Tarek Al-Wazir Grüner mit Bodenhaftung

Er ist Wirtschaftsminister der schwarz-grünen Koalition in Hessen: Tarek Al-Wazir.

(Foto: dpa)

Dass Schwarz-Grün seit 2014 in Hessen funktioniert, ist auch Tarek Al-Wazir zu verdanken. Der Wirtschaftsminister kann plötzlich auf das Amt des Ministerpräsidenten hoffen.

Von Clara Lipkowski

Nach der Euphorie um den Wahlerfolg der Grünen in Bayern scheint nun für die Partei auch in Hessen alles möglich zu sein. Spitzenkandidat Tarek Al-Wazir wird für die Zeit nach der Landtagswahl am 28. Oktober schon als grüner Ministerpräsident gehandelt - damit wäre er der zweite in Deutschland neben Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg. Rein rechnerisch wäre das möglich - zumindest wenn alles so kommt, wie die Umfragen derzeit sagen.

In Hessen werden seiner Partei vom ZDF-Politbarometer 22 Prozent vorausgesagt. Dass der gebürtige Offenbacher Al-Wazir als Chef in die Wiesbadener Staatskanzlei einzieht, ist dennoch unwahrscheinlich. Dafür müsste er mit SPD und Linken koalieren, ein in Hessen umstrittenes Bündnis. 2008 war diese Konstellation gescheitert, damals am Widerstand einiger SPD-Abgeordneter. Auch eine Koalition aus Grünen, SPD und FDP scheint möglich. Am wahrscheinlichsten ist dennoch, dass Regierungschef Volker Bouffier (CDU) im Amt bleibt - womöglich an der Spitze einer Jamaika-Koalition.

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Dass Al-Wazir überhaupt für das höchste Amt in Hessen gehandelt wird, liegt auch daran, dass er es als Grüner seit 2014 schafft, mehr oder weniger geräuschlos im Bündnis mit der CDU zu regieren. Al-Wazir, in Hessen stellvertretender Ministerpräsident und Wirtschaftsminister, ist einer der Architekten des ungewöhnlichen Bündnisses.

In Hessen sind sich die beiden Parteien in wichtigen sicherheitspolitischen Themen wie dem Polizeigesetz einig geworden. In Bayern zum Beispiel sind die Grünen gegen die Polizeigesetzesnovellierung der CSU lautstark protestieren gegangen. Erst vor Kurzem hat der dortige Ministerpräsident Markus Söder (CSU) eine Koalition mit den Grünen abgelehnt. Auch weil die Auffassungen ihm zufolge in der Flüchtlingspolitik zu unterschiedlich seien.

Al-Wazir hat seine Partei in Hessen aus einem Tief geholt. Bei der Landtagswahl 1999 hatte sie vier Prozentpunkte verloren. Vier Jahre später schafften die Grünen 10,1 Prozent. Al-Wazir, damals Anfang dreißig, hatte seine Partei als Fraktionsvorsitzender wieder in den zweistelligen Bereich gesteuert.

Dass der Sohn eines Jemeniten und einer Deutschen Politiker werden würde, könnte man als logische Entwicklung sehen, Verwandte seines Vaters waren im Jemen Politiker geworden und daheim in Offenbach wurde ohnehin immer viel diskutiert. "Und es blieb eben nicht dabei", erzählt Al-Wazir auf der Webseite der Grünen, "es wurde auch immer gefragt, was können wir konkret tun - und das am besten schon am nächsten Wochenende." Seine Mutter, er bezeichnet sie als "Altachtundsechzigerin", schleppte ihn mit zu Demonstrationen, politisierte ihn früh.

Mit 14 Jahren ging er in den Jemen

Mit 14 Jahren ging er in das Heimatland seines Vaters und lernte in einer internationalen Schule Englisch und Arabisch und Mitschüler aus aller Welt kennen. Nach zwei Jahren entschied er sich, zu seiner Mutter nach Deutschland zurückzukehren. Dort trat er 1989, noch vor dem Abitur, den Grünen bei. Er studierte Politikwissenschaft in Frankfurt am Main und wurde für zwei Jahre Vorsitzender der Grünen Jugend in Hessen. 1995 wurde er erstmals Abgeordneter im Landtag und blieb es bis 2017.

Heute gilt Al-Wazir als einer, der gerne verbal zuspitzt, aber gleichzeitig nicht durch Hybris oder Aufdringlichkeit auffällt. Letzteres zeigt sich in einem Interview mit der FAZ: Darin erklärt er den derzeitigen Höhenflug der Grünen im Grunde mit dem Motto "Die Schwäche der einen ist die Stärke der anderen", die anderen sind in diesem Fall CDU/CSU und SPD. "Wir können solche Höhen wie derzeit nur erreichen, weil es die Volksparteien in der alten Form so nicht mehr gibt", sagt er.

Das klingt verdächtig nach einer Äußerung von 2011. Damals feierten die Grünen in Deutschland Wahlerfolge auf Landes- und Kommunalebene, Al-Wazir ließ sich in der Taz mit der Aussage zitieren: "Die Grünen müssen aufpassen, dass sie sich nicht größer machen als sie sind." Diese Bodenhaftung kommt bei den Hessen gut an: Sie wählten ihn wiederholt zum beliebtesten Politiker in ihrem Bundesland.

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