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Nationalratswahl 2013:Du, glückliches Österreich, wähle!

Thomas Glavinic in München, 2008

Der österreichische Schriftsteller Thomas Glavinic während einer Lesung in München im Jahre 2008.

(Foto: cath)

Der eine Kandidat ist ein Rätsel, der andere holt sich Rat vom Kardinal, ein dritter hetzt gegen Ausländer. Politik in Wien ist schaurig schön. Nach der Wahl aber kommt wohl, was wir Österreicher verdienen.

Gastbeitrag von Thomas Glavinic

Am 29. September wählt Österreich den Nationalrat. Um die österreichische Politik besser zu verstehen, muss man zwei wichtige Fakten kennen.

Erstens: Ein Viertel aller Österreicher lebt in Wien. Wien dominiert das Land wie in Europa sonst wohl nur noch London England. In Deutschland kann man von Berlin aus auf Hamburg oder München schauen. In Österreich heißen die Landeshauptstädte Graz, Linz oder Salzburg und haben zwischen nicht mal 100.000 und 250.000 Einwohner. Zum Vergleich: Wien hat 23 Bezirke, einer davon heißt Favoriten, dort leben knapp 180.000 Menschen.

Zweitens: Wien, das ist die Innere Stadt, jedenfalls politisch. Auf den drei Quadratkilometern des ersten Bezirks sind die meisten Ministerien untergebracht, die Hofburg, das Parlament. Beamte wie Abgeordnete und Minister essen gemeinsam oder mit Journalisten zu Mittag; zu diesen Stunden ist hier auch auf der Straße der sonderbare k.u.k.-Gruß "Mahlzeit!" üblich.

Diese Enge, dieser Filz

Man ist meist parteiübergreifend per Du. Diese österreichische Besonderheit muss der Betrachter verstehen, diese Enge, diesen Filz. Hier kennt man Menschen, die man nicht mag, "vom Wegschauen", aber man kennt sie.

Diese drei Quadratkilometer, das ist das politische Österreich.

Kein Wunder also, dass sich die Parteien in vielen Fragen gar nicht so sehr voneinander unterscheiden. Sehr unterscheidbar sind indes die Spitzenkandidaten. Die SPÖ stellt seit 2007 den Bundeskanzler; 2006 wurde Wolfgang Schüssel von der ÖVP abgewählt, der mit der FPÖ Jörg Haiders koaliert und in dessen Regierungszeit es zahlreiche Skandale gegeben hatte.

Sein Nachfolger wurde der Sozialdemokrat Alfred Gusenbauer. Dem traute man sogar zu, dass er ab und zu ein Buch in die Hand nimmt, so wurde er folgerichtig nach zwei Jahren von seinem Parteifreund Werner Faymann abgelöst, kurz nachdem die beiden zusammen einen unterwürfigen offenen Brief an den Herausgeber der mächtigen Kronen Zeitung geschrieben hatten, ein beispielloser Kniefall der Politik vor dem Boulevard.

Würde Angela Merkel ihre Politik der Bild unterwerfen und in einem kriecherischen Brief an den Chefredakteur auf dessen politische Forderungen eingehen? In Deutschland ruft höchstens der Bundespräsident an und droht mit Krieg - das ist wenigstens eine Haltung.

Werner Faymann ist eine der undurchsichtigsten Persönlichkeiten, die je die SPÖ geführt haben. Die Auszeichnung für den undurchsichtigsten Kanzler geht aber nach wie vor an den Konservativen Wolfgang Schüssel, bei dem man sich nicht sicher sein konnte, ob er abends für die Hausmusik die Geige auspackte oder ob er nicht doch nachts in einem Geheimverlies Zuchtspinnen zusah, wie sie sich gegenseitig zerfleischten.

Während Schüssels Regierungszeit konnte die Organisation einer Pressekonferenz die Republik schon mal 93.000 Euro kosten; dankbarer Kunde war eine dem Koalitionspartner nahestehende Agentur.

So etwas gibt es in dieser Form bei Werner Faymann nicht. Sein Auftreten ist zwischen Sparkassenvorstand und Pflichtschuldirektor zu verorten, er gibt sich volksnah und bleibt farblos. Er ist ein Rätsel, das niemand lösen will.

Nicht viel aufregender wird es bei seinem konservativen Herausforderer Michael Spindelegger, mit dem Faymann seit fünf Jahren in einer Großen Koalition sitzt. Der ist wie alle ÖVP-Chefs stramm katholisch, sehr beherrscht, geht morgens um sieben Uhr aus dem Haus und kommt gegen 22.30 Uhr zurück. Er ist ein Beamter der Macht und nicht zu unterschätzen.

