Mietpreise in München Schöne, viel zu teure Stadt

Democracy Lab Mietpreise in München

Betriebe verschwinden an den Stadtrand: Die Paulaner Brauerei in München weicht von dem Areal am Nockherberg für Eigentumswohnungen.

(Foto: Jessy Asmus)

Die Mieten in München sind in den vergangenen 22 Jahren um 70 Prozent gestiegen - die Entwicklung treibt viele Münchner um. Was die Landeshauptstadt so teuer macht und wie Alteingesessene und Neuankömmlinge darunter leiden.

Von Oliver Das Gupta

Dort, wo München derzeit besonders laut und dreckig ist, lebt Karin S. Vor und hinter ihrem Wohnhaus nahe des Nockherbergs wird die Paulaner-Brauerei mit dem dazugehörigen Lager abgerissen, das Areal wird neu bebaut. Karin S. wischt mit der Hand über ein Fensterbrett, eine weißliche Schicht bedeckt ihre Finger. "Das ist der feine Staub, den wir seit Wochen einatmen", sagt sie.

Erst 2023 soll das Großprojekt fertig sein - zu lange für die 58-Jährige. Von den Anwohnern leidet Karin S. besonders unter der Baustelle, wie sie auf ihrem Blog Muschelschloss dokumentiert. Eine chronische Krankheit zwingt sie dazu, die meiste Zeit in ihrer Wohnung zu verbringen.

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Karin S. will nur noch weg. Sie träume von einer Wohnung im Erdgeschoss oder im ersten Stock, sagt sie, von einem neuen Zuhause, ruhig und im Grünen gelegen, dazu mit nahen Einkaufsmöglichkeiten. Seit Monaten hält sie Ausschau nach einer passenden Wohnung - bislang ohne Erfolg. Selbst ihre verhältnismäßig gute Erwerbsminderungsrente reicht nicht aus, um eine halbwegs passende Zwei-Zimmer-Wohnung zu finden. Die gebürtige Münchnerin verzweifelt an den Münchner Realitäten.

"Hohe Immobilienpreise, hohe Mieten und niedriger Leerstand", so umschreibt der aktuelle Bericht des IVD-Instituts den Wohnungsmarkt in der bayerischen Landeshauptstadt. Diese Entwicklung treibt viele Münchner um, wie auch das Democracy Lab der SZ zeigte. Beim Diskurs-Experiment wurde immer wieder der Wunsch laut, dass "die Mieten bezahlbar bleiben müssten". Auf die Frage, was sich in Deutschland ändern müsste, wurde mehrfach gefordert, die Politik möge "den Mietmarkt regulieren".

Vor der Bundestagswahl 2013 war die "Mietpreisbremse" ein Wahlkampfthema, wenig später verabschiedete die große Koalition ein entsprechendes Bundesgesetz. Doch unlängst hat ein Gericht die Mietpreisbremse für München gekippt - die bayerische Staatsregierung hat bei der hiesigen Variante Fehler gemacht, argumentierten die Richter.

Kehrseite der Münchner Prosperität

Verändert hat sich in München ohnehin nichts an den drastischen Zuständen, sondern sogar noch verschärft. In seinem aktuellen Bericht spricht der Immobilienverband sogar von einem "Rekordniveau mit historischen Höchstwerten". In den vergangenen 22 Jahren legten die Mieten in München um 70 Prozent zu. Die Kaufpreise für Immobilien stiegen sogar noch krasser an: Seit dem Jahr 2000 gibt es eine Steigerung von 125 Prozent.

Der Wohnungsmarkt ist auch in anderen deutschen Städten angespannt, gerade in Berlin verteuern sich die Mieten seit einigen Jahren drastisch. Dennoch ist die Lage in München eine besondere, weil nicht nur das Stadtzentrum, sondern auch die Außenbezirke und das Umland von der Entwicklung betroffen sind.

Es ist die Kehrseite der Münchner Prosperität: Die Wirtschaft wächst, Arbeitsplätze gibt es hier mehr als anderswo. Davon schwärmen Politiker gerne, ohne die problematischen Nebenwirkungen zu nennen. So ist der Zuzug immens - zu schnell für die Schaffung von neuem Wohnraum, aber auch von Kindertagesstätten.

