50 Jahre Auschwitz-Urteile von Frankfurt Als dem Vorsitzendem Richter die Stimme brach

Das macht die enorme Wucht dieses Prozesses aus. Zwar geht es, wie immer in Strafprozessen, vordergründig um Vergangenes - 700 Seiten umfasst allein die nüchterne Auflistung aller Gräueltaten in der Anklageschrift, zwanzig Monate lang wird in Frankfurt gegen zwanzig Angeklagte verhandelt, es geht um Verbrechen, für die im Strafgesetzbuch die Worte fehlen, es wird der größte Prozess der deutschen Justizgeschichte.

Aber vor allem geht es in Frankfurt um die Gegenwart, in der jeder Krankenpfleger, Hausmeister und Bankkassierer in Deutschland eine Geschichte hat.

Blick auf die Angeklagten und ihre Anwälte im Frankfurter Auschwitz-Prozess 1964: Hinten links der Angeklagte Viktor Capesius, hinten rechts Wilhelm Boger

(Foto: dpa)

Wenn während der Verhandlung einmal die Fenster gekippt sind, wehen von draußen die leisen Geräusche der Tram herein, "Menschen, die jetzt um die Mittagszeit von Praunheim nach Riederwald fahren und an alles, nur nicht an Auschwitz denken", wie sich Horst Krüger erinnert. "Frauen mit Einkaufsnetzen und Männer mit schwarzen Aktentaschen.

Das Quietschen und Singen der Straßenbahn mischt sich seltsam mit der Stimme aus dem Lautsprecher, die jetzt von Kindern erzählt, die, weil das Gas zu knapp wurde, lebend ins Feuer geworfen wurden."

Vor einem halben Jahrhundert ist dieser Prozess zu Ende gegangen - mit den sehr emotionalen Schlussworten des Vorsitzenden Richters Hans Hofmeyer, bei denen dem gestandenen Juristen kurz die Stimme brach.

"Es wird wohl mancher unter uns sein, der auf lange Zeit nicht mehr in die frohen und gläubigen Augen eines Kindes sehen kann, ohne dass im Hintergrund und im Geist ihm die hohlen, fragenden und verständnislosen, angsterfüllten Augen der Kinder auftauchen, die dort in Auschwitz ihren letzten Weg gegangen sind."

Die Opfer und ihre Angehörigen hatten verstörenden Enthüllungen hinter sich. Etwa als in Frankfurt ein 17-jähriges jüdisches Mädchen erst aus der Zeitung erfahren musste, dass sein eigener Vater, Hersz Kugelmann, gerade im Auschwitz-Prozess als Zeuge ausgesagt hatte.

Mit fester Stimme hatte er beschrieben, wie er auf der Rampe in Auschwitz-Birkenau seine Eltern und seine ersten beiden Töchter, neun und sechs Jahre alt, in den Gastod gehen sah. Zu Hause aber, bei der 17-jährigen Cilly, hatten stets die Worte versagt. "Unsere Eltern haben uns nichts erzählt", erinnert sich Cilly Kugelmann, die heute als Programmdirektorin am Jüdischen Museum in Berlin arbeitet. "Für mich waren das Symbol dieser Jahre die Medikamente, die meine Eltern schluckten, um ihre Leiden zu behandeln, die physischen und die psychischen."

Der große Frankfurter Auschwitz-Prozess (einige kleinere folgten später) lief nicht auf eine bestimmte Person zu, sondern - das war damals die Besonderheit - auf ein soziales Phänomen. Es ging um die Arbeitsteilung, die nötig war, um reibungslos zu morden - das, was Historiker später als das zentrale Strukturmerkmal des Holocaust bezeichnen sollten.

Überlebende des KZ Auschwitz

Augen, die die Hölle auf Erden sahen

Die Massenvernichtung hat darauf beruht, dass viele Räder ineinandergriffen - das war die zentrale Botschaft der Ankläger. Der Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hatte als Jude und Sozialdemokrat einst selbst vor den Nazis fliehen müssen und setzte den Prozess und seine inhaltliche Linie nun gegen alle Widerstände durch.

Der tumben Willkür in Auschwitz freien Lauf gelassen

In der Maschinerie des Lagers hatten natürlich nur wenige selbst an der Tür der Gaskammer gestanden. Trotzdem trugen alle Mitschuld, so argumentierte Fritz Bauer. Das Morden funktionierte nur deshalb so diabolisch effizient, weil es arbeitsteilig geschah wie in einer Fabrik.

Auschwitz-Prozess Fritz Bauer - ein deutscher Held
Frankfurter Auschwitz-Prozess

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Staatsanwalt Fritz Bauer brachte erstmals Täter aus Auschwitz vor Gericht. Als jüdischer Deutscher war Bauer von den Nazis verfolgt worden, doch er wollte keine Rache - sondern Recht.   Von Ronen Steinke

Um dies zu illustrieren, verlangte Fritz Bauer von seinem Juristenteam in Frankfurt, einen "Querschnitt durchs Lager" auf die Anklagebank zu bringen, "vom Kommandanten bis zum Häftlingskapo", und dieser Querschnitt umfasste dann niedrige Dienstgrade und Männer, die ihrer tumben Willkür in Auschwitz freien Lauf ließen, und Männer, die mit heißem Ehrgeiz an die Erfüllung ihrer Aufgabe gingen.

Fritz Bauer ließ sogar den SS-Mann, der in Auschwitz dafür verantwortlich war, die gestreifte Häftlingskleidung auszugeben, wegen gemeinschaftlichen Mordes anklagen. Das sollte ein Statement sein, ein Anschauungsbeispiel für Bauers zentrale juristische These.

Für sich betrachtet ist das Ausgeben von Häftlingskleidung natürlich kein Verbrechen. Aber genau diese isolierte Betrachtung, so Bauer, gehe bei einem derart hochorganisiert begangenen Verbrechen eben an der Sache vorbei. Es war ja nicht so, dass es solche SS-Wachleute gegeben hätte, deren Aufgabe der tägliche Massenmord war, und andere, die durch das Ausgeben von schützender Häftlingskleidung das Sterben bremsten.

Natürlich arbeiteten die einzelnen SS-Leute nicht gegeneinander, sondern sie arbeiteten mit verteilten Rollen an einem gemeinsamen Ziel. "Konzentrationslager gab es schon lange vorher", sagt später einmal Joachim Kügler, einer der jungen Staatsanwälte, die diesen Mammutprozess im Namen Fritz Bauers stemmten, "es gibt sie in vielen Teilen der Welt, in allen wird getreten, gefoltert und gehungert. Das Einzigartige von Auschwitz in meinen Augen ist Birkenau", das eigentliche Vernichtungslager, "das bisher noch nicht dagewesene fabrikmäßige Ermorden (...) mit Verwertung der Reste. Das hat noch keiner fertiggebracht."