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Nahostkonflikt:Raketenhagel auf die Eisenkuppel

Streaks of light are seen as Israel's Iron Dome anti-missile system intercepts rockets launched from the Gaza Strip towards Israel, as seen from Ashkelon

Leuchtstreifen der israelischen Abwehrraketen erhellen den Nachthimmel über der israelischen Stadt Aschkelon.

(Foto: AMIR COHEN/REUTERS)

Mit massiven Salven versucht die Hamas, Israels Raketenabwehr zu überwältigen - einige der Flugkörper dringen durch. Andere Mächte werden daraus Schlüsse für ihre Militärtaktik ziehen.

Von Paul-Anton Krüger

Leuchtende Feuerschweife erhellen die stockfinstere Nacht über dem Gazastreifen. Im Sekundentakt feuern Kämpfer der Hamas Raketen auf Israel. Ihr Ziele liegen nicht nur im Süden Israels. Sie attackieren auch den Großraum Tel Aviv. Am Donnerstag heulen sogar im Norden die Sirenen, jenem Landesteil, der am weitesten entfernt ist von dem Palästinensergebiet am Mittelmeer. Mehr als 100 Raketen haben die radikalen Islamisten nach eigenen Angaben mehrmals binnen weniger Minuten abgefeuert. Sechsmal in einer halben Stunde gab es allein in Tel Aviv in der Nacht zum Mittwoch Luftalarm für die 2,5 Millionen Menschen in Israels größtem Ballungsraum.

Mehr als 1700 Raketen binnen 72 Stunden hat die israelische Armee gezählt. Sie kommen in massiven Salven. Im gesamten Gaza-Krieg 2014 waren es etwa 4500 - in mehr als 50 Tagen und den drei Wochen, die dem Konflikt vorausgingen. Das zeigt die Eskalation des Beschusses. Die Hamas versucht auf diese Weise offenbar, die Kapazität der israelischen Raketenabwehr zu überwältigen - dass dabei vor allem zivile Ziele getroffen werden, ist Teil der Strategie der im Westen als Terrororganisation eingestuften Gruppe.

400 der Geschosse schlugen noch im Gazastreifen ein - den Großteil der anderen machte Iron Dome unschädlich. "Obwohl Raketenabwehr und die ballistischen Raketen der Gegenseite seit Jahren eine Säule meiner täglichen Arbeit sind - DAS ist etwas, von dem ich nie gedacht hätte, es zu sehen", twitterte der israelische Militärexperte Tal Inbar zu Videoaufnahmen der Abfangraketen über Tel Aviv. Den Himmel durchzogen leuchtende Punkte, die Triebwerke der Abfangraketen. Aber je mehr Raketen auf einmal anfliegen, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass einige den Schirm durchdringen.

Israel verfügt über eine mehrlagige Raketenabwehr, die Flugkörper unterschiedlicher Größen und Reichweiten bekämpfen kann - und sich damit letztlich auch gegen unterschiedliche Feinde richtet, vor allem die "Achse des Widerstands", wie sich das gegen Israel gerichtete Bündnis aus Iran, Syrien, der libanesischen Hisbollah-Miliz und der Hamas bezeichnet.

Schutzschirm mit mehreren Lagen

Arrow 3 und Kela David (Davids Schleuder) dienen zur Abwehr ballistischer Raketen mittlerer und großer Reichweiten, über die zum Beispiel Iran verfügt, Israels Erzfeind, aber auch einige arabische Staaten. Amerikanische Patriot-Batterien, das in Israel entwickelte Barak-8-System und Arrow 2 sollen ballistische Raketen mittlerer Reichweite sowie Marschflugkörper und Drohnen unschädlich machen, mit denen die mit Iran verbündeten Huthis in Jemen mehrfach Ölanlagen in Saudi-Arabien in Brand geschossen haben.

Die Hisbollah in Libanon, die von Iran kontrolliert wird, und Einheiten der iranischen Revolutionsgarden in Syrien verfügen über solche Waffen. Iran versucht dort Produktionsstätten aufzubauen - was Israel mit regelmäßigen Luftangriffen in dem Nachbarland unterbinden will. Die Hisbollah hat nach israelischen Schätzungen ein Arsenal von 150 000 Raketen angelegt, darunter mehrere Tausend, die den Großraum Tel Aviv bedrohen.

Gegen ballistische Kurzstreckenraketen sowie Artillerieraketen und großkalibrige Mörsergranaten der Hamas und der Hisbollah soll die von Israel mit amerikanischer Unterstützung und Finanzierung entwickelte "Eisenkuppel", Iron Dome, die Bevölkerung des kleinen Landes schützen. Das System besteht jeweils aus einer Radaranlage und einer Kommandoeinheit, die bis zu vier mobile Starteinheiten steuert, jeweils mit 20 Raketen bestückt.

Es kann etliche Ziele gleichzeitig erfassen und mit seinen Abwehrraketen bekämpfen. Auf anfliegende Raketen, die der berechneten Flugbahn nach in unbewohntem Gebiet niedergehen, feuert es nicht. Um sicherzugehen, dass Flugkörper oder Geschosse zerstört werden, schießt Iron Dome zwei Abwehrraketen auf jedes Ziel. Nach israelischen Angaben erreicht es damit eine Trefferquote von annähernd 90 Prozent.

Ein israelischer Mann erkundet in der Stadt Petach Tikwa die Schäden an einem Wohngebäude nach einem Raketenangriff der Hamas aus dem Gazastreifen.

(Foto: GIL COHEN-MAGEN/AFP)

Dennoch haben etliche Raketen die Abwehrsysteme überwunden. In Aschkelon, im Großraum von Tel Aviv und in der zentralisraelischen Stadt Lod schlugen Raketen in Wohngebieten ein. Dabei wurden fünf Zivilisten getötet - ein Bus, der getroffen wurde, war zum Glück leer, eine Schule ebenso. Militärisch ist der Effekt gering, psychologisch dagegen groß: Die Bevölkerung wird terrorisiert, in Angst und Schrecken versetzt.

Die Hamas hatte in den vergangenen Tagen Propagandavideos von Mehrfach-Raketenwerfern verbreitet. Diese können acht der offenbar neuen A-120-Raketen mit einer angeblichen Reichweite von 120 Kilometern jeweils in sehr schneller Folge abfeuern. Technische Hilfe bei der Produktion soll aus Iran gekommen sein. Der israelischen Luftwaffe ist es trotz ihrer mehr als 600 Angriffe auf Ziele im Gazastreifen bis Donnerstagabend offenbar nicht gelungen, die Stellungen auszuschalten, die teils in Sanddünen vergraben sind. Iran und die Hisbollah jedenfalls werden Schlüsse aus dem Waffengang für ihre militärischen Pläne ziehen.

© SZ
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