Clankriminalität:"Bei uns gilt das Recht des Staates und nicht das Recht der Familie"

Clankriminalität: Polizisten bewachen Teilnehmer einer Massenschlägerei in Essen.

Polizisten bewachen Teilnehmer einer Massenschlägerei in Essen.

(Foto: Markus Gayk/dpa)

Im Ruhrgebiet musste die Polizei in den vergangenen Tagen bei mehreren Massenschlägereien zwischen libanesischen und syrischen Familien einschreiten. Es könnten auch kriminelle Clans beteiligt sein.

Von Björn Finke und Christoph Koopmann

Das Ruhrgebiet geriet vor wenigen Tagen wegen mehrerer Massenschlägereien in die Schlagzeilen. Nun herrscht dort einstweilen Ruhe, angespannte Ruhe. Wie angespannt, zeigte sich am Montagabend wieder, als Polizeibeamte zu einem Krankenhaus in Bottrop ausrücken mussten. Ein junger Libanese sei angefahren und dorthin gebracht worden, berichtet die Bild-Zeitung. Danach hätten sich bis zu 80 Libanesen vor der Klinik versammelt, denn sie hätten einen Anschlag verfeindeter Syrer vermutet. Die Polizei zeigte vorsichtshalber Präsenz, die Lage entspannte sich aber wieder.

Am Freitagabend hatte es in Essens belebter Innenstadt eine Massenschlägerei mit Verletzten gegeben; der Polizei zufolge gingen Libanesen und Syrer aufeinander los. Angeblich griffen libanesische Männer ein beliebtes syrisches Restaurant an. Die Beamtinnen und Beamten kamen mit einem Großaufgebot und Hunden, ein Hubschrauber unterstützte den Einsatz. Die Personalien von mehr als hundert Menschen wurden aufgenommen, zudem wurden Baseballschläger, Messer und Dachlatten beschlagnahmt.

Bereits vor dieser Auseinandersetzung war es zu Schlägereien im 30 Kilometer entfernten Castrop-Rauxel gekommen. Die Einsatzkräfte sind seitdem in erhöhter Alarmbereitschaft. Essens Polizeipräsident Andreas Stüve sagt, die Polizei habe sich "auch in den nächsten Tagen so aufgestellt, dass sie ähnlichen Sachverhalten entschlossen begegnen kann".

Streit zwischen Kindern

Die Randale in Castrop-Rauxel soll durch einen Kinderstreit zwischen zwei Elfjährigen ausgelöst worden sein, berichtete der Dortmunder Oberstaatsanwalt Carsten Dombert am Dienstag. Er sehe bisher keine Hinweise auf einen Zusammenhang mit der Essener Prügelei - und auch nicht für einen Clan-Hintergrund.

Landesinnenminister Herbert Reul hatte zunächst von Indizien gesprochen, dass der Fall etwas mit dem Clanmilieu zu tun haben könnte. Der CDU-Politiker hat den Kampf gegen kriminelle Großfamilien mit türkisch-arabischen Wurzeln zu einem der Schwerpunkte seiner Arbeit erklärt. Reul stellt einmal im Jahr das Lagebild Clankriminalität NRW vor. Der Studie zufolge ist das Ruhrgebiet der Hauptaktionsraum dieser Kriminellen, und in Essen werden die meisten Straftaten verzeichnet.

Reuls Ansatz ist allerdings innerhalb der schwarz-grünen Landesregierung umstritten. Die Grünen klagen, dass die Lagebild-Untersuchung in ihrer jetzigen Form stigmatisierend sei und Vorurteile schüre. Die Ausschreitungen im Ruhrgebiet werden nun wohl Reuls Position in diesem Disput stärken - vorausgesetzt, der Zusammenhang mit den Clans stimmt.

Die nordrhein-westfälischen Behörden haben dieses Milieu lange nicht besonders beachtet. Erst vor sieben Jahren begann das LKA, sich systematisch mit "Kriminalitäts- und Einsatzbrennpunkten geprägt durch ethnisch abgeschottete Subkulturen" zu beschäftigen, so lautete der Titel eines Projekts. Daraus ist Reuls Lagebild entstanden - und es ist die Basis einer neuen Gangart der Behörden: eine "Strategie der 1000 Nadelstiche", wie die Behörden es nennen - viele kleinere Durchsuchungsaktionen und Kontrollen, um die Betroffenen zu nerven und bei ihren Machenschaften zu behindern.

Nirgends gibt es so viele Clans wie in NRW

In NRW gibt es dem LKA zufolge mehr als 100 Großfamilien, die zum Teil solche kriminellen Strukturen bilden. Die meisten haben libanesische oder türkische Wurzeln. 2021 registrierte die Polizei 3600 Tatverdächtige aus dem Milieu, die zusammen fast 5500 Straftaten begangen haben. Kaum irgendwo sonst in Deutschland haben sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten so viele sogenannte Clans niedergelassen wie in NRW, viel mehr als an den anderen Schwerpunkten Berlin, Bremen oder Niedersachsen. Der Wohnraum im Westen ist relativ günstig, die Leerstandsquote bei Geschäftsräumen vielerorts hoch.

In Essen etwa dominieren seit Längerem Mitglieder mehrerer libanesischer Großfamilien die Szene. Schon vor einigen Jahren haben Fachleute gewarnt, dass syrische Clans durch den Familiennachzug aus ihrer Heimat und Zuzug aus anderen Gegenden Deutschlands rasch Zuwachs bekämen - was zu erheblichen Spannungen führen dürfte. Die Zahl der Syrer in Essen ist seit dem Bürgerkrieg in deren Heimat rasant gestiegen, von gerade mal 500 im Jahr 2010 auf fast 16 000.

Die prophezeiten Spannungen mit den Libanesen sind nun möglicherweise eingetreten. Polizeipräsident Stüve betont aber, dass die Polizei "keine Form von Selbstjustiz in unserer Stadt" dulden werde. Innenminister Reul äußert sich ähnlich: "Bei uns gilt das Recht des Staates und nicht das Recht der Familie." Eine Essener Moschee, die von Libanesen besucht wird, ruft derweil zur Besonnenheit auf. Dort soll auch ein Treffen von am Streit beteiligten Familien stattgefunden haben, um den Konflikt auszuräumen.

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