Islamisten:Dem Kalifen treu ergeben

Islamisten: "Absolut todernst": Ein US-Marine überwacht das Flughafengelände in der afghanischen Hauptstadt Kabul.

"Absolut todernst": Ein US-Marine überwacht das Flughafengelände in der afghanischen Hauptstadt Kabul.

(Foto: Nicholas Guevara/AP)

Die westlichen Truppen und auch die Taliban haben den IS in Afghanistan bekämpft - dennoch ist die Terrormiliz in der Lage, schwere Anschläge in Kabul zu verüben.

Von Paul-Anton Krüger

Wie ein Laserpointer sei man fokussiert auf die Bedrohung durch die Terrormiliz Islamischer Staat, sagte schon am Donnerstag der Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan: Die mit den Taliban verfeindeten islamistischen Extremisten könnten das Chaos um den Flughafen in Kabul ausnutzen, um Anschläge zu begehen. "Die Bedrohung ist real, sie ist akut, sie ist anhaltend", bekräftigte Sullivan am Sonntag. Man nehme die Warnungen "absolut todernst".

Nach dem Angriff auf das Nordtor des Flughafens der afghanischen Hauptstadt in der Nacht zum Montag liegt die Frage auf der Hand, ob das Szenario bereits eingetreten ist. Amerikanische und deutsche Soldaten sowie afghanische Sicherheitsleute schlugen die Attacke zurück - laut CNN war ein Feuergefecht ausgebrochen, nachdem ein Scharfschütze auf die Afghanen geschossen und einen von ihnen getötet hatte. Etwa 600 Soldaten der kollabierten afghanischen Regierung helfen den westlichen Truppen, den Flughafen zu sichern.

Bis Montagabend hatte der IS die Attacke nicht für sich reklamiert. Klar ist aber, dass die sogenannte Provinz Khorasan des IS in der Lage ist, in Afghanistan schwere Anschläge zu verüben. Erst im Mai hatten Selbstmordattentäter eine Autobombe in eine Mädchenschule in Kabul gesteuert, an der schiitische Hazara unterrichtet wurden. Mindestens 68 Menschen starben. Als die Kinder flohen, explodierten weitere Sprengsätze. Im August 2020 griffen Khorasan-Kämpfer einen Gefängniskomplex in Dschalalabad an und befreiten mehr als 400 Häftlinge.

Mehr als 100 Terrorattacken und 250 Angriffe auf afghanische Regierungstruppen und ausländische Soldaten werden seit 2017 dem afghanischen Ableger der Terrormiliz zugerechnet, die ihre Kerngebiete in Syrien und im Irak zwar verloren hat, sich dort aber nach Einschätzung westlicher Geheimdienste neu gruppiert und organisiert. Dabei ist die afghanische Filiale sowohl von den Taliban als auch von den westlichen Truppen bekämpft worden.

Die Truppe ist für ihr extrem brutales Vorgehen gegen Zivilisten gefürchtet

Der Generalinspekteur des Pentagons warnte jüngst, der IS habe seine Attacken auf die afghanische Regierung verstärkt. Er habe dabei die politische Instabilität und den Anstieg der Gewalt im zweiten Quartal dazu genutzt, religiöse und ethnische Minderheiten sowie Einrichtungen der Infrastruktur zu attackieren, hieß es in einem in der vergangenen Woche veröffentlichten Bericht. Ziel wurden Hazara, Sufis, die vom IS als Ungläubige denunziert werden, sowie ein Sikh-Tempel in Kabul.

Hervorgegangen war die Provinz Khorasan aus Anhängern der 2007 gegründeten pakistanischen Extremistengruppe Tehrik-e-Taliban Pakistan, die ebenso wie der IS für ihr extrem brutales Vorgehen gegen Zivilisten gefürchtet ist. Sie legten im Oktober 2014 den Treueeid zum selbsternannten Kalifen und IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi ab. Im Januar 2015 wurden sie vom IS als offizielle Filiale anerkannt und rekrutierten weitere Kämpfer von pakistanischen Extremistengruppen und aus den Reihen der Taliban.

Bis heute ist die Provinz Khorasan nach Einschätzung westlicher Geheimdienste in Kontakt mit der untergetauchten IS-Führung und erhält von ihr sowohl finanzielle Unterstützung als auch Orientierung in ideologischen und militärischen Fragen, ebenso wie bei wichtigen Personalentscheidungen. Schätzungen über die Stärke der Gruppe reichen von 1000 Mann bis zu fünfstelligen Zahlen. Die Taliban machten unmissverständlich klar, dass sie mit aller Härte gegen den IS-Ableger kämpfen werden. Sie richteten nach der Übernahme Kabuls den in einem Regierungsgefängnis einsitzenden früheren Khorasan-Anführer Abu Omar Khorasan kurzerhand hin.

© SZ
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