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Debatte um Klimawandel:Die Dramatik wird wegmoderiert

Klimawandel: Klimaprotest vor Bundeskanzleramt

Deutschland im September: Klimaaktivisten protestieren vor dem Bundeskanzleramt.

(Foto: Christoph Soeder/dpa)

Der Liberalismus verstand sich einst als rational und innovationsfreudig. Ausgerechnet er zeigt sich gegenüber Fridays for Future nun als starr und lernblockiert.

"Auf die Frage danach, was eine Lebensform gut oder angemessen macht, gibt es (...) zwar keine positive Antwort", schreibt die Philosophin Rahel Jaeggi in ihrem Buch "Kritik von Lebensformen". "Es gibt aber eine negative und indirekte: Misslingende Lebensformen leiden an einem kollektiven praktischen Reflektionsdefizit, an einer Lernblockade." Eine Lebensform lässt sich für Jaeggi danach bewerten, wie sie auf Herausforderungen reagiert: Ob sie in Krisensituationen ihre eigenen Werte, ihr eigenes Handeln, ihre eigenen Praktiken zu reflektieren und Lösungen zu entwickeln vermag oder nicht.

Ob eine Lebensform scheitert, ist demnach abhängig davon, ob sie fähig ist zu lernen, sich anders auszurichten und zu verändern. Das setzt zunächst voraus, dass Krisenerfahrungen überhaupt als solche realistisch wahrgenommen werden. Aber es braucht auch ein Minimum an Optimismus. Es braucht die Überzeugung, überhaupt etwas ausrichten zu können. Jene Lebensformen, die Krisenphänomene verdrängen, werden letztlich ebenso misslingen wie jene, die nicht an ihre Fähigkeit glauben, etwas gestalten zu können.

Nüchtern betrachtet ist es das, was die Existenzkrise des Klimawandels aufzeigen wird: Ob unsere Lebensform funktionsfähig ist, ob sie in der Lage ist, auf die Probleme der Erderwärmung, des Abschmelzens der Eisschilde, des Anstiegs des Meeresspiegels, des Verlusts der Artenvielfalt, also die Zerstörung der eigenen Lebensgrundlagen zu reagieren - oder ob wir an unserem kollektiven Reflektionsdefizit scheitern.

Nun ließe sich wohlwollend annehmen, dass jene politische Tradition, die sich selbst als besonders rational und innovationsfreudig versteht, auch besonders geeignet wäre, mit solchen Krisen umzugehen. Es mutet wie eine ironische Verkehrung der eigenen Ideengeschichte an, dass ausgerechnet der Liberalismus im Angesicht der Klimakrise absichtlich undynamisch und unabsichtlich lernblockiert daherkommt. Ausgerechnet eine Partei, deren Programmatik darin besteht, sich als un-ideologisch zu behaupten, entblößt in diesem historischen Moment vor allem abwehrendes Ressentiment. Nicht allein gegenüber dem politischen Gegner - das gehört zum parlamentarischen Ritual -, sondern auch gegenüber wissenschaftlicher Expertise und jenen, die sie ernst nehmen.

Es überrascht, mit welch autodestruktiver Kraft die Liberalen gegen Fridays for Future agitieren

"Liberalismus bedeutet Vertrauen in den Menschen", hatte Christian Lindner neulich noch in einem Interview mit der Zeit erklärt, "seine Mündigkeit und seine Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen", was überzeugend wäre, wenn es auch als stabile Überzeugung durchgängig gälte - und nicht bei der ersten Konfrontation mit tatsächlich aufgeklärt mündigen Menschen, die Verantwortung für das eigene Handeln und die eigene Lebensweise übernehmen wollen, diese ungehemmt denunziert würden. Es überrascht, mit welch autodestruktiver Kraft die Liberalen gegen "Fridays for Future" agitieren, obgleich sie dabei genau jenen rationalen Gestaltungsoptimismus dämonisieren müssen, der diese auszeichnet, und der ursprünglich mal zum eigenen politischen Vokabular gehörte.

