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US-Truppenabzug aus Afghanistan:Biden erfüllt ein Versprechen Trumps

US-Soldaten in Afghanistan

US-Soldaten bringen in Kandahar einen verwundeten Kameraden in Sicherheit.

(Foto: Finbarr O'Reilly/REUTERS)

Zwanzig Jahre Anti-Terror-Krieg haben Amerika gespalten - und einen wesentlichen Teil des konservativen Amerika militarisiert. Vielleicht hilft der Rückzug aus Afghanistan, den nächsten Trump zu verhindern.

Kommentar von Hubert Wetzel

Joe Biden ist jetzt seit knapp 100 Tagen Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, und vorige Woche hat er ein wichtiges Wahlversprechen erfüllt. Es war allerdings keines seiner eigenen Versprechen, sondern eines, das Donald Trump vor vier Jahren schon abgegeben hatte - den Forever War zu beenden, jenen ewigen Krieg in Afghanistan, in den die USA nach den Terroranschlägen an 9/11 gezogen sind.

Hunderte Milliarden Dollar hat dieser Krieg die Amerikaner gekostet, 20 000 US-Soldaten wurden verwundet, mehr als 2300 GIs sind gefallen. Er sei der vierte Präsident, der Krieg in Afghanistan führe, sagte Biden, und er werde diese Bürde nicht noch an einen fünften weitergeben. Am 11. September 2021, nach zwanzig Jahren Kampf und Tod, soll der letzte amerikanische Soldat das Land verlassen haben.

Man kann darüber streiten, ob der Abzug in militärisch-strategischer Hinsicht klug ist. Ob es fair ist, jetzt die Afghanen und vor allem Afghaninnen im Stich zu lassen, die froh waren, dass die Herrschaft der Taliban 2001 beendet wurde. Ob der gerade von Biden stets bekräftigte Anspruch der USA, weltweit die Schutzmacht von Demokratie und Menschenrechten zu sein, nicht irreparabel leidet, wenn sie nun einpacken.

Dem gegenüber steht allerdings eine einfache Wahrheit: Biden hat gar keine andere Wahl, als den Einsatz endlich zu beenden. Zwanzig Jahre Anti-Terror-Krieg haben daheim in den USA zwar längst keine solche Verheerung angerichtet wie in Afghanistan oder im Irak, wo geschossen und bombardiert wurde. Aber sie haben, ähnlich wie vor einem halben Jahrhundert der Vietnam-Krieg, auch in Amerika Schäden hinterlassen, sie haben das Land gespalten, Gesellschaft und Politik vergiftet und radikalisiert.

Eine AR-15 zu besitzen, ist eine politische Aussage

Zwanzig Jahre Krieg haben ein Heer von Veteranen geschaffen, von denen viele nur mit Mühe ins Zivilleben zurückfinden. wenn überhaupt. Und sie haben einen wesentlichen Teil des konservativen Amerika militarisiert. Die größte und gefährlichste rechte Miliz, die "Oath Keepers", rekrutiert sich vorwiegend aus ehemaligen Soldaten.

Es ist kein Zufall, dass unter den Leuten, die am 6. Januar das Kapitol in Washington gestürmt haben, viele frühere Armeeangehörige waren. Es ist auch kein Zufall, dass die AR-15, die zivile Version eines militärischen Sturmgewehrs, bei konservativen Amerikanern zur populärsten Waffe geworden ist - millionenfach verkauft. Eine AR-15 zu besitzen, ist eine politische Aussage.

Auch die Lasten des Krieges sind sehr ungleich verteilt. Man findet in den Washingtoner Denkfabriken viele liberale Menschen, die den Demokraten zuneigen, die Trumps Isolationismus und seine "America-first"-Politik kritisieren und mit hehren Worten erklären können, warum Amerika noch etwas länger Krieg in Afghanistan führen sollte. Aber die jungen Männer und Frauen, die zum Militär gehen und die dann verwundet werden oder fallen, stammen überwiegend aus den Dörfern und Kleinstädten im Rostgürtel, im Mittleren Westen und im Süden der USA.

Diese Kluft prägt die Gesellschaft bis tief in die Populärkultur: In der Musik zum Beispiel, die das linke, urbane, hippe Amerika hört - Pop, Rock, Rap - kommt der Krieg, den das Land seit zwei Jahrzehnten führt, praktisch nicht vor. Das konservative, ländliche Amerika dagegen hört Country, und da sind die Lieder voll von Soldaten, die an irgendeine staubige Front geschickt werden oder im Zinksarg zurückkommen.

Es sind, um es sehr grob zu sagen, Söhne und Töchter aus der unteren weißen Mittelschicht, die in Amerikas Kriegen kämpfen und sterben. Sie waren 2016 Trumps Kernwähler. Und sie wählten ihn auch deshalb, weil er versprach, diesem Kämpfen und Sterben weit weg von zu Hause, in dem die Menschen, die davon betroffen waren, schon lange keinen Sinn mehr sahen, ein Ende zu machen. Nun macht es Joe Biden. Und vielleicht hilft das, den nächsten Trump zu verhindern.

© SZ
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