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Konzerne und Moral:Sie müssen nicht - aber sie sollten

Proteste gegen Siemensentscheidung zu Adani Projekt

Die Friday-for-Future-Aktivisten fordern von Siemens aus dem kontroverse Kohleabbauprojekt in Australien auszusteigen.

(Foto: dpa)

Auch mächtige Unternehmen können nicht Fehler der Politik ausgleichen. Aber wer, wenn nicht sie, sollte vorangehen, um die Erde vor der Klimakatastrophe zu retten?

Die Summe von 18 Millionen Euro ist sehr hoch für einen einzelnen Menschen. Siemens allerdings nimmt so viel Geld in gerade mal anderthalb Stunden ein, der jährliche Auftragseingang liegt bei hundert Milliarden Euro. Kann es da wirklich wichtig sein, ob der Konzern mit einem zierlichen 18-Millionen-Auftrag am neuen Kohleabbauprojekt in Australien mittut, viele Tausend Kilometer entfernt von Deutschland?

Nein, sagen die einen, das sei nicht wirklich spektakulär, und erst recht fragwürdig sei die öffentliche Forderung an Siemens, den entsprechenden Vertrag wieder aufzulösen - das koste Geld und Reputation bei den Geschäftspartnern. Nichts Gesetzwidriges sei ja vereinbart worden, sondern einfach etwas, mit dem Klimaschützer heftige Probleme haben, andere aber nicht. Nimmt nicht überhaupt die ganze Klimadebatte Züge von Hysterie an, und ist das nicht auch reichlich scheinheilig? Der Staat reißt beim Umweltschutz selbstvereinbarte Zielmarken, auch der Verbraucher ist reichlich inkonsequent - aber von Unternehmen wird volles Engagement erwartet. Dabei müssen sie doch Geschäfte im Interesse der Eigentümer und der Mitarbeiter machen, und was da nicht verboten ist, ist also erlaubt. So kann man das sehen - aber dabei stehen zu bleiben, wäre ziemlich dumm.

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Richtigerweise muss man doch sagen: Wer, wenn nicht die finanzstarken und mächtigen Firmen, sollte vorangehen, unseren Planeten zu retten? Die Umweltzerstörung ist offensichtlich, und wer das leugnet, kann gleich die Erde zur Scheibe erklären. Die Indizienlage ist erdrückend: Es muss umgesteuert werden, schnell und gründlich. Dabei geht es um Strategie, um konkrete Projekte und, ja, auch um kleine Zeichen mit großer Wirkung.

Aber das Thema ist umstritten, wie man an Siemens sehen kann, wo sich diejenigen, die für ein Festhalten des Konzerns am Projekt ("Vertrag ist Vertrag") sind, etwa die Waage halten mit denen, die ein Aussteigen ("Muss man halt neu verhandeln und zahlen") präferieren. Beide Gruppen werden sich bei der Jahresversammlung in knapp drei Wochen begegnen, es wird laut und emotional. Gut so. Denn die Debatte, wie ein Unternehmen wirtschaften soll, ist zwar nicht neu, aber wieder brennend aktuell.

Schon vor einer Generation und länger kam die Forderung auf, Unternehmen sollten gesellschaftliche Anliegen miterfüllen, damals ging es vor allem um soziale Rechte der Arbeitnehmer. Der amerikanische Nobelpreisträger Milton Friedman setzte dem 1970 sein einflussreiches Manifest entgegen, wonach Unternehmen sich gefälligst aufs Gewinnemachen konzentrieren sollten und gerade dadurch ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht würden. Wie viel Moral muss sein? Auf diese Frage sagte ein deutscher Familienunternehmer einmal den heftigen Satz, wenn die Rendite stimme, habe man ja offenbar moralisch gewirtschaftet, und im Übrigen könne jeder mit dem verdienten Geld Gutes tun. In der Managementlehre hielt dieses Denken in den 1980er- Jahren als Shareholder-Value-Prinzip Einzug: je höher der Börsenwert, desto besser das Management.

Was ist ein "sauberes" Geschäft?

Heute spricht man vom Stakeholder Value. Die Unternehmen erstellen dicke "CSR-Reports" und zeigen damit ihre "Corporate Social Responsibility", ihre unternehmerische Verantwortung für die Gesellschaft. Im vergangenen Jahr haben sich ausgerechnet in den Vereinigten Staaten, dem Mutterland eines kompromisslosen Kapitalismus, 200 Vorstandschefs zu mehr Verantwortung bekannt. Die Sinnsuche läuft unter dem Schlagwort: Welchen "Purpose", Zweck, außer Gewinnstreben soll ein Unternehmen haben?

Klingt gut, aber wenn's drauf ankommt, geht häufig doch der Profit vor. Automanager reden über die Ökologisierung ihrer Branche und verdienen weiterhin an den schweren, teuren Schlitten. Die Energiebranche bewirbt grüne Energie, verfeuert aber immer noch und auf länger fossile Ressourcen. Viel Geld lässt sich in politisch fragwürdigen Staaten verdienen. Saudi-Arabien. Türkei. Iran. Und natürlich China. Perspektivisch hängt an der Volksrepublik der deutsche Wohlstand, sagen selbst nachdenkliche Konzernlenker. Das stimmt, kann aber nicht das Ende, sondern muss der Anfang der Debatte sein: Wie navigiert man in dieser Welt der Grautöne?

Gerne wird juristisch argumentiert. Was bei einem Familienunternehmen funktionieren mag, sich nämlich auf "saubere" Geschäfte zu konzentrieren, kann bei der Kapitalgesellschaft für die angestellten Chefs heikel sein. Möglicherweise machen sie sich gegenüber den Aktionären sogar schadenersatzpflichtig, wenn sie Gewinn und Dividende aus noch so guten Gründen mutwillig eigenmächtig schmälern. Ein Dilemma? Ja, aber eines, für das es eine Lösung gibt.

Geschäftserfolg bemisst sich nicht nur am Gewinn, sondern auch an der Reputation

Es stimmt: Unternehmen können nicht Defizite der Politik ersetzen, Manager nicht Demokratie und Rechtsstaat erzwingen. Im Rahmen von Recht und Gesetz sollen sie ihre Geschäfte machen dürfen. Aber, und das ist jetzt wichtig: Sie müssen die damit verbundenen Konsequenzen bedenken. Der Geschäftserfolg bemisst sich eben nicht nur am Jahresgewinn, sondern auch an der allgemeinen Reputation.

Lange unangreifbar wirkende Unternehmen wie Facebook, aber auch Google, Apple, Amazon, Uber und wie die neuen Stars alle heißen, müssen gerade erfahren, wie das ist, wenn sich das Image verfinstert. Leidet der Ruf, schlägt das irgendwann auf die Verkaufszahlen der Produkte durch, auf die Zahl der Werbeaufträge, die Loyalität der Mitarbeiter, die Attraktivität als Arbeitgeber.

Deswegen übrigens ist der Umgang der Siemens-Spitze mit dem Kohleprojekt ein dramatischer Managementfehler. Der Schaden durch die anschwellende Debatte wird nicht in der nächsten Bilanz auftauchen. Aber er wird sich schleichend bemerkbar machen und gewaltig sein.

© SZ vom 18.01.2020/mpu
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