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Truppenabzug:Wo sich Afghanistans Schicksal entscheidet

Kunduz city

Kinder sind oft die Leidtragenden der neuen Kämpfe zwischen den Taliban und afghanischen Regierungstruppen. Sie werden mit ihren Familien vertrieben und müssen Schutz suchen, hier in einer Schule in Kundus.

(Foto: STR/AFP)

Einst patrouillierte die Bundeswehr im Norden. Nun rücken die Taliban vor, um das Fundament für ihre neue Herrschaft zu legen. Denn dort war der Widerstand gegen sie immer am stärksten.

Von Tobias Matern

Düster klingen seine Worte, fast hoffnungslos. "Wir haben die Kontrolle über alle Distrikte verloren und auch über die Schnellstraßen, nur noch die Stadt wird von der Regierung kontrolliert." Kamal Safi ist Abgeordneter im afghanischen Parlament - und vertritt dort die Provinz Kundus. Die liegt im Norden Afghanistans, die Bundeswehr war hier bis zu ihrem Abzug stationiert.

Die Taliban fokussieren nun die Kämpfe besonders auf das ehemalige deutsche Einsatzgebiet. Hier stießen die Islamisten während ihres Regimes in den Jahren 1996 bis 2001 auf besonders hartnäckigen Widerstand. Daher wollen sie in der Region nun besonders viel Territorium einnehmen - im Ringen um die ganze Macht im Land.

"Nur noch Kundus-Stadt wird von der Regierung kontrolliert, aber auch hier sind die Taliban etwa zu 30 Prozent bereits aktiv", sagt Kamal Safi am Telefon. Ihm fehle das Vertrauen in die Regierung, sie habe keinen ersichtlichen Plan, um die an die Taliban verlorenen Gebiete zurückzuerobern. Und wenn sich militärische Gewinne der Sicherheitskräfte dann doch einstellten, sei das aus seiner Sicht nur von geringem strategischen Wert - wegen der Folgen für die Zivilbevölkerung.

"Tausende Menschen sind wegen der Kämpfe vertrieben worden, sie leben unter schlimmsten Bedingungen, ihre Grundbedürfnisse wie Unterkunft, Essen und Wasser werden nicht befriedigt", sagt Kamal Safi. Nach offiziellen Angaben sind allein in Kundus 11 200 Familien vor den Kämpfen auf der Flucht. Etwa die Hälfte habe Hilfe erhalten, die anderen würden auch bald versorgt, versprach ein Sprecher des Gouverneurs von Kundus.

Die Taliban konzentrieren sich auf den Norden, wo es immer heftigen Widerstand gab

In Afghanistan haben sich die Kämpfe in den vergangenen Wochen ausgeweitet. Der Abzug des Westens hat die Sicherheitslage noch einmal verschärft: Nachdem die letzten Schutztruppen das Land verlassen haben, ist nun ein blutiges Rennen um die Nachkriegsordnung im Gange.

Die afghanische Regierung ist dabei ins Hintertreffen geraten: Mehr als die Hälfte der afghanischen Distrikte sind bereits unter Kontrolle der Taliban, wie das angesehene Kabuler Afghanistan Analyst Networks (AAN) in einem detaillierten Bericht darstellt.

Noch patrouillieren afghanische Regierungssoldaten in Kundus, doch auch in der Provinzhauptstadt sind die Taliban schon aktiv.

(Foto: Samiullah Quraishi/AP)

Die Taliban konzentrierten sich demnach neben dem Norden des Landes auch auf Grenzübergänge und andere strategisch wichtige Posten, an denen sich Geld einsammeln lasse. Sie wollten vor allem verhindern, dass sich eine "zweite Nordallianz" bildet, also mächtige Kriegsfürsten sich zusammenschließen, die ihnen schon während ihres Regimes die Stirn geboten haben und dem Westen beim Sturz der Islamisten zur Seite standen.

Die AAN-Expertinnen und -Experten ziehen den Schluss, dass die Taliban zwar im Moment Erfolge verbuchten, aber "sie könnten auch an den Punkt gelangen, an dem ihre Truppen überlastet sind". Ein entscheidender Faktor sei, ob aus dem Volk heraus entstehende Milizen den Regierungstruppen zur Seite stünden.

US-Geheimdienste halten den Sturz der Regierung in nur sechs Monaten für möglich

Die US-Geheimdienste indes korrigierten jüngst ihre Einschätzung, dass sich die politische Führung in Kabul nach dem westlichen Abzug mindestens für zwei Jahre an der Macht werde halten können. Die Sicherheitsexperten in den USA gehen nun davon aus, dass die Regierung um Präsident Aschraf Ghani angesichts des Drucks der Taliban innerhalb von sechs bis zwölf Monaten kollabieren könnte.

