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Corona-Krise:Wie es an den Schulen weitergeht

Landesschülerrat fordert Ausweitung der Schnelltests

Normaler Unterricht für alle oder wechselweise daheim und im Klassenzimmer - wie hier in einer Grundschule in Frankfurt (Oder)? Die Debatte ist neu entbrannt.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Eine Aussage von Gesundheitsminister Spahn zu Wechselunterricht und Maskenpflicht im Herbst löst Wirbel aus. Aber ist es für eine Prognose nicht viel zu früh? Ein Überblick über die Debatte und die Erkenntnisse der Medizin.

Von Hanno Charisius und Kassian Stroh

Wie geht es nach den Sommerferien an Deutschlands Schulen weiter? Zwar ist es erst Juni, zwar sind die Infektionszahlen aktuell ziemlich gering, doch eine Äußerung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vom Wochenende hat diese Debatte angeheizt. "Wir werden nicht völlig ohne Schutzmaßnahmen wieder in den Schulbetrieb gehen können", sagte er am Samstag bei einer Online-Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing. Im Herbst und im Winter seien voraussichtlich nach wie vor Maßnahmen wie Maskenpflicht oder auch Wechselunterricht notwendig.

Widerspruch kam prompt. Die Bildungsministerin von Brandenburg, Britta Ernst (SPD), die derzeit auch der Kultusministerkonferenz (KMK) vorsitzt, sprach sich im Tagesspiegel gegen frühzeitige Festlegungen auf weitere Einschränkungen aus. "Die KMK hat für Präsenzunterricht plädiert, und das sollte nicht vorzeitig in Frage gestellt werden." Auch die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina empfahl am Montag, Schulen und Kindergärten offen zu halten und Präsenzbetrieb für alle zu ermöglichen. So lernten Kinder und Jugendliche am meisten. Spahn relativierte am Montag seine Äußerung und sagte, sie sei aus dem Zusammenhang gerissen worden. Er denke, dass es möglich sein werde, den Unterricht nach der Sommerpause weitgehend ohne solche Not-Maßnahmen beginnen zu lassen. Doch müsse man mit Blick auf die Gefahr einer vierten Corona-Welle vorbereitet sein.

Wie viel tragen Schulen zur Pandemie bei?

Auch wenn viel über Schulschließungen und Wechselunterricht diskutiert wird, gibt es aktuell keine Belege für die Annahme, dass Schulen in besonderer Weise zum Infektionsgeschehen beitragen. Die Wahrscheinlichkeit, sich in einer Schule in den höheren Jahrgängen anzustecken, ist vergleichbar mit dem Risiko am Arbeitsplatz. Schulen sind Spiegel des Infektionsgeschehens. Was um sie herum passiert, wird irgendwann auch hineingetragen und dann gelangen die Viren von dort auch in weitere Familien. Dass dies passiert, ist unstrittig, doch wie stark Schulen als "Drehscheibe" (Spahn) für Coronaviren fungieren, wird durch vieles beeinflusst - auch davon, wie gut die Schutzmaßnahmen an einer Schule eingehalten werden.

Dennoch haben sich Schulschließungen in dieser Pandemie oftmals als sehr effektives Werkzeug erwiesen, um den Seuchenzug zu bremsen. Das liegt wahrscheinlich jedoch nicht daran, dass Schülerinnen und Schüler das Virus besonders stark verbreiten würden. Stattdessen werden durch Schulschließungen wohl eher allgemein in der Bevölkerung Kontakte reduziert, wodurch es das Virus schwerer hat, neue Wirte zu finden. Ein ähnlicher Effekt ließe sich durch Betriebsschließungen erzielen, wo Home-Office keine Option ist.

Hält Wechselunterricht die Infektionszahlen niedrig?

Durch Wechselunterricht wird die Zahl der Kontakte beim Schulbesuch reduziert und so dem Virus Möglichkeiten genommen, Menschen zu infizieren. Ob das im Herbst nötig sein wird, ist von vielen Faktoren abhängig: Wie ist dann das Infektionsgeschehen und wo stecken sich Menschen an? Bis zum Herbst wird die Mehrheit der Volljährigen die Möglichkeit zur Impfung gehabt haben. Die Zahl der Geimpften beeinflusst auch, wie stark sich das Virus im Herbst ausbreiten kann. Lässt das Interesse daran bald nach, wird es wahrscheinlich zu einer heftigen vierten Welle kommen und das Virus dann auch wieder in die Schulen getragen.

Lassen sich hingegen alle impfen, für die die Impfstoffe bislang zugelassen sind, kann das Virus zwar noch unter Kindern zirkulieren, doch das Infektionsgeschehen wäre mit etwas Glück so gering, dass die Schulen sicher öffnen könnten. Lüften, Abstand, Masken, Luftfilter und zuletzt auch Wechselunterricht - all das kann helfen, die Schulen offen zu halten. Nachlassende Impfbereitschaft, fehlender Impfstoff, zu rasche Lockerungen der Kontaktbeschränkungen und nicht zuletzt das sich dauernd wandelnde Virus können die Lage im Herbst wieder gefährlich machen.

Wann dominiert die Delta-Variante auch in Deutschland?