Denn er scheint dem in der ÖVP ständig schwelenden Streit zwischen den Ländern und den Bünden zumindest insoweit gewachsen zu sein, als dass er für Ausgleich sorgt, Posten taktisch klug besetzt und sich mit dem einflussreichsten Konservativen, Niederösterreichs Erwin Pröll, genauso intensiv berät wie mit dem Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn.

Österreich ist nur unwesentlich weniger katholisch als der Vatikan

Das ist nämlich auch Österreich: Als Werner Faymann vor einigen Jahren eine Rede zur Nation hielt, wurde danach erst der Bundespräsident mit Handschlag begrüßt, dann der Kardinal, danach erst die Minister. Das Land ist nur unwesentlich weniger katholisch als der Vatikan.

Deutlich mehr Unterhaltung bietet der Blick auf die Oppositionsbänke. Hier fallen zwei Personen besonders auf: der Oppositionsführer Heinz-Christian Strache von der FPÖ und der Quereinsteiger Frank Stronach. Der austrokanadische Magna-Milliardär tritt mit einer eigenen Liste an; dazu hat er sich, wie auch immer, Abgeordnete aus anderen Parteien ins Boot geholt und um einige Glücksritter ergänzt.

Außerdem gibt es da noch die Grünen und das BZÖ. Eva Glawischnig, die Chefin der Grünen, ist klug, kompetent, sympathisch und möglicherweise wirklich in der Lage, etwas für das Land zu leisten, was in Österreich aber quasi automatisch von der Regierungsverantwortung ausschließt.

Das "Bündnis Zukunft Österreich" wiederum ist eine Abspaltung von der FPÖ. Das Personal besteht weitgehend aus politischen Leichen aus Jörg Haiders Zeit, der das BZÖ 2006 gegründet hatte. Es wird wohl nach der Wahl verschwinden, obwohl sein Spitzenkandidat Josef Bucher als Sachpolitiker durchaus beschlagen ist.

Stillstand. Visionslosigkeit. Langeweile.

Vom Standpunkt heiterkeitsgieriger Beobachter aus ist jedenfalls die Beschäftigung mit Strache und Stronach weit ergiebiger. Der gelernte Zahntechniker Heinz-Christian Strache war in seiner Jugend in äußerst rechten Kameradschaften unterwegs, hetzt gegen Ausländer und fuchtelt schon mal bei Ansprachen gegen den Bau einer geplanten Moschee mit einem großen Kreuz herum. Auf seinen Plakaten steht: "Liebe deinen Nächsten!" - und man sieht eine alte Frau, die Strache zärtlich das Kinn streichelt.

Wenige Menschen in Österreich sind so verhasst wie er, seine politischen Positionen sind mehr als problematisch, einige Leute in der Partei hinter ihm Fälle für den Staatsanwalt oder den Nervenarzt. Merkwürdigerweise wirkt er abseits von Kameras sympathisch. Aber das war bei Pim Fortuyn ja auch nicht anders.

Frank Stronach ist 81 und der geistige Erbe von Richard Lugner. Lugner lädt jedes Jahr für viel Geld einen Prominenten aus der weiten Welt zu sich in seine Opernballloge ein, ziert sich mit fünfzig Jahre jüngeren Freundinnen und wollte 1998 Bundespräsident werden, wobei er zehn Prozent der Stimmen bekam.

Stronach ist für die Todesstrafe "für Berufskiller", hat nichts dagegen, von der NSA bespitzelt zu werden, und macht sich für Zeitungsreporterinnen schon mal beherzt obenrum frei. Seine Auftritte in Fernsehstudios sind Legende. Er lässt andere nicht zu Wort kommen, duzt die Moderatoren und beschimpft das Publikum. Es macht Spaß, ihm zuzusehen.

Ja, es macht derzeit Spaß, in Österreich zu sein. Doch wir werden wieder bekommen, was wir verdienen: Stillstand. Visionslosigkeit. Langeweile. Die große Koalition.

Linktipp: Streitgespräch zwischen Schriftsteller Thomas Glavinic und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache in der Wiener Zeitung Der Standard vom 16. August 2013.

Thomas Glavinic, 41, ist Schriftsteller, Schachspieler und Fan des Fußballklubs SK Sturm Graz. Zuletzt erschien von ihm der Roman "Das größere Wunder". Glavinic wohnt in Wien.

© SZ vom 25.09.2013/odg
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