bedeckt München 12°

Coronavirus:Warum die Schutzmaßnahmen bundesweit so unterschiedlich sind

  • Dass viele Patienten und Ärzte die Situation als chaotisch empfinden, hat viel mit dem deutschen Föderalismus zu tun.
  • Den lokalen Gesundheitsämtern kommt eine tragende Rolle zu, beispielsweise bei der Absage von Großveranstaltungen oder der Schließung von Schulen.
  • Trotz der vielen verschiedenen Akteure in der Krise scheint es dennoch eine gemeinsame Stoßrichtung zu geben.

Von Rainer Stadler

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat die Bürger im Kampf gegen das Coronavirus zur Mithilfe aufgerufen. Leichter gesagt als getan. Angela B. etwa fiel vor drei Tagen einer Bekannten zur Begrüßung um den Hals, die gerade aus dem Urlaub in Südtirol gekommen war. Drei Tage später wurde die Bekannte positiv auf Corona getestet und ins Krankenhaus eingeliefert. Daraufhin wollte sich auch Angela B. untersuchen lassen und rief beim Gesundheitsamt an. Das verwies sie an ihre Hausärztin.

Die wiederum stöhnte, sie habe mehr als genug Patienten, die sich testen lassen wollten, aber nur noch eine Atemschutzmaske. Beim ärztlichen Notdienst bekommt Angela B. die Auskunft, sie solle zwei Wochen zu Hause bleiben. Getestet werde sie aber nicht, solange sie nicht huste oder niese. Und ihre Bekannte mit dem Coronavirus wurde nach vier Tagen aus der Klinik entlassen. Soll so das Virus bekämpft werden?, fragt sich Angela B.

Auch den Ärzten gibt die Entwicklung Rätsel auf. In Gebieten mit besonders vielen Fällen kommen sie zwangsläufig in Kontakt mit dem Virus. Gleichzeitig fehlt es an Schutzkleidung. Aus dem nordrhein-westfälischen Heinsberg berichtete ein Arzt, dort sei sogar medizinisches Personal im Einsatz, das selbst positiv auf Corona getestet wurde. Solange die Leute symptomfrei seien, habe ihnen der Landrat erlaubt weiterzuarbeiten. In einer Region mit etwa 300 Infizierten sei das nötig. Andernfalls würde die medizinische Versorgung zusammenbrechen.

Tests sind offenbar nur sinnvoll, wenn Patienten bereits Symptome zeigen

Dass die Situation Patienten wie Ärzte als chaotisch empfinden, hat viel mit dem deutschen Föderalismus zu tun. Infektionsschutz ist Ländersache, Gesundheitsminister Spahn oder das Robert-Koch-Institut können nur Empfehlungen geben. Den lokalen Gesundheitsämtern kommt eine tragende Rolle zu. Das erklärt, warum in einigen Städten und Gemeinden die Schulen schließen, während andernorts ein Fußballspiel mit 40 000 Zuschauern angepfiffen wird. Doch trotz der vielen verschiedenen Akteure in der Krise scheint es eine gemeinsame Stoßrichtung zu geben.

Der Kampf gegen das Virus ist in eine neue Phase übergegangen, darin sind sich die Verantwortlichen einig. Zwar gilt es weiter, die Ausbreitung zu verhindern, aber nicht mehr um jeden Preis. Während die infizierten Mitarbeiter des bayerischen Autozulieferers Webasto noch über Wochen im Krankenhaus beobachtet wurden, werden nun die Ressourcen gebündelt. Die Krankenhäuser sind jetzt Coronafällen mit schweren Krankheitsverläufen vorbehalten. Experten rechnen damit, dass ihre Zahl auch in Deutschland deutlich zunehmen wird.

Um die übrigen Patienten und Verdachtsfälle sollen sich die niedergelassenen Ärzte kümmern. Viele Kommunen haben, um die Praxen zu entlasten, Testzentren eingerichtet, sei es in unbenutzten Gebäuden oder in provisorischen Zelten. Manche Zentren verteilen Testkits, damit sich Patienten selbst einen Abstrich am Rachen entnehmen können. Ausgewertet werden die Proben dann von einem Labor.

Alle Schulen zu schließen hieße, dass Ärzte zur Kinderbetreuung zu Hause bleiben müssten

Das Virus sei immer noch neu, "wir lernen ständig dazu", sagt die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP, Christine Aschenberg-Dugnus. Es habe sich gezeigt, dass der Corona-Test während der bis zu 14-tägigen Inkubationszeit nicht sofort und bei jeder infizierten Person anschlage. Daher sei es sinnvoll, dass Ärzte nur Menschen testeten, die bereits Symptome der Krankheit zeigten. Das würde in der Öffentlichkeit allerdings noch zu wenig kommuniziert, bemängelt die FDP-Politikerin.

Dass wichtige Entscheidungen weiter vor Ort getroffen werden, erregt in Berlin kaum Widerspruch. Die Grünen-Politikerin Kordula Schulz-Asche sagt, die kommunalen Behörden könnten die Situation viel besser einschätzen. Sie versteht zwar die Irritationen der Bürger wegen mancher amtlicher Regelungen. "Aber das wäre kaum besser, wenn eine Bundesbehörde zum Beispiel ganz Bayern unter Quarantäne stellen würde."

Gesundheitsminister Spahn trug diesem Wunsch nach einheitlichen Vorschriften Rechnung, als er ein Verbot aller Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern forderte. Aber im Großen und Ganzen hat sich der Föderalismus bei der Coronakrise aus seiner Sicht bisher bewährt. Einer flächendeckenden Schließung von Schulen, wie von manchen gefordert, kann er wenig abgewinnen. Eine solche Maßnahme würde nämlich bedeuten, dass auch Ärzte und Pflegekräfte ihre Kinder zu Hause betreuen und in den Praxen oder Krankenhäusern fehlen, wo sie dringend gebraucht würden.

Im Moment scheint die Coronakrise zumindest die Politiker in Berlin zusammenzuschweißen. Das könnte sich ändern, wenn es den Kliniken nicht gelingt, die Schwerkranken angemessen zu behandeln, und mehr Menschen an dem Virus sterben. Oder wenn die Zahl der Neuinfektionen nicht sinkt, trotz aller Veranstaltungsabsagen und Tipps zum richtigen Händewaschen.

© SZ vom 11.03.2020
Zur SZ-Startseite
Flugzeug vor dem Mond

Coronavirus
:Warum viele Airlines ihre Flugzeuge jetzt leer fliegen lassen

Eine internationale Regelung zu den Start- und Landezeiten an Flughäfen ist schuld. Die EU-Kommission denkt nun über eine Lockerung der Regel nach.

Von Jens Flottau

Lesen Sie mehr zum Thema