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Franz Müntefering:Interessante Analyse, aber was hat denn nun die SPD falsch gemacht?

Nicht nur die SPD, sondern auch die CDU ist abgestraft worden. Angela Merkels typische Art, die Probleme nicht richtig anzusprechen, hat sicher zum Erfolg der AfD beigetragen. Bei der Kanzlerin hat das System. Sie will sich einfach Ärger in vielen Dingen ersparen, aber letztendlich ist Demokratie auf Aufklärung angewiesen. Und dann muss man Menschen überzeugen und nicht nur alternativlos etwas hinknallen.

"Opposition ist Mist", haben Sie mal gesagt, gilt das noch?

Genauer: "Demokratie braucht auch Opposition, aber lasst das die anderen machen. Wir wollen regieren, denn Opposition ist Mist." Das habe ich 2004 gesagt, als ich Vorsitzender wurde und in Teilen der SPD die Sehnsucht nach der Opposition grassierte.

Aber finden Sie es heute noch richtig?

Ja. Man kann darüber streiten, ob regieren doch besser wäre und Christian Lindner hat das ja auch gleich nach der Wahl getan. Nur wenn wir es jetzt noch mal in der Regierung versuchen würden, dann würden wir uns sofort anhören müssen, dass wir nicht von den Ministerämtern lassen können. Die Kritik ist verlogen.

Was für einen Umbau hat die SPD jetzt nötig?

Jedenfalls ist es mit kleinen Personalrochaden nicht getan.

Sie stellen Martin Schulz in Frage?

Nein, er ist als Parteivorsitzender gewählt und muss die SPD führen. Auf dem kommenden Parteitag muss sich die Partei personell und inhaltlich-strategisch darauf einstellen, wie sie die kommenden vier Jahre im Bundestag wirken will. Dazu muss sie sich aber gut überlegen, wie man das mit der Aufgabenverteilung zwischen Parteivorsitz und Fraktionsvorsitz machen will. Wenn das von Anfang an eine Konkurrenzfrage ist, bleibt das schwierig.

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War das jetzt ein kleiner Angriff auf Andrea Nahles?

Nein, beide können das bestimmt gut. Vielleicht andere auch. Ich meine aber, dass sie sich die Aufgaben vorher genau aufteilen sollten. Zwei Oppositionszentralen funktionieren nur bedingt. Wird Opposition in der Bundestagsfraktion organisiert oder in der Parteizentrale? Wir haben doch Erfahrung damit. Man braucht eine klare Verantwortungsstruktur.

Hätte Schulz nach seiner Wahl zum Kanzlerkandidaten nicht besser auch noch Außenminister werden sollen?

Im Nachhinein kann man das so sagen, aber die Frage ist jetzt müßig. Jedenfalls war es schwierig, außerhalb der Regierung Kritiker der Spitze zu sein und trotzdem an der Regierung beteiligt zu sein. Das war eine gewisse Schizophrenie.

War soziale Gerechtigkeit das richtige Thema?

Faktisch und taktisch ganz sicher, aber es wurde nicht der Renner in den großen Medien. Die Sensation und Irritationen gab es anderswo: Brexit, Donald Trump, die Türkei, Wahlen in den Niederlanden und Frankreich, Miseren in Landtagswahlen. Auch deshalb blieb im Bundestagswahlkampf vieles vordergründig.