Das vermag aktuell niemand zu sagen. Die Ausbreitung der Viren hängt von zu vielen Faktoren und nicht zuletzt vom menschlichen Verhalten ab. Spahns Warnungen dürften aber auch von der Sorge vor der Delta-Variante des Coronavirus getrieben sein. Am Freitag erklärte Lothar Wieler, der Präsident des Robert-Koch-Instituts, er rechne damit, dass die Delta-Variante von Sars-CoV-2 spätestens im Herbst auch das Infektionsgeschehen in Deutschland dominieren werde. Mit nachlassender Vorsicht könnte sich aber auch früher bereits eine vierte Welle aufbauen.

Die Delta-Variante ist nach derzeitigem Wissensstand sehr viel ansteckender als andere Varianten des Erregers. Ihre aktuelle Ausbreitung ähnelt der Entwicklung vom Jahresanfang, als die Alpha-Variante sich von Großbritannien aus in der Welt verteilte; sie wurde innerhalb weniger Wochen die dominierende Variante in vielen Ländern, auch in Deutschland. Auch Alpha war bereits infektiöser als das ursprüngliche Virus und beschleunigte den Seuchenzug. Ähnliches könnte sich mit Delta wiederholen, bis ein Großteil der Bevölkerung immun ist gegen das Coronavirus. Dieser Erreger kann sich im Sommer weniger gut verbreiten als im Winter. Doch spätestens im frühen Herbst bekommt das Virus wieder mehr Gelegenheiten, Menschen zu infizieren.

"Zuversicht für den Sommer, aber eben auch Vorsicht vor allem dann auch Richtung Herbst und Winter", hat Spahn am Sonntagabend in der ARD als Devise ausgegeben. Für die Schulen wünsche er sich dann "so viel Normalität wie möglich", aber eben auch Sicherheit. Eine Möglichkeit dafür seien Impfungen für Kinder: "Wir können bis Ende August jedem über Zwölfjährigen, der geimpft werden will, mindestens die erste Impfung angeboten haben." Für Minderjährige ab zwölf Jahren ist in Deutschland bisher nur ein Corona-Impfstoff zugelassen: das Präparat von Biontech/Pfizer. Die Firma Moderna hat eine Zulassung in Europa beantragt, ebenfalls ab zwölf Jahren.

Wer entscheidet über die Regeln an den Schulen?

Spahns Wort mag qua seines Amtes Gewicht haben, zu sagen hat er zumindest in diesem Punkt nichts. Schulpolitik ist genauso wie Infektionsschutz Ländersache. In der Pandemie hat der Bund immer wieder versucht, eine möglichst einheitliche Linie bei den Anti-Corona-Maßnahmen herzustellen; mit der sogenannten Bundesnotbremse hat er schließlich sogar deutschlandweit verbindliche Regeln für Hotspots beschlossen. Zugleich haben die Länder aber immer peinlichst darauf geachtet, dass er ihnen in Sachen Schulen nicht reinredet. Ob und wie also im Klassenzimmer unterrichtet wird, ob mit Mindestabstand, Masken oder Testpflicht, entscheidet jedes Bundesland für sich. Die daraus resultierenden Regeln sind höchst uneinheitlich - dass sich das nach den Ferien ändert, ist so wahrscheinlich wie Schneefall Anfang September.

Dass es dann sehr unterschiedlich weitergehen wird, liegt auch an den Ferienterminen: In den ersten Ländern wie Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern geht die Schule bereits Anfang August wieder los, für die Kinder in Bayern oder Baden-Württemberger beginnen da erst die Sommerferien. Generell hat die Kultusministerkonferenz, also die Runde der Schulministerinnen und -minister der Länder, jüngst als Linie ausgegeben: Wir versuchen alles, dass es im Herbst "dauerhaft" Regelunterricht geben kann. So, wie es nun auch die Leopoldina fordert.

Welche Lehren können aus dem Jahr 2020 gezogen werden?

Im vergangenen Jahr war die allgemeine Wahrnehmung, dass die Corona-Infektionszahlen im Hochsommer am niedrigsten waren. Tatsächlich aber erreichte die Sieben-Tage-Inzidenz bereits Mitte Juni ihren tiefsten Stand von knapp unter drei. Auf diesem Niveau stagnierte sie einige Zeit, um dann von Mitte Juli an langsam, aber stetig zu steigen. Bereits zu dieser Zeit warnten Experten (und auch einige Politiker): Man sei gerade dabei, den Boden für eine zweite Welle zu bereiten. Die kam dann auch: Von Ende September an schoss die Sieben-Tage-Inzidenz in die Höhe.

Daraus lässt sich aber nicht folgern, dass es dieses Jahr genauso laufen wird. Denn anders als damals sind nun sehr viele Menschen in Deutschland gegen den Erreger geimpft - seit dem Freitag hat mehr als die Hälfte der Bevölkerung zumindest eine erste Impfung, fast ein Drittel sogar schon einen vollständigen Impfschutz. Zudem testen sich heute viel mehr Menschen auf den Erreger Sars-CoV-2 als noch vor einem Jahr, was die Ausbreitung ebenfalls dämpfen dürfte. Andererseits ist da eben die ansteckendere Delta-Variante als neue Variable ins Spiel gekommen, die aber eine noch ziemlich unbekannte Variable ist. Gesundheitsminister Spahn hat am Wochenende in Tutzing jedenfalls auch gefordert: "Wir sollten dieses Mal die Sommerzeit besser nutzen."

© SZ
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