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Verschärft wird die Lage durch den gesteigerten Anteil jüngerer Menschen, auch das eine indirekte Folge der Politik auf mehreren Feldern: Faktoren sind die Aussetzung der Wehrpflicht, der doppelte Abiturjahrgang in Bayern durch die Einführung des G8. Dazu kommen auch ein Ausbau und eine Internationalisierung der Universitäten. "Es wurde dabei nicht daran gedacht, dass diese neuen Studierenden auch ein Dach über dem Kopf brauchen", sagt Ingo Wachendorfer vom Studentenwerk München.

Für die Landeshauptstadt und die außerhalb liegenden Uni-Standorte wie Freising verzeichnete das Studentenwerk im vergangenen Jahr mehr als 126 000 Studierende - 2008 waren es nur 90 000. In München gibt es zwar viele Studentenheime, doch Platz ist nur für etwa jeden zehnten. Und selbst der Bafög-Höchstsatz von derzeit 735 Euro verpufft hier.

"Statistisch gesehen haben die Studierenden mehr Ausgaben als Einnahmen in München", sagt Wachendorfer. Um sich die teuren Mieten leisten zu können, arbeiten deshalb viele Studenten. Immer häufiger sind die Folgen einschneidend: Manche verschulden sich, viele geben auf: "Geldprobleme sind inzwischen einer der häufigsten Gründe für Studienabbruch", sagt Wachendorfer.

Die Mietpreisentwicklung in München betrifft alle, die nicht über ein gehobenes Einkommen oder eine eigene Immobilie verfügen: Alte und Junge, Alleinstehende und Familien mit Kindern, Alteingesessene wie Karin S. Und natürlich auch diejenigen, die wegen des Studiums, der Ausbildung oder des neuen Jobs nach München kommen.

Frederik Bennemann etwa wohnt noch gar nicht in München, hat aber schon bemerkenswerte Erfahrungen mit der Wohnungsproblematik gemacht. In Aachen, wo der 22-Jährige Wirtschaftsingenieurwesen studiert, teilt er sich mit einem Freund eine 58-Quadratmeterwohnung - und zahlt 315 Euro. Für ein halbjährliches Praktikum will er im Herbst nach München kommen.

"Zum Studieren werde ich sicherlich nicht hierherziehen"

Seine Suche nach einer Bleibe verlief zunächst katastrophal. "Über Wochen habe ich gesucht", sagt Bennemann. 550 Euro pro Monat wollte er maximal für ein kleines WG-Zimmer ausgeben - also deutlich mehr als in Aachen. Er stellt Gesuche ins Internet, in denen er ausführlich von sich erzählt, er beantwortet Anzeigen. Bennemann ist sympathisch und sportlich, als Mitbewohner stellt er kaum Ansprüche, er beschreibt sich als unkompliziert, tolerant und offen. Doch das nutzt ihm bei seiner Wohnungssuche nichts.

Für sein Gesuch erntet er nur unseriöse Angebote. Zur Vorstellung eingeladen wird er in keine der WGs, die er anschreibt. Manche sagen ihm nicht mal ab. So geht das über Wochen. Inzwischen hat er sich einen Plan B zurechtgelegt: Frederik Bennemann bewarb sich bei einem Studentenwohnheim und erhielt ein Zimmer. "Das war meine Rettung", sagt Bennemann. Er freut sich auf sein Praktikum und München als Stadt, allerdings ist für ihn auch klar: "Zum Studieren werde ich sicherlich nicht hierherziehen".

Ob Karin S. in München auch so viel Glück hat, ist eher unwahrscheinlich. Projekte der Stadtverwaltung kommen für sie nicht in Frage, sie möchte ihr Leben nicht in einem kleinen Zimmer fristen. Mehr als ein Dutzend Mietgesuche hat sie bereits aufgegeben - ohne Erfolg. Es mache sie fassungslos, dass die Stadtoberen seit Jahrzehnten die Preisspirale hinnähmen, sagt Karin S. "Wollen die wirklich, dass bald nur noch Millionäre hier wohnen?"

Karin S., die ihr ganzes bisheriges Leben in München verbracht hat, wendet sich enttäuscht ab von ihrer Geburtsstadt. Sie sucht inzwischen in ganz Bayern nach einem neuen Zuhause.

Dieser Beitrag ist Teil des SZ-Projekts Democracy Lab, in dem wir vor der Wahl über Ihre Themen diskutieren wollen. Lesen Sie mehr dazu:

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