Kükenschreddern Warum es so schwierig ist, das Geschlecht eines Kükens zu bestimmen

Frisch geschlüpfte Küken: Die männlichen werden normalerweise umgebracht.

(Foto: STA Franz X. Fuchs)
  • Schon seit Jahren setzen Landwirtschaftsminister darauf, dass Forscher ein Verfahren entwickeln, mit dem man das Geschlecht eines Kükens schon vor dem Schlüpfen bestimmen kann.
  • Es wird intensiv an vielen Methoden gleichzeitig geforscht. Um serienreif zu werden, muss eine solche Technik aber 200 000 bis 300 000 Eier verarbeiten können.
Von Jan Heidtmann

Auf der Suche nach einem Ende des millionenfachen Kükentötens ist das Bundesverwaltungsgericht jetzt dort angekommen, wo schon das Landwirtschaftsministerium vor Jahren strandete: beim Prinzip Hoffnung. Darauf, dass es sehr bald ein Verfahren gibt, mit dem das Geschlecht eines Kükens noch lange vor dem Schlüpfen bestimmt werden kann. Schon Christian Schmidt, CSU-Bundeslandwirtschaftsminister von 2014 bis 2018, vertröstete Tierschützer damit, dass eine solche Technik sehr bald serienreif sei: "Mein Ziel ist, dass wir bis 2017 kein Kükenschreddern mehr haben werden." Seine Nachfolgerin Julia Klöckner setzt genauso darauf, wie nun auch das Gericht in Leipzig. Angesichts der technischen Entwicklung ist das mindestens gewagt. Das im Koalitionsvertrag vereinbarte Ziel, bis zum Herbst 2019 eine Lösung zu haben, wird jedenfalls nicht zu halten sein.

Weltweit wird ernsthaft an etwa zehn unterschiedlichen Verfahren gearbeitet. Die Herausforderung dabei ist, dass das Innere des Eis zur Bestimmung des Geschlechts nicht beschädigt werden sollte, sonst drohen Keime einzudringen. Gleichzeitig muss eine solche Technik für die Serienreife schnell genug sein, um auch die täglich 200 000 bis 300 000 Eier in einer Großbrüterei verarbeiten zu können. Der Ansporn ist, dass es mit der Geschlechtsbestimmung eine günstige Methode gäbe, um das Kükentöten zu beenden. Zur Zeit wird mit einem zusätzlichen Aufwand von etwa anderthalb Cent pro Ei gerechnet. Alternative Methoden wie das Bruderhahn-Projekt oder das Zweinutzungshuhn, bei dem auch die männlichen Küken aufgezogen werden, sind wesentlich teurer.

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Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat die Forschung zur Geschlechtsbestimmung in Deutschland bislang mit rund 6,5 Millionen Euro gefördert. Zwei Ansätze erscheinen dabei besonders aussichtsreich zu sein: Das sogenannte spektroskopische Verfahren, an dem die TU Dresden und die Universität Leipzig gemeinsam arbeiten. Dabei wird ausgenutzt, dass anhand der Blutstruktur im Ei festgestellt werden kann, ob es eine Henne oder ein Hahn wird. Dies ist bereits vier Tage nach der Befruchtung mithilfe von Lichtwellen möglich. Experten gehen jedoch davon aus, dass es bis zur Serienreife noch einige Zeit dauern wird.

Erfolgversprechender ist da die zweite, die endokrinologische Methode, bei der die geschlechtsrelevanten Hormone im Ei untersucht werden. Ein Verfahren, das erst am achten oder neunten Tag nach der Befruchtung möglich ist. Der Kükenembryo, der 21 Tage bis zum Schlüpfen braucht, ist da schon relativ weit entwickelt. Zur Geschlechtsbestimmung muss ein Tropfen Flüssigkeit aus dem Ei entnommen werden, der dann getestet wird.

Im November 2018 konnte schon der erste Erfolg gefeiert werden: Die Firma Seleggt, die 2017 gegründet wurde, um ein Verfahren zur Geschlechtsbestimmung zu entwickeln, stellte die erste funktionsfähige Technik dafür vor. Inzwischen beliefern die Kölner aus ihrer Testbrüterei 380 Rewe- und Pennymärkte in Berlin und Umland. Bis Ende des Jahres sollen alle 5500 Märkte des Konzerns in Deutschland mit den Eiern von Seleggt versorgt werden.

Ludger Breloh, Geschäftsführer von Seleggt dämpft dennoch die Erwartungen: "Wir können zwar das Geschlecht bestimmen, aber wir sind noch zu langsam." Derzeit gelinge es, in der Stunde 3000 Eier zu sortieren. "Das reicht noch lange nicht, um Großbrütereien mit unserer Technik zu beliefern." Breloh hofft so oder so, dass das Seleggt-Verfahren nur "eine Brückentechnologie ist". Mittelfristig setzt er auf das Zweinutzungshuhn.

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