SZ-Kolumne "Bester Dinge":Bücherwurm City

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(Foto: mauritius images)

Im 100-Einwohner-Örtchen Urueña im Nordwesten Spaniens gibt es sage und schreibe neun Buchläden. Gesucht werden dagegen: Metzger, Bäcker und Leser.

Von Moritz Geier

In Spanien wissen sie natürlich, dass das Lesen eine magische Kraft hat, so magisch mitunter, dass allzu exzessive Leserinnen und Leser womöglich irgendwann gar nicht mehr unterscheiden können zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen Buch und Realität, zwischen Riese und Windmühle. Aber ob es im kleinen Örtchen Urueña im Nordwesten des Landes überhaupt noch Windmühlen gibt, das hat die New York Times gar nicht recherchiert, als sie kürzlich diesen außergewöhnlichen Ort besuchte.

Was es dort dagegen sehr wohl geben dürfte: genug Ausgaben von "Don Quijote", denn in Urueña, das gerade mal 100 Einwohner zählt und weder einen Metzger noch einen Bäcker hat, gibt es ganze neun Buchhandlungen, zwei weitere Läden verkaufen Bücher nebenbei. Auf zehn Einwohner kommt hier also ungefähr ein Buchladen. Nur mal zum Vergleich: In Berlin wären das bei einem derartigen Verhältnis 330 000 Buchläden (Es sind aber laut Zahlen aus dem Jahr 2020 nur 227. Und damit hatte Berlin auch schon die meisten Buchhandlungen in Deutschland).

Verstecken sich in Urueña hinter den urigen Stadtmauern aus dem 13. Jahrhundert also 100 wohlgenährte Bücherwürmer? Nicht ganz. Vielmehr hat das Städtchen den Buchhandel seit 2007 aktiv kultiviert, Fördermittel akquiriert und Verkäufer mit einer symbolischen 10-Euro-Monatsmiete angelockt. So wollen sie hier der Landflucht begegnen, als Literaturhochburg Bücherwurmtouristen anziehen - von Madrid sind es ja auch nur zwei Autostunden. Und wer viel liest und viel reist, das wusste schon Don-Quijote-Autor Miguel de Cervantes, der sieht und erfährt eben vieles. Auch, dass es in Urueña keine Windmühlen mehr gibt.

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