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Nationalratswahl 2013:Österreich ist nur unwesentlich weniger katholisch als der Vatikan

Das ist nämlich auch Österreich: Als Werner Faymann vor einigen Jahren eine Rede zur Nation hielt, wurde danach erst der Bundespräsident mit Handschlag begrüßt, dann der Kardinal, danach erst die Minister. Das Land ist nur unwesentlich weniger katholisch als der Vatikan.

Deutlich mehr Unterhaltung bietet der Blick auf die Oppositionsbänke. Hier fallen zwei Personen besonders auf: der Oppositionsführer Heinz-Christian Strache von der FPÖ und der Quereinsteiger Frank Stronach. Der austrokanadische Magna-Milliardär tritt mit einer eigenen Liste an; dazu hat er sich, wie auch immer, Abgeordnete aus anderen Parteien ins Boot geholt und um einige Glücksritter ergänzt.

Außerdem gibt es da noch die Grünen und das BZÖ. Eva Glawischnig, die Chefin der Grünen, ist klug, kompetent, sympathisch und möglicherweise wirklich in der Lage, etwas für das Land zu leisten, was in Österreich aber quasi automatisch von der Regierungsverantwortung ausschließt.

Das "Bündnis Zukunft Österreich" wiederum ist eine Abspaltung von der FPÖ. Das Personal besteht weitgehend aus politischen Leichen aus Jörg Haiders Zeit, der das BZÖ 2006 gegründet hatte. Es wird wohl nach der Wahl verschwinden, obwohl sein Spitzenkandidat Josef Bucher als Sachpolitiker durchaus beschlagen ist.

Stillstand. Visionslosigkeit. Langeweile.

Vom Standpunkt heiterkeitsgieriger Beobachter aus ist jedenfalls die Beschäftigung mit Strache und Stronach weit ergiebiger. Der gelernte Zahntechniker Heinz-Christian Strache war in seiner Jugend in äußerst rechten Kameradschaften unterwegs, hetzt gegen Ausländer und fuchtelt schon mal bei Ansprachen gegen den Bau einer geplanten Moschee mit einem großen Kreuz herum. Auf seinen Plakaten steht: "Liebe deinen Nächsten!" - und man sieht eine alte Frau, die Strache zärtlich das Kinn streichelt.

Wenige Menschen in Österreich sind so verhasst wie er, seine politischen Positionen sind mehr als problematisch, einige Leute in der Partei hinter ihm Fälle für den Staatsanwalt oder den Nervenarzt. Merkwürdigerweise wirkt er abseits von Kameras sympathisch. Aber das war bei Pim Fortuyn ja auch nicht anders.

Frank Stronach ist 81 und der geistige Erbe von Richard Lugner. Lugner lädt jedes Jahr für viel Geld einen Prominenten aus der weiten Welt zu sich in seine Opernballloge ein, ziert sich mit fünfzig Jahre jüngeren Freundinnen und wollte 1998 Bundespräsident werden, wobei er zehn Prozent der Stimmen bekam.

Stronach ist für die Todesstrafe "für Berufskiller", hat nichts dagegen, von der NSA bespitzelt zu werden, und macht sich für Zeitungsreporterinnen schon mal beherzt obenrum frei. Seine Auftritte in Fernsehstudios sind Legende. Er lässt andere nicht zu Wort kommen, duzt die Moderatoren und beschimpft das Publikum. Es macht Spaß, ihm zuzusehen.

Ja, es macht derzeit Spaß, in Österreich zu sein. Doch wir werden wieder bekommen, was wir verdienen: Stillstand. Visionslosigkeit. Langeweile. Die große Koalition.

Linktipp: Streitgespräch zwischen Schriftsteller Thomas Glavinic und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache in der Wiener Zeitung Der Standard vom 16. August 2013.

Thomas Glavinic, 41, ist Schriftsteller, Schachspieler und Fan des Fußballklubs SK Sturm Graz. Zuletzt erschien von ihm der Roman "Das größere Wunder". Glavinic wohnt in Wien.

© SZ vom 25.09.2013/odg
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