Afghanistan:Hilfe für die Helfer?

Ein Bundeswehrsoldat (l.) und ein Dolmetscher (r.) 2011 im Einsatz in der Nähe von Kundus, Afghanistan.

Ein Bundeswehrsoldat (l.) und ein Dolmetscher (r.) 2011 im Einsatz in der Nähe von Kundus. Helfer wie diese sind den Taliban nach dem Rückzug der Bundeswehr jetzt schutzlos ausgeliefert.

(Foto: Maurizio Gambarini/dpa)

Die Bundeskanzlerin verspricht, dass Deutschland mehr tun wolle für afghanischen Ortskräfte. Doch die ehemaligen Fahrer, Köche und Übersetzer der Bundeswehr berichten noch immer von hohen Hürden, um ihr Land verlassen zu können.

Von Daniel Brössler und Tobias Matern, Berlin/München

Er ist erleichtert, er ist in Sicherheit. In einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung hatte Ahmad Jawid Sultani vor drei Wochen seine Todesangst beschrieben. Jahrelang war der Afghane für die Bundeswehr als Übersetzer tätig. Seit die letzten deutschen Soldaten sein Land Ende Juni verlassen haben, fürchtete sich Sultani vor der Rache der Taliban - die Islamisten sind seit dem Abzug auf dem Vormarsch. Gelandet ist der 31-Jährige am Mittwoch aber nicht in Deutschland, sondern in den Niederlanden.

Da Sultani während seiner Beschäftigung für die Deutschen auch einige Male für die verbündeten Niederländer übersetzt habe, sei ihm nun die Ausreise dorthin ermöglicht worden. "Ich bin dankbar für die Hilfe", sagte Sultani am Freitag. Er hoffe, nach Deutschland kommen zu dürfen, schließlich habe er die meiste Zeit für die Bundeswehr gearbeitet.

Sultani beschreibt Probleme mit dem deutschen Visumsprozess, das ist kein Einzelfall. Zwar hat die Bundesregierung nach eigenen Angaben bereits zahlreiche Visa für ehemalige Ortskräfte und ihre Familienangehörigen erteilt. Doch Hunderte weitere ehemalige Fahrer, Köche und Übersetzer sehen sich einem Prozess ausgesetzt, der ihre Ausreise bislang verhindert.

In Berlin ist das Problem mittlerweile ganz oben angekommen. Sie setze sich "sehr dafür ein, dass wir pragmatische Lösungen finden", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in ihrer Sommer-Pressekonferenz am Donnerstag. Der Flug der ehemaligen Ortskräfte nach Deutschland dürfe nicht daran scheitern, "dass man das Geld nicht hat". Gegebenenfalls müsse man über Charterflugzeuge nachdenken.

Logistische Schwierigkeiten bei der Ausreise

Zwischen den beteiligten Ministerien wird nun darüber verhandelt, wie den Worten der Kanzlerin Taten folgen können. Die von Merkel erwähnten Charterflüge werden als logistisch schwierig eingeschätzt. Die Betroffenen kommen aus verschiedenen Landesteilen und könnten womöglich nicht schnell genug am Flughafen in Kabul sein. Als einfacher könnte sich erweisen, die Ticketbuchung für kommerzielle Flüge zu übernehmen.

Im Verteidigungsministerium, das die meisten früheren Ortkräfte in Sicherheit zu bringen hat, wird darauf verwiesen, dass das bereits beschleunigte Verfahren schon zu einem "positiven Ergebnis" geführt habe. Von 526 Ortkräften, deren Beschäftigung bei der Bundeswehr nicht länger als zwei Jahre zurückliegt, und die nach Deutschland wollten, hätten 491 eine Aufnahmezusage bekommen. Mit Familienangehörigen handele es sich um 2482 Personen. Fast 900 von ihnen seien bereits in Deutschland, aufgrund einer Dunkelziffer womöglich sogar bereits deutlich mehr. Nach Wahrnehmung des "Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte", das der Bundeswehrsoldat Marcus Grotian in seiner Freizeit betreibt, sind bislang aber nur etwa 400 Menschen in Deutschland angekommen.

Ortskräfte warten bis heute auf Abfindungen

Geldmangel hält man bei der Bundeswehr für kein Reisehindernis. Alle Ortskräfte hätten pro Beschäftigungsjahr zwei Monatsgehälter Abfindung bis zu einem Jahresgehalt erhalten - und dies bei Monatsverdiensten zwischen 400 und tausend US-Dollar. Die Angaben stehen in Widerspruch zu Berichten von Ortskräften, die nach eigenen Angaben bis heute auf die Abfindungen warten. Auch verweisen etliche ehemalige Ortskräfte auf das aufwendige bürokratische Visumsverfahren. Die Bundesregierung hat zwar entschieden, dass auch Afghanen sich für eine Aufnahme in Deutschland bewerben dürfen, deren Beschäftigung länger als zwei Jahre zurückliegt. Da Deutschland aber den Antragsprozess an die Vereinten Nationen ausgelagert hat, berichten Ortskräfte von langen Wartezeiten.

Marcus Grotian, der mit seinem Patenschaftsnetzwerk Spenden für die Ausreise der Ortskräfte sammelt, nimmt die Worte der Bundeskanzlerin zurückhaltend zur Kenntnis. Die Visavergabe müsse beschleunigt werden, um die verbliebenen Ortskräfte zügig aus der lebensgefährlichen Situation zu holen. "Aussagen in Pressekonferenzen sind schön", sagte er am Freitag. "Aber erst wenn sie sich im Handeln von Beamten wiederfinden, freue ich mich darüber."

© SZ/stad
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