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Endphaseverbrechen der Nationalsozialisten:Angst vor den Zeugen der NS-Gräuel

Die mit Abstand meisten Opfer sind aber auch in der Endphase des "Dritten Reichs" in den Gruppen zu finden, die auch schon zuvor verfolgt, gemartert und getötet wurden: Häftlinge in den Konzentrationslagern und ausländische Zwangsarbeiter. Von etwa 700 000 KZ-Insassen, die sich zur Jahreswende 1944/45 noch in den Lagern befunden haben sollen, überlebt etwa ein Drittel die letzten Monate des NS-Regimes nicht. Sie werden noch in den Lagern getötet oder sterben bei den Räumungen der Vernichtungs- und Konzentrationslager.

Todesmärsche mit unklarem Ziel

Die geschwächten und ausgemergelten Gefangenen werden bei eisigen Temperaturen zu Tausenden in überfüllte Züge gepfercht oder mit großer Brutalität zu Fuß quer durchs Reich getrieben, ohne auch nur annähernd ausreichende Versorgung mit Wasser oder Essen. Viele überleben die Todesmärsche nicht. Wer zurückbleibt, wird von den SS-Wachmännern erschossen.

Doch was war das Ziel dieser Märsche? Möglicherweise sollten die KZ-Insassen tatsächlich noch im Kerngebiet Deutschlands in der Rüstungsproduktion eingesetzt werden. Mit zunehmender Auflösung des Reichs, mit dem Herannahen der Allierten wich dies jedoch der Absicht, die Spuren der NS-Gewaltherrschaft zu beseitigen - und deren Zeugen. Es gibt keine klaren Befehle, was mit den Häftlingen geschehen soll - Anordnungen von SS-Reichsführer Himmler sind widersprüchlich. Konzentrationslager, in die die geschwächten Menschen geleitet werden, sind oft schon überfüllt. Kreuz und quer werden sie dann durch die Lande getrieben, einem ungewissen Schicksal entgegen.

So werden beispielsweise Ende April 1945 etwa 9000 Häftlinge des KZ Neuengamme in Hamburg auf den Luxusliner Cap Arcona und andere Schiffe gebracht, die im Lübecker Hafen liegen. Die Zustände an Bord sind katastrophal: Die Schiffe sind völlig überfüllt, es gibt kaum Essen und Trinken. Was genau mit den Häftlingen geschehen soll, ob die Wachmannschaften überhaupt einen konkreten Plan haben, ist bis heute unklar. Jedenfalls wird die nicht als Gefangenenschiff gekennzeichnete Cap Arcona am 3. Mai von britischen Jagdbombern angegriffen und versenkt - von 4600 Gefangenen an Bord überleben gerade einmal 500.

Die ausgemergelten, zerlumpten Gestalten, die nun plötzlich vor aller Augen von einem Ort zum anderen gehetzt werden, wecken bei den Deutschen, die sie sehen, offenbar kaum Mitleid. Nur selten soll ihnen jemand beispielsweise Essen zugesteckt haben. Vielmehr sieht man in ihnen eine mögliche Bedrohung. Die Deutschen haben Angst vor der Rache der Gepeinigten.

So ist es auch zu erklären, dass Morde an den KZ-Häftlingen nicht nur von SS-Wachmannschaften, sondern auch unter tätiger Mithilfe ganz normaler Bürger geschahen. Selbst Jugendliche wirkten daran mit, entflohene Häftlinge zu ermorden. "Zebras schießen" lautete Historiker Blatmann zufolge der zynische Ausdruck für die Verfolgung der Menschen in der gestreiften Häftlingskleidung.

Ein besonders drastisches Beispiel für den "Virus entfesselter Gewalt" (Blatman), der sich in den letzten Kriegsmonaten an vielen Orten Bahn brach, ist der Massenmord in Gardelegen. Eine Meute aus SS-Angehörigen und Wehrmachtssoldaten, aber auch Mitgliedern des Volkssturms und der Hitlerjugend sperrt dort Mitte April mehr als tausend Häftlinge aus den KZs Mittelbau-Dora und Neuengamme in eine Scheune ein und zündet das Gebäude ein. Die Menschen verbrennen bei lebendigem Leibe. Wenige Stunden vor dem Eintreffen der US-Armee sollen so offenbar Zeugen der NS-Verbrechen beseitigt werden.

Massenerschießungen von Zwangsarbeitern

Neben KZ-Häftlingen bilden ausländische Zwangsarbeiter eine weitere große Gruppe, gegen die sich die Gewalt der letzten Kriegsmonate ungebremst entlädt. Sie gelten als besonders gefährlich, als "Feind im Innern", sagt Keller. Schon allein ihre große Zahl schürt bei den Deutschen Sorge, dass sie beim Heranrücken der alliierten Truppen nicht mehr zu kontrollieren sein werden: Zwölf Millionen "Fremdarbeiter", so die damalige Bezeichnung, müssen auf dem Gebiet des Deutschen Reichs für die Kriegswirtschaft schuften.

Es kommt zu Massenerschießungen durch die Polizei, aber auch zu zahllosen spontanen Gewaltakten gegen Zwangsarbeiter. In den Betrieben lautet der Vorwurf oft auf Sabotage, außerhalb auf Plünderung. Doch um Zwangsarbeiter aufzuhängen - wie zum Beispiel 200 überwiegend aus Italien stammende Menschen in Hildesheim (hier nachzulesen in der Hildesheimer Allgemeinen) -, genügt den Mördern ohnehin schon der Verdacht, nach einem Beweis wird oft erst gar nicht gesucht.

Und so endet das "Tausendjährige Reich" 1945 nicht allein durch die Übermacht der Alliierten, sondern delegitimiert sich noch einmal zusätzlich durch die nahezu schrankenlose Gewalt im Inneren. Was Daniel Blatman in Bezug auf die Todesmärsche konstatiert hat, trifft auch auf die anderen Weiße-Fahne-Verbrechen zu: Das Morden war zu einem "nihilistischen Akt" geworden.

© SZ.de/kjan
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