Anstatt eine realistische Einschätzung der Klimakrise zu gewinnen, wird deren Dramatik wegmoderiert, um denen, die dringende, komplexe Reformen fordern, unrealistische, unterkomplexe Panikmache zu unterstellen. Anstatt nüchtern die Klimafolgenforschung zu analysieren und nach geeigneten politischen Instrumenten zu suchen, werden die Möglichkeiten des gesellschaftlichen Lernens, der diskursiven Vermittlung notwendiger Veränderung ideologisiert als "Umerziehung". Das Erstaunlichste ist vielleicht, wie der gegenwärtige politische Liberalismus mit einem Repertoire an populistischen Trigger-Begriffen wie "Verbot", "Askese" und "Verzicht" das eigene Reflektionsdefizit zu maskieren sucht.

Was ist aus dem Liberalismus geworden, dessen Freiheitsbegriff einmal mehr war als bloße De-Regulierung des Marktes, dessen Freiheitsbegriff noch seine eigenen Bedingungen mit zu verhandeln wusste, dessen Freiheitsbegriff mehr meinte als technisch-konsumistische Selbstoptimierung der Person? "Individuelle Selbstbestimmung ist (...) konstitutiv für unser Selbstverständnis ebenso wie für unsere Idee von Recht und Politik", schreibt die Philosophin Beate Rössler in "Autonomie. Ein Versuch über das gelungene Leben", "in dem Sinn, dass wir nachdenken können, was wir wirklich wollen im Leben."

Was die ökologische Bewegung weltweit artikuliert, ist eben keine Umerziehung, sondern ist Ausdruck ihrer aufgeklärten Autonomie. Fridays for Future symbolisiert nichts stärker als einen Freiheitswillen, der sich nicht zwingen lassen will in eine Lebensform, die nicht nur ausbeuterisch Ressourcen vernichtet, sondern die schlicht dysfunktional und nicht überlebensfähig ist.

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Die Freiheit ist bei den Liberalen zum leeren Signifikanten geworden

Was neuerdings als vermeintlich antiliberaler "Verzicht" abgewertet wird, ist das, was früher einmal "Wahl" hieß und Grundelement jeder liberalen Erzählung war. Wir können wählen, wie wir leben wollen, wir können mitbestimmen, welche Art der Landwirtschaft, welche Form der Mobilität wir als Gesellschaft wollen, wir können mitbestimmen, ob und wie wir teilen und umverteilen wollen, wir können mitverhandeln, was für uns ein freies, solidarisches und gerechtes Leben bedeutet, im lokalen und im globalen Kontext. Und ja, es lässt sich auch autonom entscheiden, etwas nicht zu wollen. Bewusster Dissens kann so Ausdruck von Freiheit sein wie unbewusste Affirmation von Entfremdung.

Vielleicht erklärt das die Paralyse der Liberalen der Gegenwart: dass ihnen in Fridays for Future vorgeführt wird, was ein anspruchsvoller Begriff von Freiheit, von dem man sich selbst schon längst verabschiedet hat, bedeuten könnte. Die Freiheit ist bei den Liberalen zum leeren Signifikanten geworden, der zwar noch zitiert wird, aber nicht mehr gefüllt mit Substanz. Wer keinen Begriff des Politischen mehr hat, der nicht vom Ökonomischen durchzogen ist, wer keinen kollektiven Gestaltungswillen mehr hat, weil das schon zu viel der Regulierung bedeutet und nur noch "Technikoffenheit" vor sich herträgt, der macht sich trostlos überflüssig.

Kolumne von Carolin Emcke

Carolin Emcke, Jahrgang 1967, ist Autorin und Publizistin. Im Jahr 2016 wurde sie mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Alle Kolumnen von ihr lesen Sie hier.