Leipziger Studie Die Deutschen werden immer intoleranter

Bei der Ausländerfeindlichkeit haben Forscher der Universität Leipzig ein deutliches Gefälle zwischen Ost- und Westdeutschland festgestellt.

(Foto: dpa)

Erschreckend hoch ist laut einer Studie vor allem die Zunahme der Muslimfeindlichkeit in Deutschland. Demokratie finden die meisten dennoch ziemlich gut.

Von Clara Lipkowski und Markus C. Schulte von Drach (Grafik)

Die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland steigt. Muslime werden deutlich negativer gesehen. Antisemitismus ist nach wie vor verbreitet und die offene Gesellschaft, in der alle Gruppen gleiche Rechte haben, wird zunehmend in Frage gestellt. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie von Leipziger Forschern zum Thema Autoritarismus. Diese haben die Soziologen Oliver Decker und Elmar Brähler von der Universität Leipzig am Mittwochvormittag in Berlin vorgestellt.

Studienleiter Decker zeigte sich alarmiert von den Ergebnissen. "Wir beobachten hohe Zustimmungswerte für die Einstellung, die in der Forschung als 'Einstiegsdroge' in den Rechtsextremismus gilt: Die Hemmschwelle, rechtsextremen Aussagen zuzustimmen, ist besonders niedrig."

Für die 328 Seiten lange repräsentative Studie wurden zwischen Mai und Juli dieses Jahres 2416 Menschen in Deutschland (West: 1918, Ost: 498) zu ihren Einstellungen interviewt. Die Forscher beobachten seit 2002 die Einstellungen der Deutschen zum Rechtsextremismus, bislang bekannt unter dem Namen "Mitte-Studien der Universität Leipzig". Sie erscheint alle zwei Jahre, nun unter dem Namen "Leipziger-Autoritarismus-Studie".

Um Rechtsextremismus zu messen, stellten die Forscher unter anderem je drei Fragen in sechs Kategorien, darunter etwa, inwieweit die Teilnehmer Stereotypen über Juden zustimmen oder ob Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden solle.

Die Befragung in der Kategorie Ausländerfeindlichkeit zeigt, dass 24 Prozent und damit rund ein Viertel der Deutschen eine ablehnende Haltung gegenüber Ausländern haben. Deutlich zeigt sich hier ein Ost-West-Gefälle. Während im Westen 22 Prozent der Befragten ausländerfeindlich eingestellt sind, sind es im Osten 31.

Insgesamt stimmen 36 Prozent der Deutschen der Aussage zu, dass Ausländer nur hierherkommen, um den Sozialstaat auszunutzen. Über ein Viertel würde Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken, wenn in Deutschland die Arbeitsplätze knapp werden. Rund 36 Prozent halten die Bundesrepublik durch Ausländer in einem gefährlichen Maß für "überfremdet". Bei all diesen Antworten stimmten Ostdeutsche öfter zu als Westdeutsche.

Die Forscher werten die hohe Ausländerfeindlichkeit so: Obwohl interkultureller Austausch im Alltag stattfinde, würden Vorurteile nicht abgebaut. "'Die Ausländer' bleiben ein gewohntes Feindbild", schreiben sie.

Deutlich zeigt sich, dass Menschen mit Abitur viel seltener rechtsextrem sind als jene ohne Hochschulreife. Außerdem erreichen Männer in allen Kategorien, die abgefragt wurden, höhere Werte als Frauen. Deutlich mehr Männer (26,3 Prozent) stimmen zum Beispiel ausländerfeindlichen Aussagen zu als Frauen (22,2). Ältere Befragte tendieren eher zu rechtsextremen Positionen als jüngere.

Positiv erwähnen die Autoren der Studie, dass der Antisemitismus leicht zurückgegangen ist - zumindest in Westdeutschland. 2016 waren fünf Prozent "manifest antisemitisch", 2018 sind es nur noch 4,2. In Ostdeutschland stiegen die Werte dagegen an (2016: 4,1, 2018: 5,2). Der Aussage, "Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns" stimmen in Westdeutschland allerdings 26 Prozent entweder voll oder in Teilen zu; im Osten sogar 39,6 Prozent - Antisemitismus ist also weit verbreitet.

Der insgesamt geringe Rückgang geht allerdings mit einer deutlichen Abwertung anderer Gruppen einher: "Erschreckend hoch ist die Abwertung von Muslimas und Muslimen angestiegen", sagt Studienleiter Elmar Brähler.

44,1 Prozent der Befragten finden, dass Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden sollte. In den neuen Bundesländern sieht das sogar jeder Zweite so. Der Anteil derer, die sich "durch die vielen Muslime wie ein Fremder im eigenen Land fühlen", ist 2018 in ganz Deutschland ebenfalls gestiegen. Die Vorbehalte gegenüber Asylsuchenden sind gleich geblieben - allerdings gleich hoch. Vier von fünf Befragten finden, über Asylanträge sollte nicht großzügig entschieden werden. Dies werten die Forscher als Kritik an Flüchtlingen, nicht aber am Vorgehen der Verwaltung, die über Asylanträge entscheidet.

Niedriger als die Vorbehalte gegenüber Asylsuchenden, aber deutlich höher als die gegenüber Muslimen, ist die Abwertung von Sinti und Roma. Dass diese Gruppen zu Kriminalität neigen, glauben 60,4 Prozent. Das ist ein ähnlicher Wert wie 2016. Allerdings sind die Vorbehalte bei Menschen in Ostdeutschland deutlich gestiegen. Bundesweit ist fast jeder Zweite der Meinung, Sinti und Roma sollten "aus den Innenstädten verbannt werden".

Was die Studie auch zeigt und was den Forschern zufolge erfreulich ist: Den Deutschen gefällt die Idee einer Demokratie ziemlich gut (93,9 Prozent). Fragten die Forscher jedoch detaillierter nach, wie sie zur Demokratie in Deutschland stehen, zeigte sich ein anderes Bild. Mehr als die Hälfte der Befragten finden, "manche Gruppen sollten sich nicht wundern, dass der Staat ihre Rechte einschränkt". Das Prinzip "gleiche Rechte für alle" lehnt eine hohe Zahl der Studienteilnehmer also ab. "Diesen Widerspruch deuten wir so, dass die Befragten die Forderung nach Freiheitsrechten für jede und jeden wohl auf die eigene Person und Gruppe beziehen", schreiben die Forscher, "während sie bei der Verweigerung an andere denken."

Weiter drücken die Befragten in der Studie eine große Politikverdrossenheit aus: 70 Prozent geben an, "Leute wie ich haben sowieso keinen Einfluss darauf, was die Regierung tut", 58 Prozent sehen keinen Sinn darin, sich politisch zu engagieren. Demnach ist die Distanz zu demokratischen Institutionen groß. Ein "Warnsignal" für die repräsentative Demokratie im Land, so die Forscher.

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