Alternative für Deutschland Radikalität der Neuen Rechten ist eine nationalkonservative

Was psychopolitisch "Hebung der Thymos-Spannung" heißen mag, hört politisch nüchtern auf das Wort "Radikalisierung". Radikalisierungsprozesse kennt man aus den Zwanziger- und den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. 2016 haben sich der Radikalisierung AfD-Politiker wie Björn Höcke, Marc Jongen und Beatrix von Storch, die Pegidisten um Lutz Bachmann und das Netzwerk um Götz Kubitschek und die Zeitschrift Sezession verschrieben.

Damit beginnt in der Geschichte des rechten Lagers in der Bundesrepublik etwas Neues. Jahrzehntelang wurde versucht, die Taktik der NSDAP, das Zusammenspiel von Kaderpartei und Schlägertruppen, zu imitieren. Das lehnten auch viele Konservative ab. Um die Wochenzeitung Junge Freiheit herum entstand dann eine Rechte in den Formen und Farben der Bundesrepublik. Sie sucht vor allem, von den Erfolgen der Linken im Kampf um kulturelle Hegemonie zu lernen, ein Organ für nationalkonservative Ansichten zu schaffen.

Wie im Lehrbuch werden nun auf dem Weg zur Revolte alte, die Radikalisierung bremsende Kampfgefährten entsorgt: Kubitschek zankt etwa mit Karlheinz Weißmann, einem der wichtigsten Autoren der Jungen Freiheit. Dabei geht es vor allem um Fragen des politischen Stils: konservative Korrektur der Demokratie oder Revolte, Änderung der Spielregeln.

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Der Zorn ist Teil der bürgerlichen Mitte

Politisch ist gesetzt der Wert des Deutschen, wobei unklar ist, ob die Nation als Gestüt oder als kultureller und politischer Raum verstanden werden soll. Zuspruch findet das radikale Projekt wegen seiner Radikalität. Die große Geste, das Pathos der Entscheidung, des Alles oder Nichts fasziniert.

Nicht, wie oft gesagt, einfache Botschaften, sondern sehr praktische Vereinfachungen überzeugen: Alle Parteien außer der eigenen sind "Volksverräter", Unterschiede muss man also nicht mehr wahrnehmen. Die derart angegriffenen Parteien wiederum können auf Streit untereinander, auch auf Streit darüber, wie mit der AfD zu streiten sei, nicht verzichten.

Der Radikalismus fasziniert interessanterweise die halbwegs erfolgreichen Milieus in den neuen Ländern ebenso wie altbürgerliche Kreise aus dem Westen. Was verbindet sie, was macht sie für den Charme radikaler Politik empfänglich? Wohl der Überdruss an einer Politik und einer Gesellschaft, die ihnen sozialpädagogisch domestiziert erscheinen, die Abneigung dagegen, belehrt, angeleitet, korrigiert zu werden. Stattdessen suhlt man sich in apokalyptischen Szenarien, die Enthemmungen rechtfertigen sollen. Hinzu kommt der normale Rassismus.

Radikalität aber droht, das Politische zu entleeren, da es nur noch um die Unterscheidung zwischen Freund und Feind geht und um das Kämpfen. Wie Deutschland aussehen soll, was die neuen Radikalen wollen, bleibt seltsam blass, gemessen an dem Eifer, mit dem sie hassen. Und eben weil dies so ist, dürfte die Radikalisierung sich fortsetzen: Abgesehen von ihrem Einzug in Landesparlamente dürfte die AfD politisch vorerst wenig ausrichten. Das lässt sich rhetorisch kompensieren.

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