Maas in Afghanistan:"Es ist nicht umsonst gewesen"

Heiko Maas, Bundesaussenminister, aufgenommen im Hubschrauber auf dem Weg zum Hauptquartier Resolute Support (HQRS) in

Bundesaußenminister Heiko Maas im Hubschrauber auf dem Weg zum Hauptquartier der Nato-Truppen in Kabul.

(Foto: Florian Gaertner/imago images/photothek)

Außenminister Maas verweist zum Beginn des Bundeswehr-Abzugs auf Erfolge und verspricht in Kabul weitere Hilfe. Berlin hätte lieber Friedensverhandlungen mit den Taliban abgewartet.

Von Daniel Brössler, Berlin

Heiko Maas nennt es nicht so, aber es ist eine Abschiedsreise. Zwei Jahrzehnte lang gehörten regelmäßige Besuche in Afghanistan zum Pflichtprogramm deutscher Außenminister. Nun ist der SPD-Politiker noch einmal an den Hindukusch gekommen, um den Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr "für das zu danken, was sie geleistet haben".

Der Abzug hat bereits begonnen, wie die Nato am Donnerstagabend mitteilte. Am 1. Mai beginnt die Nato mit dem Abzug ihrer Truppen. Ursprünglich sollte die Mission am 11. September enden; nun soll es sogar noch schneller gehen. Voraussichtlich bis 4. Juli soll der letzte der 1100 noch in Afghanistan stationierten Soldaten der Bundeswehr zurück in der Heimat sein. Die letzten deutschen Polizeiausbilder haben das Land schon verlassen. Es sei, sagt der Außenminister, "viel erreicht worden". Das ist die Botschaft, die er hinterlassen möchte: "Es ist nicht umsonst gewesen."

Wirklich nicht? Das ist die Frage, die Maas auf dieser Reise begleitet. Insgesamt 160 000 deutsche Soldatinnen und Soldaten haben über die Jahre hinweg Dienst getan in Afghanistan in einem Einsatz, der bis 2015 auch ein Kampfeinsatz war. 59 von ihnen verloren ihr Leben, 35 davon in Gefechten oder bei Anschlägen.

Maas verweist darauf, dass afghanische Mädchen nun anders als früher zur Schule gehen könnten. Er verweist auf die gestiegene Lebenserwartung und darauf, dass das "auch etwas damit zu tun hat, dass die Bundeswehr dafür gesorgt hat, dass es hier mehr Sicherheit gibt".

Geld soll die Taliban kompromissbereit stimmen

Was aber wirklich bleibt nach dem langen Einsatz, den US-Präsident Joe Biden nun nicht sehr viel weniger überstürzt beendet, als es sein Vorgänger Donald Trump verfügt hatte, kann Maas nur mit Worten voller vager Hoffnung beschreiben. Er verweist auf Friedensgespräche, die - auch moderiert von Deutschland - in Doha stattfinden, und darauf, dass nur eine politische Lösung dem Land Frieden bringen werde. Die Taliban seien ja nie weg gewesen. Nun gehe es darum, sich mit ihnen politisch zu verständigen.

Die Taliban wüssten, dass ihr Land dringend auf finanzielle Hilfe angewiesen sei, und schließlich gebe es doch auch "bei den Taliban ein Interesse, dafür zu sorgen, dass dieses Land eine gute Zukunft hat". Das ist der Strohhalm, an den sich die internationale Gemeinschaft gerade klammert: die Annahme, dass Geldnot die militant-islamistischen Taliban zu Kompromissen zwingen könnte und dazu, nicht alle demokratischen Errungenschaften der vergangenen Jahre zu kassieren.

"Wir ziehen zwar unsere Soldaten ab, aber nicht die politische und finanzielle Unterstützung", verspricht Maas in Kabul. So hat Deutschland für das laufende Jahr 430 Millionen Euro zur Verfügung gestellt und für die Jahre bis 2024 die gleiche Summe in Aussicht gestellt. Allerdings will die Bundesregierung die Zahlungen von der weiteren Entwicklung des Friedensprozesses und der Lage der Menschenrechte abhängig machen.

Berlin wollte nach Friedensschluss abziehen

Tatsächlich hatte sich die Bundesregierung ein anderes und vor allem behutsameres Ende der Afghanistan-Mission gewünscht. Außenminister Maas hatte ursprünglich dafür plädiert, das Ende des Nato-Einsatzes vom Erfolg der Friedensverhandlungen zwischen Taliban und Regierung in Kabul abhängig zu machen. Im März hatte der Bundestag noch beschlossen, das Mandat für bis zu 1300 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr vorsorglich bis Ende Januar 2022 zu verlängern.

Für die Bundeswehr kommt es nun nur noch darauf an, ihren bisher schwierigsten und verlustreichsten Einsatz ohne Zwischenfälle zum Abschluss zu bringen und ihr fast zu einem Städtchen gewachsenes Camp Marmal bei Masar-i-Scharif sicher abzubauen. "Wir sind auf alles vorbereitet", antwortet Maas auf die Frage, ob der Abzug mit erhöhten Sicherheitsrisiken verbunden sei. Es gebe allerdings "Hinweise", dass der Abzug nicht durch eine Zunahme der Gewalt belastet werde. Tatsächlich hatten die Taliban die Erklärung des Kommandeurs der US- und Nato-Truppen, General Austin Scott Miller, über den Beginn des Abzugs als "lobenswert" begrüßt.

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