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Democracy Lab:Sind Fahrverbote für Diesel-Fahrzeuge die einzige Lösung für das Feinstaub-Problem in den Städten?

In Deutschland sterben nach Angaben des Umweltbundesamtes jährlich etwa 45 000 Menschen vorzeitig durch Feinstaub, den sie einatmen. Diese Zahl ist weitgehend unbestritten. Aber bei der Frage, wer die giftigen Schadstoffe ausstößt, scheiden sich die Geister. Besonders umstritten: Sind Fahrverbote für Diesel-Fahrzeuge wirklich die einzige Möglichkeit, das Feinstaub-Problem in den deutschen Städten zu lösen?

Feinstaub besteht aus winzigen Partikeln, die kleiner sind als ein Zehntel des Durchmessers eines menschlichen Haares. Diese Teilchen werden beim Einatmen von den Schleimhäuten in Nase und Rachen nicht absorbiert. Deshalb gelangen sie in die Lunge und können dort Atemwegserkrankungen und Herz-Kreislauf-Probleme verursachen. Je kleiner die Partikel, desto gefährlicher sind sie. Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass die allerfeinsten Staubpartikel über den Blutkreislauf in das Herz, die Leber und andere Organe transportiert werden und sogar bis ins Gehirn vordringen können. Besonders gefährdet sind Kinder.

Eine Reduzierung des Feinstaubs in der Luft wäre also sinnvoll. Aber wie macht man das am wirkungsvollsten und gerechtesten? Um diese Frage zu beantworten, muss man wissen, woher der Feinstaub kommt. Tatsächlich ist in Großstädten der Straßenverkehr die größte Feinstaubquelle. Nach Angaben der Stadt Stuttgart sind es dort exakt 51 Prozent. Allerdings kommt der meiste Feinstaub nicht aus dem Auspuff. Vielmehr entsteht er zu fünf Sechsteln durch Brems- und Reifenabrieb sowie durch Aufwirbelung von Straßenstaub - und nur ein Sechstel des Stuttgarter Verkehr-Feinstaubs entsteht durch Motor-Abgase.

Diese Zahlen zeigen: Ein Fahrverbot für Diesel-Autos wird das Feinstaub-Problem nicht lösen. Hierzu müsste man auch die weiteren Feinstaub-Emittenten einschränken. Zum Beispiel die sogenannten Komfortkamine. Oder Tabakwaren, Laserdrucker und die Böller und Raketen, die an Silvester gezündet werden. Auch Heizungen sowie die Industrie stoßen die winzigen Partikel aus.

Fahrverbot hilft aber bei Belastung durch Stickstoffdioxid

Anders sieht es bei der Belastung durch Stickstoffdioxid (NO2) aus. Hier ist ein Fahrverbot für ältere Diesel-Autos sinnvoll. Es könnte bewirken, dass etwa am Stuttgarter Neckartor die EU-Grenzwerte nicht mehr überschritten werden. Das Reizgas NO2 verursacht Entzündungen der Atemwege und schädigt auch Pflanzen. Hauptquelle des Stickstoffdioxids sind Verbrennungsmotoren, vor allem Dieselmotoren ohne wirksame Abgasreinigung. In Stuttgart verursacht der Straßenverkehr nach Angaben der Stadt 52 Prozent der NO2-Belastung. An Hotspots wie dem Neckartor sind es bis zu 86 Prozent. Der Rest kommt von Feuerungsanlagen für Kohle, Öl, Gas, Holz und Abfälle.

Die neuesten Dieselmotoren stoßen anders als ältere Modelle viel weniger Stickstoffdioxid aus. Zur Wirksamkeit von Fahrverboten stellt sich aber noch eine ganz andere Frage: Wie soll so ein Verbot wirkungsvoll organisiert werden? Ein Fahrverbot und die Berechnung seiner Folgen auf dem Papier sind das eine. Aber wie viele Autofahrer werden das Verbot auf der Straße befolgen? Denn die Kontrolle ist schwierig bis unmöglich, solange es keine blauen Plaketten für die schmutzigsten Dieselautos gibt. Stefan Mayr

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