Vor dem Parteitag Ein Riss geht durch die CDU

Ob man ihren Einfluss auf die CDU überpinseln kann?

(Foto: dpa)

Hinterlässt der Kampf um Merkels Nachfolge Wunden, die lange nicht mehr heilen? Die Nervosität ist groß unter den Christdemokraten - es geht auch um die Zukunft als Volkspartei.

Kommentar von Robert Roßmann, Berlin

Als es zum ersten Mal mehrere Kandidaten für den CDU-Vorsitz gab, war das für Helmut Kohl der Beweis dafür, dass die Partei "die Forderungen nach mehr Demokratie voll erfüllt". Das war am 4. Oktober 1971 - und es sollte sich zeigen, dass Kohl an diesem Tag gleich in doppelter Hinsicht zu optimistisch war. Er unterlag bei der Wahl des CDU-Chefs seinem Konkurrenten Rainer Barzel. Und es sollte bis zu diesem Freitag im Jahr 2018 dauern, bis sich die CDU wieder einmal mehrere Kandidaten gönnte.

Auf dem Parteitag in Hamburg bewerben sich Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn um den CDU-Vorsitz. Womöglich schlagen Delegierte noch weitere Kandidaten vor. Seit Angela Merkels Rückzugsankündigung erkennt man die CDU kaum wieder. Die Forderungen nach mehr Demokratie werden erfüllt, beinahe schon übererfüllt.

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Die Sozialdemokraten haben der CDU in den vergangenen Jahren gerne vorgeworfen, zum Kanzlerin-Wahlverein degeneriert zu sein. In der CDU gebe es keine offenen Debatten, die Delegierten hätten nichts zu entscheiden, es gehe lediglich um den Machterhalt. Umso erstaunlicher ist, was in diesem Jahr passiert ist. Während bei der SPD ein kleiner Kreis ausgekungelt hat, dass Andrea Nahles Parteichefin werden soll, und die Gegenkandidatur der Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange von der SPD-Führung beinahe als Sakrileg aufgefasst wurde, hat die CDU ein Schaulaufen um den Parteivorsitz organisiert.

Auf acht Regionalkonferenzen haben sich die Kandidaten den Mitgliedern vorstellen können. Allein zu der Veranstaltung in Nordrhein-Westfalen kamen mehr als 4000 CDU-Mitglieder. Es waren Festtage der parteiinternen Demokratie - auch im Vergleich zur CSU. Bei den Christsozialen haben Horst Seehofer und Markus Söder jahrelang mit harten Bandagen um die Vorherrschaft gekämpft, viele Mitglieder und noch mehr Wähler wandten sich mit Grausen ab. In der CDU gehen die Kandidaten dagegen bisher erstaunlich sportlich miteinander um.

Mit der Wahl des oder der neuen Vorsitzenden enden an diesem Freitag die Demokratie-Festspiele der CDU. Und es könnte gut sein, dass dem Rausch ein gewaltiger Kater folgt. Denn der Wahlkampf hat die Konflikte in der Partei ja nicht aufgelöst. Und wegen der schlechten Umfragewerte geht es nicht mehr nur um die Wahl eines Vorsitzenden, sondern auch um den Erhalt der CDU als Volkspartei. In einigen Bundesländern liegen die Christdemokraten bereits unter 20 Prozent. Entsprechend nervös sind viele Mitglieder.

Die gallig geführte Auseinandersetzung um Wolfgang Schäubles Vorstoß für Merz ist nur ein Vorgeschmack auf das, was nach dem Wahltag kommen könnte. Denn die Unterschiede zwischen Kramp-Karrenbauer und Merz - die beiden dürften das Rennen unter sich ausmachen - sind gewaltig. Und die Erwartungen der Lager, die sich hinter ihnen versammelt haben, sind kaum vereinbar.

Im Kern geht es bei dem Konflikt immer noch um Merkel. Kramp-Karrenbauer ist keine Mini-Merkel, aber sie steht trotz aller Absetzbewegungen - etwa im Bereich der Flüchtlingspolitik oder beim Doppelpass - doch für eine Fortsetzung des Kurses der Kanzlerin und für eine Kultur des Ausgleichs. Kramp-Karrenbauers Anhänger wünschen sich von einer neuen Parteichefin zwar deutlich mehr "CDU pur". Aber sie schätzen Merkel als Regierungschefin. Eine Vorsitzende Kramp-Karrenbauer dürfte gut mit der Kanzlerin zusammenarbeiten.

Die Anhänger von Merz hoffen dagegen auf ein Ende der Ära Merkel. Sie sehnen sich nach jemandem, der mit deutlichen Botschaften voran geht, auch mal etwas riskiert - und wieder mehr auf die FDP als auf die Grünen achtet. Manche Vorstellungen Kramp-Karrenbauers halten sie für eine sozialdemokratische Verirrung. Die Kandidatur von Merz hat bei vielen in der CDU enorme Hoffnungen geweckt. Genauso groß wird die Enttäuschung sein, wenn ihr Kandidat verliert.

Ein Blick nach Baden-Württemberg sollte allen in der Partei eine Mahnung sein. Dort leidet die CDU noch heute unter den Verwundungen, die im Jahr 2004 das Duell zwischen Günther Oettinger und Annette Schavan um die Parteiführung verursacht hat. Egal, wer nun das Rennen um die Merkel-Nachfolge gewinnt, er wird sofort nach seiner Wahl ein Zeichen der Verständigung an die andere Seite senden müssen, etwa durch die Auswahl des Generalsekretärs. Ansonsten droht in der CDU ein Graben aufzureißen. Und den kann sich die Union nicht leisten - auch weil Wahlen in drei ostdeutschen Ländern anstehen, in denen die AfD schon jetzt über 20 Prozent liegt.

Rainer Barzel hat 1971 übrigens sofort nach seiner Wahl Kohl gebeten, mit ihm zusammenzuarbeiten. Viel geholfen hat Barzel das allerdings nicht. Zwei Jahre später war Kohl dann doch Parteichef. Aber das muss ja kein Menetekel für die Wahl 2018 sein.

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