bedeckt München 17°
vgwortpixel

Coronavirus:Warum viele Airlines ihre Flugzeuge jetzt leer fliegen lassen

Flugzeug vor dem Mond

Start- und Landerechte müssen zu mindestens 80 Prozent genutzt werden, sonst verfallen sie.

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Eine internationale Regelung zu den Start- und Landezeiten an Flughäfen ist schuld. Die EU-Kommission denkt nun über eine Lockerung der Regel nach.

Das Terminal 2 am Frankfurter Flughafen ist am Dienstagmorgen gespenstisch leer. Einzelne Passagiere geben ihre Koffer ab und gehen zu den Sicherheitskontrollen. Die sonst üblichen Schlangen gibt es nicht. Die meisten Flugzeuge, die von Frankfurt aus starten, sind ähnlich leer. Der Luftverkehr steckt wegen des Coronavirus in einer tiefen Krise.

Die Lufthansa-Gruppe will ihren Flugplan wegen der fehlenden Nachfrage in den nächsten Wochen um bis zu 50 Prozent ausdünnen, die Konkurrenten planen Ähnliches. Was kurzfristig für die Airlines sinnvoll ist, ist längerfristig eine Gefahr. Denn wegen der internationalen Regeln für Start- und Landezeiten (Slots) an sogenannten regulierten Flughäfen drohen sie, die Zeitfenster zu verlieren. Falls die Regeln weiter gelten, müssten sie also an wirtschaftlich (und ökologisch) unsinnigen Flügen festhalten, um die Slots zu behalten. Doch angesichts der drastischen Nachfrageeinbrüche könnten dies die Airlines über Wochen und Monate nicht durchhalten.

An mehr als 200 Flughäfen weltweit ist normalerweise die Nachfrage nach Slots größer als das Angebot. Daher werden diese nach bestimmten Auswahlkriterien vergeben. Wer ein Zeitfenster für einen Start oder eine Landung bekommen hat, darf dieses im Prinzip auf unbegrenzte Dauer behalten. Voraussetzung: Innerhalb einer Flugplanperiode, also dem Sommer- oder Winterflugplan, müssen die Slots zu mindestens 80 Prozent genutzt werden, sonst gehen sie in den Pool zurück.

Diese Regel garantiert den großen Anbietern Stabilität an ihren Drehkreuzen wie Frankfurt, München oder Paris. Sie müssen sich um die Start- und Landezeiten nicht jedes Mal neu bewerben. In der Krise wird die Slotregulierung aber zum Problem. Wenn die Fluggesellschaften die Zeitfenster zu weniger als 80 Prozent nutzen, verlieren sie den Anspruch auf sie und damit einen Teil des Zugangs zu ihren wichtigsten Märkten. Es betrifft in Europa vor allem die klassischen Airlines und in geringerem Ausmaß die Billigfluggesellschaften - sie fliegen meist weniger überlastete Flughäfen an.

Und das Problem ist riesig: "Die dynamische Lage unserer Industrie hat sich dramatisch verschlechtert", sagte Lufthansa-Chef Carsten Spohr in einer Botschaft an seine Mitarbeiter. "Die Folgen für unsere Buchungen sind immens." An einem Tag in der vergangenen Woche sind laut Spohr mehr Stornierungen als neue Buchungen eingegangen. Bernstein-Research-Analyst Daniel Röska rechnet damit, dass die Krise die europäischen Airlines dieses Jahr etwa fünf Milliarden Euro beim operativen Gewinn kosten wird. Der internationale Luftfahrtverband IATA rechnet mit Umsatzeinbußen von mehr als 40 Milliarden Dollar aus. Röska geht davon aus, dass alle großen Airlines stark genug sind, Verkehrsrückgänge von 50 Prozent für zwei bis drei Monate zu überleben. Er prognostiziert, dass die Nachfrage von Juni an wieder anziehen könnte und der Luftverkehr bis Jahresende wieder auf das Vorkrisenniveau zurückgekehrt sein wird.

Hilfen für Reisefirmen

Der Deutsche Reiseverband (DRV) fordert von der Bundesregierung Hilfen, um die Krise im Zusammenhang mit dem sich verbreitenden Coronavirus in den Griff zu bekommen. Unternehmen der Branche haben mit Umsatzeinbußen von bis zu 75 Prozent zu kämpfen, weil ihre Kunden touristische und geschäftliche Reisen massenhaft absagen. Die Folgen "bedrohen Beschäftigung und belasten die Liquidität der Unternehmen erheblich", so DRV-Chef Norbert Fiebig. Die Reisewirtschaft will daher schnellen Zugang zu Krediten der KfW mit kurzen und mittleren Laufzeiten, um Liquiditätsengpässe zu überbrücken. Sonderregeln zur Kurzarbeit sollen in Kraft treten, zu denen auch gehört, dass die Sozialversicherungsbeiträge der Arbeitgeber voll erstattet werden. Arbeitnehmer sollen bis zu drei Monate unbezahlten Urlaub nehmen können, ohne sich selbst sozialversichern zu müssen, so der DRV. Bislang liegt die Grenze bei 28 Tagen. Auch ihre Steuervorauszahlungen wollen die Unternehmen der Branche schnell an die geringeren Umsätze anpassen, sprich: reduzieren dürfen. Der DRV will zudem ein Marktanreizprogramm erarbeiten, das gestartet werden soll, wenn sich die Lage entspannt hat. Die Reisebüros haben derzeit nicht nur mit den vielen Stornierungen von Urlaubsreisen zu kämpfen, sondern auch mit einem Ansturm von Kunden, die sich über mögliche Risiken beraten lassen wollen. Außerdem finde ein Großteil der Dienstreisen, die über Agenturen abgewickelt werden, derzeit gar nicht statt. Jens Flottau

Bis dahin werden also, selbst wenn Röska mit seiner Prognose recht hat, viele Monate vergehen. Und so wird seit Tagen hinter den Kulissen heftig darüber diskutiert, wie das Dilemma gelöst werden kann. Der internationale Luftfahrtverband IATA fordert, die Regulierung pauschal bis Ende Oktober auszusetzen. Die EU-Kommission stellte sich zunächst quer. Doch nun will auch sie eine vorübergehende Aussetzung der Regelung möglich machen. Am kommenden Mittwoch will sie dem Europäischen Ministerrat einen Kompromissvorschlag vorlegen. "Wir wollen es den Fluggesellschaften erleichtern, ihre Slots zu behalten, auch wenn sie diese Slots wegen der sinkenden Nachfrage nicht nutzen können", sagte Kommissionschefin Ursula von der Leyen am Dienstag in Brüssel.

Details sind noch nicht bekannt. Wie eine Zwischenlösung aussehen könnte, zeigt die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) auf. Sie will die Slotregeln rückwirkend vom 1. Januar an und bis mindestens Ende Mai aussetzen. Gleichzeitig könnten Flughäfen darauf hoffen, dass die Fluglinien wenigstens von Juni an einen Teil der gestrichenen Verbindungen wieder aufnehmen. Damit hätten die Airlines zwar Zeit gewonnen, doch die können noch immer nicht guten Gewissens für den Rest des Sommers so kürzen, wie sie das eigentlich tun würden, wenn sie freie Wahl hätten.

© SZ vom 11.03.2020/mxh

SZ Plus
Bahn
:Mit dem Nachtzug durch Europa

Unbequem, langsam, teuer: Nachtzüge waren lange letzte Wahl. Mit der Klimadebatte hat sich das geändert, plötzlich wollen alle im Zug schlafend ans Ziel kommen. Doch so einfach ist das nicht.

Von Leila Al-Serori, Wien

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite