar knapp für sich entschieden. Der Amtsinhaber, Republikaner John Culberson, ist abgewählt. "Die Ergebnisse von heute Nacht haben gezeigt, dass wir die Macht haben, die Richtung unseres Landes zu ändern", sagt Fletcher nach ihrer Wahl. Die Newcomerin ist ein typisches Beispiel für einige Besonderheiten dieser Midterms: Besonders urbane Gegenden, Frauen und ehemalige Nichtwähler haben für die Demokraten gestimmt.

Die Ergebnisse der Senatswahl

Im Senat wurden 35 der insgesamt 100 Mandate neu gewählt. Hier hatten die Republikaner bislang eine Mehrheit von 51 Sitzen. So sieht der Senat künftig aus:

In diesen Grafiken sehen Sie, welche Bundesstaaten künftig von demokratischen Senatoren vertreten werden und wo sich republikanische Kandidaten durchgesetzt haben.

Die Ergebnisse der Wahl des Repräsentatenhauses

Alle 435 Abgeordnetenmandate wurden im Repräsentantenhaus neu vergeben. Für die Mehrheit braucht es 218 Sitze. Bislang hatten die Republikaner auch in dieser Kammer eine Mehrheit. Das hat sich nun geändert:

Die Ergebnisse der Gouverneurswahlen

In vielen Staaten wurde auch das Amt des Gouverneurs neu besetzt. Der Gouverneur ist Chef der Verwaltung eines Bundesstaates. Hier konnten die Republikaner einige wichtige Siege erringen, so gelang es ihnen zum Beispiel, den Gouverneursposten in Florida zu gewinnen.

Wer hat die meisten Stimmen erhalten?

Nach aktuellem Auszählungsstand haben die meisten Wähler Demokraten in den Senat und das Repräsentantenhaus gewählt. Doch eine Mehrheit haben die Demokraten nur in einem der beiden Häuser. Ein Grund dafür ist, dass nur ein Drittel der Senatssitze neu vergeben wird. Ein anderer ist der Unterschied zwischen "popular vote" und Wahlsystem.

Wer einen Wahlkreis gewinnt, zieht für diesen Wahlkreis in den Kongress ein, ähnlich wie ein Direktkandidat in Deutschland. Ein Listensystem gibt es nicht. Deshalb hat der Zuschnitt der Wahlkreise eine enorme Bedeutung. Zum einen können sich Parteien Vorteile verschaffen, indem sie durch sogenanntes Gerrymandering die Form des Wahlkreises zu ihren Gunsten verändern. Zum anderen gehen dadurch gewissermaßen Stimmen verloren, wenn etwa ein bevölkerungsreicher Bundesstaat genauso viele Abgeordnete wählt wie ein bevölkerungsarmer. Wie schon bei der Präsidentschaftswahl 2016 haben auch dieses Mal die Demokraten die meisten individuellen Stimmen erhalten und den "popular vote", also die "Volkswahl", für sich entschieden - Macht bringt dieser Erfolg aber nicht.

Wer hat wie gewählt?

Die Wut auf Donald Trump treibt Frauen in die Politik. Die diskriminierende Rhetorik und Programmatik, die die Republikaner unter Trump zur Schau stellen, haben Frauen schon seit Trumps Amtseinführung mobilisiert. Bei diesen Kongresswahlen haben so viele Frauen kandidiert wie noch nie. Frauen haben überwiegend gegen Trump gestimmt. Laut den "Exit Polls", der Nachwahlbefragung, haben die meisten Frauen Demokraten gewählt, hingegen nur eine knappe Mehrheit der Männer Republikaner.

Die Frauen stören sich offenbar daran, dass US-Präsident Trump Belästigung und Übergriffe verharmlost und machen sich Sorgen, dass der konservative Supreme Court das Recht auf Abtreibung einschränkt. Bei der Frauenquote im Parlament sind die USA weltweit auf Platz 104. Vor den Midterms war nur etwa jedes fünfte Kongressmitglied weiblich. Auch das ändert sich zumindest im Repräsentantenhaus sichtbar.

Das Alter spielte bei der Abstimmung eine große Rolle: CBS zufolge wählten jüngere US-Bürger deutlich eher die Demokraten, in der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen haben diese einen Vorsprung von 37 Prozentpunkten vor den Republikanern. Bei allen Älteren war das Verhältnis der Anhänger beider Parteien fast ausgeglichen.

Nicht Weiße haben überwiegend die Demokraten gewählt, besonders deutlich ist die Ablehnung der Republikaner bei den Afroamerikanern.

Die Umfragen unter den Wählern zeigen auch, dass Menschen mit niedrigem Einkommen eher die Demokraten wählen als die Republikaner. Wähler aus Familien mit einem Jahreseinkommen von mehr als 100 000 Dollar im Jahr neigen dagegen eher zu den Republikanern.

Die Schulbildung hat eine wichtige Rolle bei der Wahlentscheidung gespielt. Unter den Wählern mit Bachelor oder einem höheren College-Abschluss war der Anteil derjenigen, die die Demokraten gewählt haben, besonders groß.

Was war den Wählern wichtig?

Für viele Wähler war Donald Trump ein wichtiger Faktor bei der Entscheidung. Er selbst stand zwar auf keinem Wahlzettel, doch hat seine umstrittene Politik offenbar sowohl die republikanische als auch die demokratische Basis mobilisiert. Laut der Nachwahlbefragung erklärten vier von zehn Befragten, sie hätten ihre Stimme aus aus Protest gegen ihn abgegeben. Unter diesen Aus-Protest-Wählern haben fast alle die Demokraten gewählt.

Das wichtigste Thema, das die US-Bürger zum Wahltermin beschäftigte, war, die Gesundheitsfürsorge. Trump war bislang gescheitert bei dem Versuch, "Obamacare" rückgängig zu machen. Dieses Wahlversprechen wird er nun noch weniger einhalten können. Eine Verbesserung des Gesundheitssystems trauen Wähler offenbar eher den Demokraten zu. Insgesamt deutlich geringer war die Bedeutung der Themen Immigration, Wirtschaft und Waffenpolitik.

48 Prozent der Wähler halten CBS zufolge Trumps Immigrationspolitik für zu hart, die Mehrheit ist für striktere Waffenkontrollen - beides stimmt insbesondere für Anhänger der Demokraten, wie die Exit Polls zeigen. Unter denen, die strengere Waffengesetze befürworten, haben drei Viertel die Demokraten gewählt. Unter denen, die auf keinen Fall schärfere Waffengesetze wollen, wählten umgekehrt drei Viertel die Republikaner. Beim Thema Waffengesetzgebung zeigt sich auch wieder einmal die persönliche Betroffenheit.

Wer Einwanderung und Wirtschaft für entscheidende Probleme hält, wählte eher Republikaner.

Donald Trump betreibt eine radikale Anti-Einwanderungspolitik. Vor Kurzem hat er gedroht, das Recht auf eine Staatsbürgerschaft durch Geburt auf US-Boden abzuschaffen. Er bezeichnet die Flüchtlinge, die aus Mittelamerika unterwegs in die USA sind, als "Invasion". Einer seiner Wahlwerbespots war so rassistisch, dass nicht einmal Trumps Lieblingssender Fox ihn ausstrahlen wollte.

Unter denen, die sich Sorgen um eine zunehmende Spaltung des Landes machen, haben 60 Prozent die Demokraten gewählt.

Der Präsident, der Kongress und die Midterms

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Donald Trump musste damit rechnen, dass seine Partei bei den Midterms Sitze im Kongress verliert, denn das passiert den US-Präsidenten seit Jahrzehnten fast jedes Mal.

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