Maaßen-Affäre Der Gewinner heißt: Gunther Adler

Erst geopfert, dann gefeiert, schließlich der große Rückkehrer: Im Schatten der Maaßen-Affäre ist ein Staatssekretär zur Berühmtheit aufgestiegen.

Von Stefan Braun und Constanze von Bullion, Berlin

Bis vor einer Woche gehörte Gunther Adler nicht zu den ganz Großen der Hauptstadt. Solider Beamter, treuer Staatssekretär, dazu ein netter Kerl - das waren die Beschreibungen, die man im Berliner Politikbetrieb über den Mann mit SPD-Parteibuch hören konnte.

Gekannt haben ihn nur wenige; sein Werdegang führte bislang nicht entlang der großen politischen Hauptstraßen. In einem Youtube-Video über seinen Alltag aus dem Jahr 2016 spricht Adler denn auch wenig über den Inhalt seiner Arbeit. Das Wort Bauen kommt kaum vor. Dafür aber schwärmt Adler von "den vielen Kontakten, die man hat, den vielen Menschen, die man kennenlernt, den vielen Projekten". Sie seien "das größte Geschenk bei diesem Beruf".

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Vor einer Woche aber kam in dieses bescheiden-zufriedene Leben die große Wende. Aus dem Staatssekretär wurde das Opfer einer großen politischen Krise; die damals beschlossene Versetzung des Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen ins Bundesinnenministerium sollte die Karriere des Staatssekretärs beenden.

Was folgte, war nicht nur ein Aufschrei gegen den faktischen Aufstieg Maaßens. Eng damit verbunden, entwickelten plötzlich sehr viele Menschen eine große Sympathie für den bislang eher unscheinbaren Herrn Adler. Der "einzige Experte für Wohnungsbau in der Bundesregierung" werde da geschasst, hieß es unisono.

Adlers frühere Chefin wetterte besonders heftig

Immobilienverband, Mietervereinigungen, Architektenkammer - alle beklagten den Verlust des letzten Fachmanns in der Bundesregierung. Beim Verband für Wohnungswirtschaft hieß es gar: "Hier wird mitten im Rennen das beste Pferd vom Platz genommen."

Nicht viel anders klang es in der SPD und bei der Opposition an. Adlers frühere Chefin, die ehemalige Umwelt- und Bauministerin Barbara Hendricks, wetterte besonders heftig, Seehofer löse "ein neues Desaster" aus, und das auch noch bei "einer der drängendsten Fragen, mit denen wir es auf allen Ebenen zu tun haben: Bauen und Wohnen." Und die FDP erklärte, mit Adler gehe der "einzige anerkannte Baufachmann der Bundesregierung".

Die geplante Versetzung in den Ruhestand klang wie eine Katastrophe. Aber was dann folgte, war eine öffentliche Promotion mit Lobeshymnen, die möglicherweise nicht mal er selbst je so formuliert hätte. So laut wurden die Lobpreisungen in der zweiten Hälfte der vergangenen Woche, dass sich selbst die Kanzlerin bemüßigt fühlte, öffentlich zu erklären, dass sie sich darum kümmern werde, für den SPD-Mann einen seinen Qualitäten angemessenen neuen Job zu finden.

Für Adler, davon kann man ausgehen, war das Balsam in den Ohren. Der 55-Jährige ist einer, der eher weich wirkt und ungewöhnlich zugänglich ist für einen leitenden Beamten des Bundesinnenministeriums. Er ist in Leipzig aufgewachsen, wollte eigentlich mal Arzt werden, verließ die DDR kurz vor der Wende. Das Medizinstudium hat er 1989 in Köln fortgesetzt, abgeschlossen hat er es nicht. Adler sattelte um, auf Politikwissenschaft und Staatsrecht, später arbeitete er für den SPD-Altvorderen Hans-Jochen Vogel und für den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau, mit dem er auch ins Bundespräsidialamt wechselte.

2008 folgte dann die klassische Karriere eines Bundesbeamten: Erst wurde er Referatsleiter im damaligen Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. 2012 wechselte er zurück nach Nordrhein-Westfalen, wurde beamteter Staatssekretär für Bauen und Stadtentwicklung. 2014 ging es zurück nach Berlin, ins damalige Bundesumweltministerium, dem man kurzerhand zwei Bauabteilungen einverleibt hatte. Und 2018 wurde Adler mit den beiden Abteilungen verpflanzt; dieses Mal ins Bundesinnenministerium.