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Democracy Lab in München:"Darf man das hier sagen?"

3. Ideen brauchen Raum.

Hochhaus des Süddeutschen Verlags in München, 2008

Die Panorama-Lounge im SZ-Hochhaus.

(Foto: Stephan Rumpf)

Ein bisschen Pathos bietet der Diskussionsraum im Hochhaus des SZ-Verlags durchaus: 26. Stock, Blick nach Westen, wo sich vor den meterhohen Fenstern eine dem Thema farblich angemessene rote Sonne zum Untergang bereit macht. Unten die Stadt, die so viel von sozialer Ungerechtigkeit erzählen kann. Die Panorama-Lounge des SZ-Hochhauses lässt weit in eine Stadt blicken, in der Normalverdiener Geringverdiener sind, in der die einen in durchsanierten, millionenteuren Altbauwohnungen leben und die anderen in 70er-Jahre-Wohnblocks an mehrspurigen Ausfallstraßen buchstäblich an den Rand gedrängt werden.

Vor dieser Szenerie betont Juso-Chefin Johanna Uekermann, wie die Schere von Arm und Reich auseinandergehe, wie an Schulen und Universitäten zu lange zu wenig investiert worden sei, wie alle unabhängig von Herkunft und Geschlecht die gleichen Chancen bekommen müssten. Hans Reichhart von der JU hält dagegen, dass es uns in Deutschland so gut geht, wie nie zuvor, dass es Arbeit und wachsende Einkommen gebe. Die Diskussion ist so ambivalent wie die Stadt dahinter.

Wir hatten das SZ-Hochhaus bewusst als Diskussionsort gewählt. Nicht nur der Aussicht wegen, sondern vor allem weil wir die Menschen, nachdem wir quer und längs in der Republik unterwegs waren, auch einmal zu uns einladen wollten. Aber vielleicht hätte es nicht nur mehr Raum für Diskussionen (siehe unten) gebraucht, sondern auch einen Diskussionsraum, der näher dran ist am Thema und an den Menschen (wie hier). Nicht nur an denen, für die soziale Gerechtigkeit ein wichtiges Thema ist, sondern auch an denen, die ihr Fehlen täglich spüren.

4. Die Menschen wollen nicht nur zuhören, sondern mitmachen.

Democracy Lab München

Die Diskussion mit dem und im Publikum kam zu kurz.

(Foto: Kolja Haaf)

"Mich hat dieser Abend erneut zum Denken und Überdenken gebracht. In dieser Hinsicht war es sehr bereichernd! Doch zu wenig Diskussionsmöglichkeit fürs Publikum!" Das war die Bilanz eines Teilnehmers an diesem Abend. Klar wird: Der Wunsch nach Beteiligung, nach Diskussion war so groß, dass die Zeit dafür zu kurz war. Der Input von Experten und Politikern war uns wichtig, um mehr Information zu liefern und gerade ungeübten Teilnehmern Zeit zum Warmwerden zu bieten; das Publikum wollte aber weniger zuhören und mehr mitmachen.

Als Moderator Dirk von Gehlen den offiziellen Teil beschloss, fanden sich mehrere kleine Gruppen zusammen, die noch mehr als eine Stunde weiter diskutierten, über das bedingungslose Grundeinkommen, über sozialen Wohnungsbau, über die grundsätzlichen Möglichkeiten sozialer Veränderung. Und über das Format selbst, für dessen Weiterentwicklung sie eigene Ideen hatten: mehr Diskussionsrunden mit Teilnehmern auf der Bühne zum Beispiel oder vielleicht ein simultaner Rollentausch aller Gäste in Zweiergruppen.

Damit entwickelt sich die konstruktive Kritik an diesem Diskussionsformat ganz im Sinne des Projekts, das von Beginn an als Experiment gedacht war. Ein Experiment, bei dem wir mit den Menschen in Deutschland besser ins Gespräch kommen wollten, hören wollten, was sie bewegt. Bei dem wir über eben diese Themen debattieren und im besten Fall Impulse für Veränderungen liefern wollten. Bei dem wir aber auch durch das Experimentieren mit verschiedenen Debattenformaten bei verschiedenen Veranstaltungen herausfinden wollten, wie sich die Diskussionskultur womöglich verbessern lässt, wie wir wieder besser miteinander reden, verhandeln, streiten können. Ein Teilnehmer der Münchner Diskussionsrunde hat es, um ihm ganz im Sinne des Projekts das letzte Wort zu geben, auf den Punkt gebracht: "Die Leute schreien nach Veränderung. Schenkt ihnen Gehör."

Dieser Beitrag ist Teil des SZ-Projekts Democracy Lab, in dem wir vor der Wahl über Ihre Themen diskutieren wollen. Lesen Sie mehr dazu:

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© SZ.de/leja/plin/liv

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