50 Jahre Auschwitz-Urteile von Frankfurt Historische Aufklärung auf großer Bühne

Der SS-Scherge an der Tür der Gaskammer diente diesem Ziel, aber ebenso derjenige, der die zur Vernichtung durch Arbeit bestimmten Arbeitssklaven kahl schor oder in gestreifte Einheitskleidung steckte und so letzte Hemmungen bei den Tätern ausschaltete.

Auschwitz "Ich sah Leichen, die angezündet wurden"
Protokoll
Auschwitz-Überlebende Hollander-Lafon

"Ich sah Leichen, die angezündet wurden"

Selektion durch Doktor Mengele, Peitschenhiebe, überall Leichen: Zeitzeugin Magda Hollander über das Vernichtungslager Auschwitz.   Protokoll von Oliver Das Gupta

Allesamt, so argumentierte Fritz Bauer, waren sie mit dem Betrieb einer Tötungsfabrik beschäftigt, alle halfen sie beim Mord, denn einem anderen Zweck als diesem diente der "Betrieb" in den Vernichtungslagern der Nazis schließlich nie.

Die Frankfurter Richter schüttelten darüber nur den Kopf. "Was soll das?", herrschte am Rande des Prozesses einer der jungen Staatsanwälte Bauer an. Eine solche Konstruktion von Schuld werde der Bundesgerichtshof mit Sicherheit verwerfen, diese Argumentation sei geradezu fahrlässig. "Man setzt das Urteil aufs Spiel."

Die Frankfurter Richter verlangten konkrete Beweise für konkrete Morde. Den SS-Mann, der die gestreifte Häftlingskleidung ausgab, sprachen sie deshalb am Ende frei.

Erst im Jahr 2011, im Münchner Urteil gegen John Demjanjuk, einen ukrainischen Wachmann in der Tötungsfabrik Sobibor, haben sich deutsche Richter zum ersten Mal der Argumentation Fritz Bauers angeschlossen: Der Nachweis einzelner Gewalttaten sei nicht erforderlich, um einen Sobibor-Wachmann der Beihilfe zum Mord schuldig sprechen zu können.

Was immer er in dem Apparat dort auch tat, es diente dem Morden; seine einzige moralische Option wäre Verweigerung gewesen. Allerdings wurde das Demjanjuk-Urteil nie rechtskräftig, weil der gebürtige Ukrainer vorher verstarb.

Entkräftete Legende von erzwungenen Verbrechen

Die Anklage im Frankfurter Auschwitz-Prozess nutzte den Gerichtssaal ganz gezielt, um auf großer Bühne historische Aufklärung zu betreiben - eine Art Klassenzimmer der Nation. "Selbst auf die Gefahr hin, dass der Staatsanwaltschaft die Veranstaltung eines Schauprozesses vorgeworfen werden könnte, soll die Verhandlung ein großes Bild des Gesamtgeschehens der angewandten Politik geben", erklärt Generalstaatsanwalt Fritz Bauer einmal in kleiner Runde.

Auschwitz und andere KZ

Menschenversuche und organisierter Massenmord

Er hat Historiker eingeladen, die vor Gericht Referate über Auschwitz halten sollen. Selbst der junge Staatsanwalt Joachim Kügler sitzt dann, wie er sich später erinnert, "mit offenem Mund" im Gerichtssaal: "Da war vieles neu für mich."

Die eingeladenen Historiker entkräften etwa die Legende, die Wachleute von Auschwitz seien zu ihren Verbrechen gezwungen worden. Wer wollte, habe Auschwitz verlassen und in den regulären Kriegsdienst wechseln können.

Ein bedeutender Prozess wird es dann nicht wegen der juristischen Feinheiten des 920 Seiten umfassenden Urteils, das im August 1965 ergeht und das für den Ankläger Fritz Bauer auch einige bittere Enttäuschungen enthält.

Die Bilanz der Richter: sechs Mal lebenslang, elf zeitlich begrenzte Haftstrafe, die kürzeste beträgt drei Jahre und drei Monate, die längste 14 Jahre; hinzu kommen drei Freisprüche.

Ein bedeutender Prozess wird es schon allein, weil nun überhaupt ein 920-seitiges Urteil über die historische Wahrheit von Auschwitz entstanden ist, an dessen Inhalt fortan niemand mehr vorbei kommt. Das ist es, was die Frankfurter Justiz erreicht hat, als am 20. August 1965 der Prozess endet.

Auschwitz Der Mann, der den Zaun von Auschwitz niederwalzte
Porträt

KZ-Befreier David Dushman

Der Mann, der den Zaun von Auschwitz niederwalzte

David Dushman gehört zu den Rotarmisten, die 1945 das Konzentrationslager Auschwitz befreiten. Nun sitzt der Russe mit jüdischen Wurzeln in seiner Münchner Wohnung und erzählt vom Krieg. Und davon, dass er sterben möchte.   Von Helmut Zeller