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Corona-Pandemie:Spahns Schul-Ideen lösen großen Unmut aus

Jens Spahn bei der Pressekonferenz zur Corona-Lage: Betriebsärzte und Impfkampagne im Haus der Bundespressekonferenz. Be

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bei einer Pressekonferenz in Berlin.

(Foto: Frederic Kern/Future Image/imago images)

Wechselunterricht in den Schulen nach den Sommerferien? Bildungspolitiker aller Parteien und Pädagogen weisen die Bemerkung des Gesundheitsministers scharf zurück. Der relativiert seine Aussagen nun.

Von Henrike Roßbach, Berlin, und Paul Munzinger

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will die von ihm losgetretene Debatte, wie der Unterricht nach den Ferien aussehen soll, entschärfen. "Es ist unser Ziel, dass Schule nach den Ferien so normal wie möglich wieder starten kann. Das sind wir den Kindern und Jugendlichen schuldig", sagte er der Süddeutschen Zeitung am Montag. Er betonte aber: "Dafür müssen wir vorsichtig bleiben: Testen, auch in der Schule, um sicher durch den Pandemie-Alltag zu kommen. Reiseregeln einhalten, damit das Virus nicht zurückkehrt. Und impfen, um uns und andere zu schützen." Erwachsene sollten sich unbedingt zweimal impfen lassen, auch Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren könnten sich nach individueller Entscheidung impfen lassen.

Am Wochenende hatte Spahn angesichts der sich ausbreitenden Delta-Variante des Virus in einer Diskussionsrunde gesagt, man werde "nicht völlig ohne Schutzmaßnahmen - sei es Maske, Abstand, Wechselunterricht oder Testen" wieder in den Schulbetrieb gehen können. Vor allem der Punkt Wechselunterricht hatte Empörung ausgelöst. Am Montag sagte Spahn auf einer Veranstaltung der Industrie, er sei absolut nicht für Wechselunterricht; mit den richtigen Instrumenten lasse sich das verhindern.

Doch die Diskussion ist längst im Gange. "Mich ärgert, dass wir in diesen Debatten immer noch nicht weiter sind", sagte Thüringens Kultusminister Helmut Holter (Linke) am Montag der Süddeutschen Zeitung. "Immer wieder werden die Kinder reflexhaft vereinnahmt. Sie sollen es rausreißen, wenn die Infektionen steigen. Sie sollen zurückstehen, sollen ihre Lebenszeit, ihre Bildungschancen hintanstellen." Die Kultusministerkonferenz (KMK) habe einstimmig beschlossen, dass das kommende Schuljahr als Präsenzschuljahr stattfindet. Daran halte er fest.

Auch Spahns Parteikollege Alexander Lorz, Kultusminister in Hessen, verwies auf den KMK-Beschluss. "Eine solche Diskussion kommt zu früh", sagte Lorz der SZ. Baden-Württembergs Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) betonte, dass die Voraussetzungen für Präsenzunterricht besser seien als im vorherigen Jahr. So seien etwa Lehrerinnen und Lehrer "bereits jetzt zu großen Teilen vollständig geimpft".

Bundesfamilienministerin Christine Lambrecht (SPD) wies Spahns Äußerungen vom Wochenende zurück: "Spekulationen ohne sachliche Grundlage, wie der Schulunterricht nach den Ferien aussehen wird, verunsichern und helfen nicht weiter", sagte sie der SZ. "Kinder brauchen jetzt einen normalen Alltag, um Lernrückstände möglichst schnell aufholen und sich altersgerecht entwickeln zu können." Wichtig sei, dass genügend Impfstoff bereitstehe für Kinder und Jugendliche, die sich impfen lassen wollten. Das würde einen zentralen Beitrag dazu leisten, eine vierte Welle abzuwehren und Präsenzunterricht zu ermöglichen.

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt nannte Spahns Äußerung "eine politische Kapitulation". Die Risiken durch die Verbreitung der Delta-Variante erforderten "maximalen Einsatz statt einer angekündigten Flucht aus der Verantwortung". Unter anderem müsse die "viel zu spät" gestartete Förderung von Luftfilteranlagen beschleunigt werden. Das entsprechende Förderprogramm des Bundes ist erst vor gut einer Woche auf Einrichtungen für Kinder unter zwölf Jahren" ausgeweitet worden; seither können Anträge gestellt werden, der Bund trägt 80 Prozent der Kosten.

Die Leopoldina plädiert für Präsenzbetrieb

Thomas Sattelberger, bildungspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, verwies auf die Länder. "Die Kultusministerien der Länder müssen alles tun, um ab Herbst flächendeckend pandemie-sicheren Präsenzunterricht zu ermöglichen." Dazu gehörten ausreichend Schnelltests, möglicherweise notwendige Nachimpfungen für Lehrkräfte, Luftreiniger, bei Platznot die Anmietung zusätzlicher Räume sowie "rasche Impfoptionen und die Validierung geeigneter Impfstoffe auch für junge Menschen".

Auch die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina spricht sich dafür aus, die Schulen offen zu halten. "Für nahezu alle Kita-Kinder und Schulkinder" sei der Präsenzbetrieb "die effektivste Art des Lernens ist", heißt es in einer am Montag veröffentlichten Stellungnahme. Die meisten Kinder und Jugendlichen würden die durch die Pandemie entstandenen Belastungen und Defizite zwar "aller Voraussicht nach" überwinden können. Manche aber würden "kurz-, mittel- und wahrscheinlich auch langfristig von Belastungen und erlittenen Defiziten begleitet".

Die Leopoldina plädiert dafür, die digitale Ausstattung an den Schulen schneller auszubauen und das Erlernen der deutschen Sprache gerade im Vorschulalter besser zu fördern. Es sei eine "zentrale gesellschaftliche und politische Aufgabe, Bildungs- und Unterstützungsstrukturen so zu gestalten, dass sie die pandemiebedingten Defizite kompensieren und die bereits vorher bestehenden Ungleichheiten in Bildungs- und Entwicklungschancen von Kindern und Jugendlichen nachhaltig adressieren".

© SZ
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