Konflikt in Afghanistan:Erdoğans Kalkül in Kabul

Recep Tayyip Erdoğan bei einer Militärparade in Nikosia, Zypern.

Recep Tayyip Erdoğan bei einer Militärparade in Lefkoşa - türkisch für (Nord-) Nikosia -, der Hauptstadt der international nicht anerkannten Türkischen Republik Nordzypern.

(Foto: AP)

Der türkische Präsident ruft die Taliban zu einer friedlichen Einigung auf und sagt, sein Land habe keine Probleme mit den Ansichten der radikalen Islamisten. Wird die Türkei bald eine größere Rolle am Hindukusch spielen?

Von Tomas Avenarius, Istanbul

Die Türkei strebt eine größere geopolitische Rolle an, indem sie sich nach dem Abzug der westlichen Truppen in Afghanistan engagiert. Nachdem US-Präsident Joe Biden seinen türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdoğan beim jüngsten Nato-Gipfel in Brüssel gebeten hatte, dass Ankara für die Sicherung des internationalen Flughafens Kabul einstehe, wird Erdoğan nicht müde, sein Land öffentlich als zukünftig maßgeblichen Player am Hindukusch darzustellen und die Taliban zu ermahnen, den Bürgerkrieg durch Verhandlungen zu beenden.

So rief der türkische Staatschef die aufständischen Radikalislamisten dazu auf, die "Besatzung" ihres eigenen Landes zu beenden und sich mit den anderen Völkerschaften Afghanistans friedlich zu einigen. Erdoğan, der selbst eine in Teilen islamistisch geprägte Politik betreibt, ging so weit zu sagen, dass die Türkei im Gegensatz zu anderen Nationen keine Probleme mit den Ansichten der Taliban habe. "Die Taliban sollten mit der Türkei viel leichter sprechen können, denn die Türkei hat keine Probleme mit ihren religiösen Standpunkten", sagte er.

Die Taliban haben jede Rolle der Türkei nach dem Abzug der letzten Nato-Truppen aber bereits vehement zurückgewiesen. Man werde sich "zur Wehr setzen", wenn die Türken nicht abzögen. Die Afghanen betrachteten die Türkei zwar als eine geschätzte und befreundete islamische Nation, erklärte ein Sprecher der Miliz. Doch die türkischen Truppen im Land seien vor 20 Jahren als Teil der von den Taliban als "Besatzern" betrachteten Nato-Truppen gekommen. Für die Sicherung des Flughafens sollten Afghanen verantwortlich sein.

"Die Türkei ist eine brüderliche Nation, wir haben große Gemeinsamkeiten im Glauben", sagte der Taliban-Sprecher. "Wir wünschen uns, dass die Türkei die Vergangenheit Vergangenheit sein lässt und ins Heute und in die Zukunft schaut. Dann wären wir offen für einen Dialog."

Angespornt durch militärische Erfahrungen in Libyen, Irak, Syrien

Ungeachtet der unverblümten Absage der Taliban, die derzeit die mit Abstand stärkste Fraktion im afghanischen Bürgerkrieg sind, scheint Ankara zu glauben, eine fruchtbringende Rolle spielen zu können. Dabei dürften die militärischen Erfahrungen in den Bürgerkriegen in Libyen, im Irak und in Syrien eine Rolle spielen. In Libyen etwa hatte sich Ankara auf die Seite der offiziell anerkannten Regierung in Tripolis geschlagen und deren drohende Niederlage durch den Einsatz von Söldnern, Drohnen und türkischen Truppen abwenden können; inzwischen ist Ankara einer der gewichtigsten Player in dem von der offenen Einmischung fremder Staaten geprägten Konflikt.

Zudem konnte die Türkei ihre militärtechnische Stärke beweisen, als Ankara im Kaukasus-Konflikt vor allem mit dem Einsatz moderner Kampfdrohnen Aserbaidschan zur Seite stand und maßgeblich zur Niederlage Armeniens im Karabach-Krieg im Herbst des vergangenen Jahres beitrug.

Sollte sich die Türkei militärisch engagieren müssen, dürfte sie zudem aber wohl weniger auf eigene Truppen setzen als auf kampferfahrene syrische Söldner, die bereits in Syrien, Libyen und im Kaukasus erfolgreich zum Einsatz kamen. Türkischen Medienberichten zufolge werden derzeit solche Kämpfer bereits gegen einen Sold von mehreren Tausend Dollar monatlich angeheuert.

Zu alldem passt, dass Innenminister Süleyman Soylu die Türken auf absehbare Verluste in internationalen Konflikten einstimmt. Angesichts der steigenden Zahl gefallener türkischer Soldaten in Syrien sagte Soylu: "Eine Nation zu bilden, ist nicht einfach. Ein Land wird zur Nation, indem es Särge mit der Flagge mit Stern und Halbmond trägt und beim Freitagsgebet in einer geschlossenen Reihe steht", sagte er. Die Opposition reagierte zornig und meinte, das Land habe im Krieg für die eigene Unabhängigkeit der Republik genügend Opfer geleistet. Auch das mögliche Engagement in Afghanistan stößt bei Erdoğans politischen Gegnern auf Ablehnung.

Ein Sprecher der CHP als der größten Oppositionspartei sagte an die Regierung gewandt: "Unsere Soldaten sind kein Schild, der den Taliban entgegengehalten werden soll. Wenn ihr so viel Lust auf Afghanistan habt, dann schickt eure Söldner, die gerne mit den Waffen posieren." Und der CHP-Abgeordneter Özgür Karabat fragte: "Sind wir in Afghanistan, weil wir Afghanistan historisch gesehen schätzen, oder als Gendarmen der USA?"

© SZ/perr
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