Europäische Union "Hast du einen Opa, schick ihn nach Europa"

Die EU gilt vielen als eine Art Seniorenheim für ausgemusterte Politiker. Ist ihre Laufbahn in Deutschland erst einmal beendet, werden sie nach Brüssel oder Straßburg abgeschoben. Die Versetzung - so das gängige Bild - ist entweder eine Belohnung für Verdienste. Oder eine Vorsichtsmaßnahme, denn allzu oft bereiten die Alten ihren Nachfolgern unerwünschte Schlagzeilen. Als Beispiel wird oft der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber genannt. Dieser leitet seit seinem Rücktritt in Brüssel eine Arbeitsgruppe zum Abbau der Bürokratie in der EU.

Auch beim Europaparlament hält sich Eindruck von der Altpolitiker-Residenz. Schon bei den ersten direkten Wahlen 1979 waren die Bürger damals vom Angebot auf den Wahlzetteln enttäuscht, Namen wie Bismarck oder Habsburg versprachen wenig neue Impulse für das junge Europa. Es kursierte der Spottspruch "Hast du einen Opa, schick ihn nach Europa."

Bis heute hat sich an dieser Wahrnehmung wenig geändert. In der spanischen Zeitung ABC hieß es zur letzten Europawahl über den "Elefantenfriedhof" EU: "Das ist wie Methadon, um die Entzugserscheinungen einer Führungskraft vor der Rente zu lindern."

Doch der Eindruck täuscht: Spätestens seit der Vertrag von Lissabon das Parlament mit mehr Kompetenzen ausgestattet hat, scheint ein Sitz dort auch bei jungen, aufstrebenden Politikern beliebt zu sein.

Dank der neuen Kompetenzen sei das Plenum zu einem "Arbeitsparlament" geworden, sagt heute sogar Europaveteran Elmar Brok. Der CDU-Mann sitzt bereits seit der ersten Legislaturperiode in Straßburg. Damals, als "junger Wilder", prägte er kurz vor seiner Wahl ins Europäische Parlament selbst den Spottspruch vom Europa-Opa.

Mittlerweile sammeln junge Politiker in Brüssel und Straßburg wichtige Erfahrungen und empfehlen sich damit möglicherweise für weitere Aufgaben. So wollen etwa deutsche Jungpolitiker wie Julia Reda, 28, von den Piraten oder Ska Keller, 32, die Spitzenkandidatin der Europäischen Grünen, einen der Sitze in Straßburg gewinnen.

Zwar sind die Abgeordneten im Europaparlament im Schnitt immer noch etwas älter als beispielsweise ihre Kollegen im Bundestag. Dennoch ist das Altenheim zum Sprungbrett geworden: Dänemarks sozialdemokratische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt zum Beispiel hat es von der EU-Abgeordneten an die Spitze der nationalen Regierung geschafft. Oder die jungen Wilden bleiben in Straßburg und Brüssel, und Karriere machen wie Brok. Denn der ist heute Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Europaparlament, außenpolitischer Sprecher der EVP und dort genauso im Vorstand wie im Bundesvorstand der CDU.

Marc Zimmer