Taliban:Wie Katar in Afghanistan mitmischt

Taliban co-founder Baradar arrives in Afghanistan

Taliban-Führer Mullah Abdul Ghani Baradar nach seiner Ankunft in Kandahar.

(Foto: -/AFP)

Das Emirat hat das politische Büro der Taliban beherbergt. Es wollte sich damit diplomatischen Einfluss sichern - und den USA nützlich sein.

Von Paul-Anton Krüger

Der Dank kam von höchster Stelle. Am Samstag erhielt Katars Emir Tamim bin Hamad al-Thani einen Anruf von US-Präsident Joe Biden, der die Rolle des Landes bei den Evakuierungsflügen aus Kabul ebenso lobte wie jene als Gastgeber der innerafghanischen Gespräche, die mit der Machtübernahme der Taliban gescheitert sind. Tags zuvor hatte bereits Außenminister Tony Blinken mit seinem Kollegen Mohammed bin Abdulrahman al-Thani in Doha gesprochen und Katar für "unsere starke Partnerschaft zur Förderung der regionalen Sicherheit" gewürdigt.

In Deutschland dagegen geriet das kleine Golfemirat in die Kritik, nachdem seine Luftwaffe am Mittwoch mit einem Militärtransporter vom Typ C-17 eine Delegation der Taliban mit Mullah Abdul Ghani Baradar an der Spitze nach Kandahar geflogen hatte. Manche Politiker aus Oppositionsfraktionen wollten darin eine Unterstützung seitens des Staates Katar für die Taliban erkennen und stellten sogleich die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr infrage.

Immer wieder hat es Fragen gegeben, wie eng das Verhältnis Katars mit den islamistischen Extremisten ist. Befördert wurde dies zuletzt etwa dadurch, dass der von dem Emirat finanzierte Fernsehsender Al Jazeera live den Einmarsch der Taliban im Präsidentenpalast von Kabul begleitete, während die meisten ausländischen Sender versuchten, ihr Personal in Sicherheit zu bringen. Für Katar stellt sich nach dem Kollaps der Regierung die Frage, welchen Einfluss es in Afghanistan künftig noch haben kann.

Die Rolle des Mediators war Teil der diplomatischen Strategie, die dem Emirat international Sichtbarkeit und Einfluss sichern soll - allerdings nahm Katar sie gewissermaßen als Dienstleister auf Bitten der Amerikaner wahr. Die USA betreiben nahe Doha den größten Luftwaffenstützpunkt im Nahen Osten. Mit diplomatischem Druck haben sie im Jahr 2017 Katar vor einem Einmarsch Saudi-Arabiens bewahrt.

Mullah Baradar spielt eine entscheidende Rolle

Schon 2013, als Katar die Taliban einlud, ein politisches Büro in Doha zu eröffnen, hatte die Regierung von US-Präsident Barack Obama ihren Segen dafür gegeben. Sie wollte eine Möglichkeit schaffen, direkt mit der Gruppe zu verhandeln. Mullah Baradar war im Oktober 2018 auf Bitten der Amerikaner von Pakistan freigelassen worden, wo er 2010 in Karachi bei einer gemeinsamen Operation pakistanischer Antiterror-Spezialkräfte und des US-Auslandsgeheimdienstes CIA verhaftet worden war.

Er ist der einzige Überlebende der Führungsriege der Taliban um den 2013 gestorbenen Mullah Mohammed Omar - sein enges Verhältnis zu ihm verleiht ihm bis heute große Legitimität innerhalb der Organisation. Von Kandahar, wo ihn jubelnde Anhänger empfingen, ist er inzwischen nach Kabul gereist, um die Verhandlungen zu leiten, die das politische Büro der Taliban inzwischen mit Ex-Präsident Hamid Karsai und anderen afghanischen Politikern über eine künftige Regierung führt. Baradar hatte dessen Leitung übernommen und dürfte künftig in Afghanistan wieder eine zentrale Figur sein - ob mit Regierungsamt, muss sich noch zeigen.

Er hatte mit dem US-Sondergesandten Zalmay Khalilzad in der Regierungszeit von Präsident Donald Trump den Abzug der Amerikaner ausgehandelt und den Deal mit dem damaligen Außenminister Mike Pompeo in Doha besiegelt. Ende Juli empfing ihn der chinesische Außenminister Wang Yi in Peking, im März vertrat er die Taliban in Moskau bei einer vom russischen Außenministerium ausgerichteten Afghanistan-Konferenz und traf zuletzt im Juli den russischen Sondergesandten Samir Kabulow.

Offen ist, ob eine neue afghanische Regierung, die von den Taliban dominiert wird, international offizielle Anerkennung findet. Russland hat anders als westliche Staaten seine Botschaft in Kabul nicht geschlossen. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell sagte, Europa werde mit den Taliban reden müssen, weil diese "den Krieg gewonnen" hätten. Die EU hat aber klargestellt, dass damit keine Anerkennung eines Taliban-Regimes gemeint sei.

Zumindest fürs Erste werden die Drähte der katarischen Regierung zu den Islamisten also weiter nützlich sein. Doha hatte nach der ersten Machtübernahme der Taliban 1996 Kontakt zu ihnen gehalten, das von ihnen ausgerufene Islamische Emirat aber nicht anerkannt. Das taten damals nur Pakistan, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien. Westliche Diplomaten halten es für unwahrscheinlich, dass Katar dieses Mal so weit gehen würde, wenn Washington sich dagegenstellt.

© SZ
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