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Alternative für Deutschland:Zorn, Hass, Revolte: die Politik der AfD

Je schärfer die Worte und Gesten ausfallen, desto zahmer wirkt jeder Rückzug vom Extrem ins Radikale. Keiner setzt das so gezielt ein wie die AfD.

(Foto: dpa/Getty/dpa)

Die Radikalität der Alternative für Deutschland hat eine Verführungskraft entwickelt, die viele Bürger und Politiker verblüfft. Dahinter steht eine Philosophie.

Von Jens Bisky

Gleich zwei Mal erklärt auf der Webseite der Alternative für Deutschland die Parteivorsitzende Frauke Petry, was sie mit ihren vielfach skandalisierten "Äußerungen zum Waffengebrauch an den Grenzen" gemeint habe. Nichts Böses, versteht sich, nur Selbstverständliches, nur Gesetzeskonformes.

Bleibt die Frage, ob sie nicht in der Lage ist, sich klar auszudrücken, oder ob sie es nicht will. Wahrscheinlich doch Letzteres, wahrscheinlich hat sie die Undeutlichkeit bewusst in Kauf genommen, gewinnt sie doch dadurch an verschiedenen Fronten: Die Provokation war auch eine Botschaft an Andersdenkende - wenn es um Gewalt geht, formulieren wir gern mal missverständlich -, vor allem aber ein Signal der Entschlossenheit an das Zornkollektiv der Sympathisanten, die von einer Stunde der Abrechnung mit "Volksverrätern" und "Lügenpresse" träumen.

Die hilflose Empörung des juste milieu, das seine Empfindlichkeiten missachtet sieht, bestätigt die Ausnahmestellung der AfD, die politisch von dem Versprechen lebt, anders als die anderen zu sein. Dass diese grundsätzliche Differenz immer noch besteht, auch wenn AfDler so häufig im Fernsehen zu sehen sind wie Tierfutterwerbung, demonstrieren Skandale wie der jüngste besonders effektiv.

Radikalisierung als Politikstil

Die bundesrepublikanische Öffentlichkeit weiß noch nicht recht, wie sie mit dieser neuen, inzwischen selbstbewusst rechten Partei umgehen soll. Man schwankt zwischen Spiel-nicht-mit-den-Schmuddelkindern und den Routinen der Pathologisierung.

Die Sympathisanten der AfD, sind sie nicht gepeinigt von Abstiegsängsten, fehlt es ihnen nicht an Weltkenntnis? Wer so fragt, setzt seine Hoffnung auf sozialpädagogische Interventionen, auf eine Mischung aus Aufklärung, Zuspruch und Einbindung. Das mag hier und da helfen, aber politische Fragen lassen sich auf die Dauer nur politisch beantworten.

Die AfD unterscheidet sich von anderen Parteien im Lande derzeit nicht dadurch, dass sie die Flüchtlingspolitik Angela Merkels attackiert. Positionen der grundsätzlichen Ablehnung wie der detaillierten Kritik findet man in allen wichtigen Parteien, von Horst Seehofer bis Sahra Wagenknecht. Was die AfD von anderen politischen Kräften im Augenblick unterscheidet, das ist ihr Politikstil. Sie setzt auf Radikalisierung.

Revolte gegen Establishment und "Bevölkerungsaustausch"

Marc Jongen, Programmkoordinator der AfD Baden-Württemberg und Schüler Peter Sloterdijks, spricht davon, die "Thymos-Spannung" in der Gesellschaft wieder zu heben. Thymos - eine Seelenregung zwischen Zorn und Wut.

Peter Sloterdijk hat das Wort 2006 mit seinem politisch-psychologischen Versuch "Zorn und Zeit" wieder populär gemacht. Wenn nun Jongen bedauernd feststellt, dass die Menschen im Lande thymotisch unterversorgt seien, dann heißt dies, dass nicht besorgte Bürger, nicht von Verlustängsten Geplagte, nicht Abgehängte oder Ausgeschlossene sich in der AfD politisch organisieren. Nein, dieser Selbstbeschreibung zufolge geht es darum, Zorn und Wut politisch nicht nur zu bewirtschaften, sondern zu erzeugen, kurz: auf Revolte hinzuarbeiten.

