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Landwirtschaft:Bundestag verbietet Kükenschreddern

Küken

Wenige Tage alte Küken in einem Hähnchenmastbetrieb in Mecklenburg-Vorpommern.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Ab Anfang 2022 soll es nicht mehr erlaubt sein, Küken massenhaft zu töten. Damit endet eine jahrelange Debatte - zumindest vorläufig.

Von Kathrin Müller-Lancé

Mit dem massenhaften Töten männlicher Küken in der Legehennenzucht soll ab Anfang 2022 in Deutschland Schluss sein. Das legt ein Verbot von Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) fest, das der Bundestag am Donnerstagabend beschlossen hat.

Statt der umstrittenen Praxis sollen künftig Verfahren eingesetzt werden, mit denen sich das Geschlecht im Ei erkennen lässt. Ist das Küken männlich, wird es nicht weiter bebrütet und schlüpft so gar nicht erst. Das Ei wird entsorgt. Ab Anfang 2024 sollen dann nur noch Methoden erlaubt sein, die schon vor dem siebten Bruttag greifen. So soll verhindert werden, dass die Hühnerembryonen Schmerz empfinden. Ein Küken wird normalerweise 21 Tage lang ausgebrütet.

"Damit sind wir weltweit Vorreiter", sagte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU). Um das Kükentöten jetzt rechtssicher verbieten zu können, seien Millionenbeträge in Spitzenforschung investiert worden. Den Brütereien stünden dadurch nun Alternativen zur Verfügung. "Wir lagern Tierschutzfragen nicht einfach ins Ausland aus, sondern bieten hier in Deutschland eine Lösung an", so die Ministerin. Das Modell der Geschlechtserkennung im Ei wolle man auch ins Ausland exportieren.

Die Entscheidung des Bundestages beendet eine lange Diskussion. Schon seit Jahren fordern Tierschützer und Politikerinnen ein Ende der umstrittenen Praxis. Bislang werden in Deutschland jährlich mehr als 40 Millionen männliche Küken kurz nach dem Schlüpfen routinemäßig getötet - weil sie keine Eier legen und nur wenig Fleisch ansetzen. Für die Lebensmittelindustrie gelten sie daher als unbrauchbar, ihre Aufzucht lohnt sich nicht. Auch wenn immer wieder von "Schreddern" die Rede ist, werden die Tiere meist mit Gas getötet.

Immer wieder gab es Pläne für ein Verbot

Schon 2016 forderten die Grünen in einem Antrag im Bundestag, das Kükentöten zu verbieten. Damals lehnten die Regierungsfraktionen von Union und SPD ab. Ein Argument: Ein Verbot berge die Gefahr, dass die Tierhalter ihre Produktion ins Ausland verlagern. Klöckners Vorgänger, der ehemalige Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU), kündigte zwar immer wieder ein Ende des Kükentötens an - setzte schlussendlich aber kein Verbot durch. Im Koalitionsvetrag von 2017 dann vereinbarte die Große Koalition, "das Töten von Eintagsküken" bis zur Mitte der Legislaturperiode zu beenden. Das wäre 2019 gewesen. Als Hauptproblem galt lange, dass die Technik zur Geschlechtsbestimmung im Ei noch nicht ausgereift war.

Ein wichtiger Schritt kam dann 2019: Damals entschied das Bundesverwaltungsgericht, dass das Töten von männlichen Küken nur noch übergangsweise erlaubt ist. Die Richterinnen und Richter verfügten, dass Tierschutzbelange schwerer wiegen müssten als wirtschaftliche Interessen. Das Leben der männlichen Küken habe einen "Eigenwert". Seit 2002 steht der Tierschutz im Grundgesetz.

Die großen Lebensmittelhändler stellen sich unterdessen auf das Verbot der Kükentötung ein. Edeka, Rewe, Aldi, Lidl und Kaufland kündigten an, ihr Sortiment entsprechend umzustellen. Dabei setzen die Unternehmen auf zwei Strategien: besagte Geschlechterbestimmung im Ei und das "Bruderhahn-Konzept". Bei Letzterem werden nicht nur die Legehennen, sondern auch ihre Brüder aufgezogen. Die Aufzucht von Masthähnen ist eigentlich unüblich, weil sie nicht rentabel ist.

Manchen reicht der Beschluss des Bundestages trotzdem noch nicht. Der Tierschutzbund betonte zuletzt, dass das Verbot nicht der letzte Schritt seien dürfe. Nur die Abkehr von der Hochleistungszucht und die Förderung von Zweinutzungshühnern, also "Bruderhähnen", bringe ein echtes Mehr ans Tierschutz. Der FDP-Agrarpolitiker Gero Hocker warnte im Vorfeld der Entscheidung vor einem nationalen Alleingang: "Zukünftig werden noch mehr Produkte aus dem Ausland in unseren Regalen landen. Den Einfluss auf die Produktionsbedingungen wie das Tierwohl verlieren wir dann immer mehr." Nötig sei ein EU-weites Verbot des Kükentötens.

© SZ
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