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Kinder in der Corona-Krise:Gefährdet und gefürchtet

Coronavirus - Friedrichshafen

Friedrichshafen: Kinder spielen im Kindergarten Wiggenhausen mit Bauklötzen. Die städtische Einrichtung bietet Notbetreuung während der Corona-Pandemie an.

(Foto: dpa)

Verhaltensauffälligkeiten und häusliche Gewalt: Kinder leiden unter den Corona-Maßnahmen. Dabei wachsen Zweifel, ob die Einschränkungen bei Schul- und Kitabesuch gerechtfertigt sind.

Während Einzelhändler, Fußballklubs oder Hoteliers in der Corona-Krise lautstark - und durchaus erfolgreich - für sich getrommelt haben, fiel es Familien bislang deutlich schwerer, ihre Interessen oben auf der Agenda der Krisenmanager zu platzieren. Nun aber haben Kinderärzte einen Teil der Lobbyarbeit für die vulnerable Gruppe der Kleinsten übernommen: In einem gemeinsamen Papier forderten unter anderem der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin am Donnerstag eine rasche Öffnung der Kitas und Schulen "ohne massive Einschränkungen", also ohne Kleinstgruppen und Abstandsgebote, lediglich in festen Gruppen und Klassen.

"Kindern ist Social Distancing wesensfremd", sagt der Kinderarzt und Infektionsepidemiologe Johannes Hübner, Vorsitzender der DGPI. "Die medizinische Evidenz rechtfertigt es nicht, ihnen weiterhin ein kindgerechtes Leben zu verwehren." Die Folgen seien zu spüren, ergänzt BVKJ-Präsident Thomas Fischbach: "Wir sehen zunehmend Kinder, die stark unruhige beziehungsweise rastlose Verhaltensweisen zeigen, die zuvor nicht bestanden haben." Die Hilferufe bei Kinderschutz-Hotlines seien sprunghaft gestiegen.

Die politischen Reaktionen auf den Vorstoß der Kinderärzte blieben zunächst verhalten. Etwas aus der Deckung wagte sich Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD), die schon länger gefordert hatte, den Interessen von Kindern und Eltern in der Krise mehr Beachtung zu schenken. Mit Blick auf das Papier der Kinderärzte sagte sie diese Woche, so schnell wie möglich wieder wie gewohnt in die Kitas und Schulen gehen zu können, wäre in Bezug auf das Kindeswohl das Beste. Doch auch sie wies darauf hin, dass es noch keine gesicherten Erkenntnisse zum Infektionsgeschehen in Kitas gebe. Kritisch äußerte sich der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach. Kinder seien weniger ansteckend, steckten aber wegen ihrer vielen Kontakte am Ende doch viele an. "Damit ist rasche Rückkehr zur völligen Normalität nicht möglich." Kinderarzt Hübner hält dagegen. "Es geht uns nicht darum, jetzt alles aufzumachen und zurückzukehren zum Normalzustand", sagt er. "Aber wenn wir uns Gedanken machen, wie wir für die verschiedenen Gruppen Risiken eingehen und durch geschickte Maßnahmen minimieren, dann muss und kann das auch für Kinder gelten."

Und die Lehrer und Lehrerinnen? "Die Stimmung schwankt zwischen großem Verantwortungsgefühl den Schülern gegenüber, Angst vor einer Infektion und Ärger gegenüber denen, die Schulen und Kitas mit den Hygieneplänen einfach alleingelassen haben", sagt Ilka Hoffmann, Vorstandsmitglied der Bildungsgewerkschaft GEW. Die Kolleginnen und Kollegen treibe es "unheimlich um", dass es für Kinder und Jugendliche wichtig sei, einander zu sehen, und dass eine derart lange Zeit des Homeschoolings "sehr problematisch" sei. "Pädagogisch und sozial ist das ein Desaster." Auf der anderen Seite gebe es zum Teil widersprüchliche Informationen zur Rolle der Kinder bei der Verbreitung des Virus. Und zu allem Überfluss sei in vielen Schulen "noch Luft nach oben", was Sauberkeit und Hygiene angehe.

Gewiss ist: Wie jeder Mensch sind auch Kinder ein infektiologisches Risiko. Entscheidend aber ist, wie groß dieses Risiko ist, wenn sie wieder die Kitas, Schulen und Schulhöfe bevölkern. Und: Ist es größer als die Gefahren, denen Kinder durch häusliche Gewalt und eingeschränkte Bildungschancen ausgesetzt sind? Die Antwort der Kinderärzte lautet: Nein. Doch auch wenn ihr Papier plausibel klingt - wissenschaftlich ist ungeklärt, inwieweit Kinder zur Ausbreitung beitragen.

Ohne Frage erkranken sie selbst nur selten schwer an Covid-19. Zur Frage, wie stark sie aber zur Verbreitung beitragen, ist in der Fachliteratur für jeden etwas dabei. Während Studien aus Shenzhen und Großbritannien zu dem Schluss kommen, dass Kinder sich ebenso häufig infizieren wie Erwachsene, fanden Forscher in Island, Norwegen und Südkorea nur sehr geringe Raten infizierter Kinder. Unklar ist auch, wie sehr Kinder andere Menschen anstecken. Da sie selbst meist nur milde erkranken, sind sie womöglich weniger infektiös. Darauf deuten Studien aus den Niederlanden und Island hin, wo die Behörden keine einzige Infektion eines Erwachsenen auf ein Kind zurückführten. Womöglich aber wird die Rolle der Kinder auch nur deshalb unterschätzt, weil sie gerade nicht in die Schule gehen.

Das Robert-Koch-Institut fordert, die Schulöffnungen mit epidemiologischen Studien zu begleiten. Ähnlich wie Alten- und Pflegeheime müssten auch Kinder, Lehrer und Erzieher intensiv getestet werden. Der Bund bereitet eine solche Kita-Studie bereits vor.

© SZ vom 23.05.2020
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