Aus Sicht von Ahmed Rashid, einem der renommiertesten Taliban-Experten, bringen sich die Islamisten durch ihre militärische Offensive vor allem für Verhandlungen in Stellung: "Die Taliban würden die afghanische Regierung lieber kapitulieren sehen als sie auf dem Schlachtfeld zu besiegen, um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden. Wenn Kabul ihnen trotzt, ist aber alles möglich", sagt er.

Zu dieser Lesart passt eine Botschaft von Taliban-Chef Haibatullah Achundsada vom Sonntag, in der er zwar auf die militärischen Geländegewinne seiner Bewegung eingeht, aber auch betont, die Taliban meinten es "ernst" mit dem Ziel, eine politische Lösung für den Krieg zu erzielen. Dafür müsse in Afghanistan aber ein echtes islamisches System etabliert werden.

Auch wandte sich der Taliban-Chef direkt an die internationale Gemeinschaft: Seine Gruppierung wolle "gute, starke diplomatische, wirtschaftliche und politische Beziehungen" zu den anderen Staaten der Welt. Von afghanischem Boden werde keine Gefahr für andere Länder ausgehen, versprach Achundsada. Das werten Analysten als Fingerzeig dafür, dass die Taliban sich terroristischen Gruppen weiterhin entgegenstellen wollen, um nicht zu riskieren, dass der Westen seine Hilfszahlungen für das Land einstellt.

Wo die Taliban herrschen, setzen sie ihre drakonische Version der Scharia durch

Doch dass die Taliban an ihrer gesellschaftspolitischen Haltung etwas geändert haben - daran zweifeln Beobachter in Kabul trotz dieser Signale indes massiv. "In den Gebieten, die unter ihre Kontrolle geraten sind, haben sie strikte Scharia-Gesetze eingeführt und vor allem Einschränkungen für Frauen verhängt", sagt ein Kabuler Analyst, der namentlich nicht genannt werden will.

Die Hoffnungen vieler Afghaninnen und Afghanen ruhen nun auf Friedensgesprächen, die bislang auf der Stelle traten. Am Wochenende trafen sich Vertreter der Taliban in Doha mit einer von der Regierung entsandten Gruppe um Chefverhandler Abdullah Abdullah und Ex-Präsident Hamid Karsai. In mehreren Gesprächsrunden sollten alle "grundlegenden Fragen" auf den Tisch kommen, dazu gehörten unter anderem die politische Machtverteilung, die Verfassung und eine potenzielle Waffenruhe.

Doch nicht nur der innere Konflikt ist nach wie vor ungelöst, auch die alte Fehde mit dem Nachbarland Pakistan verschärft sich. Kabul wirft Islamabad vor, die Taliban zu unterstützen. Vizepräsident Amrullah Saleh bezichtigte Pakistan in der vergangenen Woche, den Taliban sogar Luftunterstützung zu gewähren - ein Vorwurf, den die pakistanische Regierung routiniert zurückwies.

Auch westliche Geheimdienste gehen jedoch davon aus, dass die afghanischen Taliban in Pakistan Unterschlupf erhalten, dass die Führungsebene nach wie vor von der pakistanischen Stadt Quetta aus ihre Anweisungen für die Kommandeure im Feld erteilt.

Einen neuen Tiefpunkt erreichten die afghanisch-pakistanischen Beziehungen am Freitag, als die Tochter des afghanischen Botschafters in Islamabad kurzzeitig entführt wurde. Sie sei körperlich misshandelt worden, bevor sie nach einigen Stunden wieder frei gekommen sei, bestätigten beide Regierungen. Pakistans Premierminister Imran Khan ordnete am Samstag an, die Sicherheitsbehörden sollten den Fall innerhalb von 48 Stunden aufklären und die Täter zur Rechenschaft ziehen.

Doch für den afghanischen Vizepräsidenten Saleh stand da schon lange fest, wer hinter der Tat steckt: "Das ist nicht der erste Fall, aber der erste spektakuläre Fall, der eine Frau betrifft", teilte er über den Kurznachrichtendienst Twitter mit. Belästigung von Diplomaten, die eine Zusammenarbeit verweigerten, sei ein gängiges Mittel, das pakistanische Geheimdienste praktizierten.

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Ein afghanischer Journalist in Kabul hat an dieser Geschichte mitgearbeitet.

© SZ
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