Die Gefahren einer solchen Psychopolitik sind allen, die von Thymos reden, bewusst. Jongen und andere rechtfertigen sie mit dem angeblich bestehenden Notstand, der Gefahr des Verschwindens der Deutschen. Der Verleger Götz Kubitschek, einer der wichtigen Köpfe des rechten Lagers, spricht von der "Revolte gegen den Großen Austausch".

Radikalität der Neuen Rechten ist eine nationalkonservative

Was psychopolitisch "Hebung der Thymos-Spannung" heißen mag, hört politisch nüchtern auf das Wort "Radikalisierung". Radikalisierungsprozesse kennt man aus den Zwanziger- und den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. 2016 haben sich der Radikalisierung AfD-Politiker wie Björn Höcke, Marc Jongen und Beatrix von Storch, die Pegidisten um Lutz Bachmann und das Netzwerk um Götz Kubitschek und die Zeitschrift Sezession verschrieben.

Damit beginnt in der Geschichte des rechten Lagers in der Bundesrepublik etwas Neues. Jahrzehntelang wurde versucht, die Taktik der NSDAP, das Zusammenspiel von Kaderpartei und Schlägertruppen, zu imitieren. Das lehnten auch viele Konservative ab. Um die Wochenzeitung Junge Freiheit herum entstand dann eine Rechte in den Formen und Farben der Bundesrepublik. Sie sucht vor allem, von den Erfolgen der Linken im Kampf um kulturelle Hegemonie zu lernen, ein Organ für nationalkonservative Ansichten zu schaffen.

Wie im Lehrbuch werden nun auf dem Weg zur Revolte alte, die Radikalisierung bremsende Kampfgefährten entsorgt: Kubitschek zankt etwa mit Karlheinz Weißmann, einem der wichtigsten Autoren der Jungen Freiheit. Dabei geht es vor allem um Fragen des politischen Stils: konservative Korrektur der Demokratie oder Revolte, Änderung der Spielregeln.

Der Zorn ist Teil der bürgerlichen Mitte

Politisch ist gesetzt der Wert des Deutschen, wobei unklar ist, ob die Nation als Gestüt oder als kultureller und politischer Raum verstanden werden soll. Zuspruch findet das radikale Projekt wegen seiner Radikalität. Die große Geste, das Pathos der Entscheidung, des Alles oder Nichts fasziniert.

Nicht, wie oft gesagt, einfache Botschaften, sondern sehr praktische Vereinfachungen überzeugen: Alle Parteien außer der eigenen sind "Volksverräter", Unterschiede muss man also nicht mehr wahrnehmen. Die derart angegriffenen Parteien wiederum können auf Streit untereinander, auch auf Streit darüber, wie mit der AfD zu streiten sei, nicht verzichten.

Der Radikalismus fasziniert interessanterweise die halbwegs erfolgreichen Milieus in den neuen Ländern ebenso wie altbürgerliche Kreise aus dem Westen. Was verbindet sie, was macht sie für den Charme radikaler Politik empfänglich? Wohl der Überdruss an einer Politik und einer Gesellschaft, die ihnen sozialpädagogisch domestiziert erscheinen, die Abneigung dagegen, belehrt, angeleitet, korrigiert zu werden. Stattdessen suhlt man sich in apokalyptischen Szenarien, die Enthemmungen rechtfertigen sollen. Hinzu kommt der normale Rassismus.

Radikalität aber droht, das Politische zu entleeren, da es nur noch um die Unterscheidung zwischen Freund und Feind geht und um das Kämpfen. Wie Deutschland aussehen soll, was die neuen Radikalen wollen, bleibt seltsam blass, gemessen an dem Eifer, mit dem sie hassen. Und eben weil dies so ist, dürfte die Radikalisierung sich fortsetzen: Abgesehen von ihrem Einzug in Landesparlamente dürfte die AfD politisch vorerst wenig ausrichten. Das lässt sich rhetorisch kompensieren.

© SZ vom 03.02.2016/ond
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