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Europäische Union und ihre Zukunft:Wie sich die Verachtung für die Eliten erklären lässt

Sie schreiben, dass die EU in Osteuropa lange populärer war als die nationalen Regierungen, weil die Bürger Brüssel als Schutz vor Korruption in der Heimat ansahen. Die Flüchtlingskrise habe das Vertrauen der Osteuropäer in die EU zerstört. "Elite" ist in vielen Kreisen ebenso ein Schimpfwort geworden wie Flüchtling.

In der Rhetorik populistischer Parteien sind Migranten und Eliten Zwillinge. Beide Gruppen gehören nicht zum "Wir" des angeblichen Volks; beide bestehlen die aufrechte Mehrheit und rauben sie aus; beide bezahlen nicht die Steuern, die sie sollten und zugleich sind Migranten und Eliten in den Augen der Populisten gleichgültig oder sogar feindselig gegenüber den Traditionen des Heimatlands. Ich bin überzeugt, dass Loyalität zu einem politischen Schlüsselbegriff geworden ist.

Wieso soll Loyalität plötzlich wichtig sein?

Ich erkläre meine These immer mit dem Buch "Exit, Voice, and Loyality" von Albert Hirschmann. Er beschrieb zwei Reaktionen auf Enttäuschungen. Bin ich mit einem Produkt unzufrieden, dann schreibe ich selten einen Brief - ich kaufe einfach kein Schweppes mehr. Wenn genügend Leute dies tun, merkt die Firma das und verbessert entweder ihr Produkt oder wird vom Markt gedrängt. Das ist die Variante "Ausgang". In der Politik funktioniert das laut Hirschmann schlecht - hier gibt es die Variante "Stimme". Unzufriedene können Gleichgesinnte versammeln und in der Partei auf einen anderen Kurs drängen. Als das Buch 1970 erschien, ging Hirschmann von einer starken Loyalität der Bürger aus. Damals waren Scheidungen selten, die Bindungen an Parteien stärker, der Umzug in ein anderes Land eine Tragödie und eine Änderung der Religion ziemlich undenkbar.

Heute ist das anders.

Genau, es ist normal, dass Bürger die eine Partei wählen und das nächste Mal den politischen Gegner. Loyalität wird aber wichtig für jene Bürger, die in EU-Ländern leben, die viele verlassen haben. Sie fragen sich: "Wie kann ich Politikern vertrauen, die nur versuchen, Mobilität und Marktwirtschaft zu maximieren? Warum soll ich jemandem vertrauen, dessen Karriere darauf beruht, dass er sofort anderswo viel Geld verdienen kann, wenn es ihm in seiner Heimat nicht mehr gefällt?" Und diese Kritik an den neuen Eliten ist berechtigt: Wenn das Gesundheits- und das Bildungssystem unterfinanziert sind, stört es sie nicht - ihre Kinder gehen auf Privatschulen, die Familie wird in privaten Kliniken behandelt. Die Eliten haben die Fähigkeit verloren, die Gefühle ihrer Gemeinschaft zu teilen und das ist ein Problem.

Welche Ereignisse werden die Europapolitik 2018 beeinflussen?

Es wird auch deswegen ein spannendes Jahr werden, weil 2019 die Europawahl ansteht. Anders als früher spielt die EU und ihre Rolle in allen Mitgliedsstaaten eine große Rolle. Normalerweise ist die Wahlbeteiligung niedrig und daher schneiden europaskeptische Parteien sehr gut ab. Wenn man diesen Trend mit der Popularität von Anti-EU-Parteien verbindet, dann könnte ein EU-Parlament entstehen, das ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Europa hat. Innerhalb der Parteienfamilien wird es hier viele Debatten geben und es würde mich nicht wundern, wenn Emmanuel Macron versuchen würde, das Parteiensystem im EU-Parlament ebenso zu ändern wie in Frankreich - indem er die klassische Aufteilung zwischen rechts und links beendet und es so zerstört.

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