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Studie:Deutschland wird populistischer

AfD-Demonstration in Rostock

Die AfD profitiert davon, dass Wähler zunehmend populistisch eingestellt sind.

(Foto: dpa)
  • Die Bertelsmann-Stiftrung verortet fast jeden dritten Wahlberechtigten in den Bereich des Populismus.
  • Populismus muss der Studie zufolge nicht unbedingt einer politischen Richtung folgen, sondern eine Idee von Demokratie, in der zwischen dem "wahren Volk" und der "korrupten Elite" unterschieden wird.
  • Davon profitiert derzeit vor allem die Alternative für Deutschland.

Immer mehr Deutsche sind populistisch eingestellt. Zu diesem Ergebnis kommt die Bertelsmann-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in ihrem "Populismusbarometer 2018". Die Studie verortet fast jeden dritten Wahlberechtigten, genauer gesagt 30,4 Prozent aller von Infratest dimap Befragten, in den Bereich des Populismus. Gegenüber dem Vorjahr ist das eine Steigerung von 1,2 Prozentpunkten. Der Anteil der eindeutig unpopulistischen Wähler sinkt um 4,1 Prozentpunkte auf 32,8 Prozent.

Für ihre Analyse legte Infratest dimap 3427 Wahlberechtigten Online-Fragebögen mit Listen vor, auf denen die Befragten Aussagen entweder in verschiedenem Maße zustimmen oder sie ablehnen konnten. Populismus muss der Studie zufolge nicht unbedingt einer politischen Richtung folgen. Vielmehr beschreibt der von dem lateinischen populus ("Volk") abstammende Begriff eine Idee von Demokratie, in der zwischen dem "wahren Volk" und der "korrupten Elite" unterschieden wird und ein allgemeiner Volkswille besteht. Wer beispielsweise der Aussage zustimmt, dass "die Bürger sich in vielem einig sind, Politiker aber andere Ziele verfolgen" oder dass "ein politischer Kompromiss nichts anderes ist als der Verrat eigener Prinzipien", zeigt ganz unabhängig von seiner politischen Gesinnung populistische Tendenzen.

Vor allem die politische Mitte tendiert der Studie zufolge stark in Richtung Populismus. Stimmte aus dieser Gruppe im Vorjahr noch jeder Neunte populistischen Aussagen zu, ist es in diesem Jahr schon jeder achte Wahlberechtigte.

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Davon profitiert derzeit vor allem die Alternative für Deutschland (AfD), die am rechten Rand einen Großteil des Wählerpotenzials bindet, in der politischen Mitte aber vor allem Menschen durch Populismus überzeugt. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums "sucht und findet" die Linkspartei der Studie zufolge "ihren Wählerzuspruch vor allem in eher populistischen Segmenten der Wählerschaft". Dies hat jedoch seine Grenzen. Die AfD wird immer noch von einem Großteil der Wähler abgelehnt. 71 Prozent der Befragten nennen die rechtspopulistische Partei als diejenige, die sie auf gar keinen Fall wählen würden, mit Abstand folgt darauf die Linkspartei (51 Prozent).

Auffällig ist zudem, dass vor allem Menschen mit niedrigerem Bildungsabschluss für Populismus anfällig sind und auch, dass in diesen Gruppen der Populismus wächst.

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Die Studie beschäftigt sich nicht nur mit der populistischen Einstellung der Wähler im Allgemeinen, sondern auch im Verhältnis zu den Parteien. Hierbei wird festgestellt, dass Wähler der Union im vergangenen Jahr populistischer wurden. Die klassische bürgerliche Mitte dagegen bringt CDU und CSU weniger Vertrauen entgegen. Die Macher der Studie ziehen daraus den Schluss, dass die Union bei weiterer Orientierung an der AfD Gefahr laufe, "ihren unpopulistisch-bürgerlichen Markenkern an die Grünen zu verlieren".

Die wiederum sind Umfragen zufolge nicht nur bei der nahenden Landtagswahl in Bayern zweitstärkste Kraft, sondern auch die einzige der im Bundestag vertretenen Parteien, deren Wähler weniger Avancen zum Populismus als im vergangenen Jahr machten. Während bei SPD-Wählern ein leichter Zuwachs zu verzeichnen ist, wuchs der Anteil von populistischen Wählern bei FDP und vor allem Linkspartei deutlich. Bei Letzterer gibt es eine deutliche Tendenz weg von linker Politik hin zu einer Verortung im linkspopulistischem Zentrum. Ähnlich wie die Union scheint die Linkspartei der Studie zufolge ihren Markenkern "schleichend" zu verändern.

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