Amoklauf an Universität:Tatverdächtiger von Heidelberg ist 18-Jähriger

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Amoklauf auf Uni-Campus in Heidelberg mit mehreren Verletzten

Polizeibeamte untersuchen eine Waffe auf dem Gelände der Heidelberger Universität.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Auf dem Gelände der Universität schießt ein Einzeltäter auf mehrere Menschen, eines der Opfer stirbt. Auch der Angreifer ist tot. Laut Polizei gibt es Hinweise auf eine zurückliegende psychische Erkrankung.

Von Juri Auel, Jan Diesteldorf, Philipp Saul, Nadeschda Scharfenberg und Kassian Stroh

Auf dem Gelände der Universität Heidelberg hat ein Einzeltäter bei einem mutmaßlichen Amoklauf mit einem Gewehr mehrere Menschen in einem Hörsaal verletzt. Eines der Opfer, eine junge Frau, erlag wenige Stunden nach der Tat den schweren Verletzungen. Auch der Täter ist tot. Er war als Student an der Uni eingeschrieben, wie die Polizei mitteilte, und galt als gesund - jedoch gebe es Hinweise auf eine zurückliegende psychische Erkrankung.

Nach Angaben der Ermittler soll er bei laufender Vorlesung in einem Hörsaal der Universität im Neuenheimer Feld zunächst mit einer Langwaffe um sich geschossen und vier Menschen zum Teil schwer verletzt haben. Er habe dabei nicht zielgerichtet geschossen, sondern um sich gefeuert, teilte die Polizei mit. Anschließend sei er in den Außenbereich des Gebäudes geflüchtet. Im Bereich des Botanischen Gartens erschoss er sich selbst, wie die Polizei der SZ bestätigte.

Die Polizei schließt aus, dass es weitere Täter gab. "Wir gehen von einem Einzeltäter aus", teilte sie bereits am Nachmittag mit.

Um 12.24 Uhr seien sieben Anrufe innerhalb von 43 Sekunden bei der Polizei eingegangen, die davon berichteten, dass jemand mit einer Langwaffe in einem Hörsaal "mehrfach geschossen" habe, sagte Siegfried Kollmar, der Polizeipräsident von Mannheim. Damit sei für die Polizei klar gewesen, dass es sich nicht um Fake-Anrufe gehandelt habe, sondern dass man von einer "Ernstlage" ausgehen müsse. Um 12.30 Uhr seien drei Streifenbesatzungen an der Uni gewesen.

Bei dem Tatverdächtigen handele es sich um einen 18-Jährigen aus Mannheim, sagte Kollmar. Er soll in einer Whatsapp-Nachricht davon gesprochen haben, dass es Zeit sei, dass Menschen "bestraft" werden müssten. Es sei "sehr außergewöhnlich", dass man so wenig über einen Täter vorliegen habe. Der junge Mann sei nicht polizeibekannt, habe auch keinen Führerschein. Die Waffen habe er persönlich und nicht übers Internet im Ausland gekauft. Es sei bislang noch unklar, ob der junge Mann gezielt gewisse Personen töten wollte oder wahllos um sich geschossen habe. Zur Zeit der Tat hätten sich 30 Personen in dem Hörsaal befunden.

Der Täter hatte nach Angaben der Polizei noch mehr als 100 Schuss Munition dabei. Warum er mit dem Schießen aufgehört habe, wisse man noch nicht, sagte Kollmar. Das sei spekulativ, es könne aber nicht ausgeschlossen werden, dass eine bestimmte Person getroffen werden sollte. Der 18-Jährige hätte noch nachladen können. Weil bei der Leiche des jungen Mannes ein Rucksack mit unbekanntem Inhalt gewesen sei, habe die Polizei lange nicht zu dem Toten gekonnt. Es hätte sich um Sprengstoff handeln können, erklärte Kollmar. Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg habe daher auch Entschärfer geschickt, die den Rucksack untersuchten.

Nach bisherigen Erkenntnissen war der mutmaßliche Täter nicht vorbestraft, wie Andreas Herrgen, der Leiter der Staatsanwaltschaft Heidelberg, sagte. Weder er Mann noch nahe Angehörige hätten Waffen besitzen dürfen. Ermittelt werde nun auch, ob Dritte strafrechtlich zur Mitverantwortung gezogen werden müssen.

Berichten zufolge gibt es nach ersten Erkenntnissen offenbar kein religiöses oder politisches Motiv. Ein Vertreter der Staatsanwaltschaft sagte, dass zur genauen Motivlage des Täters noch keine Erkenntnisse vorlägen.

Wie der SWR berichtet, bat die Universität die Studentinnen und Studenten per E-Mail, nicht zum Neuenheimer Feld zu kommen. Auf dem Campus am Neuenheimer Feld nördlich des Neckars sind vor allem die naturwissenschaftlichen Fakultäten sowie Teile des Uni-Klinikums untergebracht.

"Das ist eine Situation, die für uns alle kaum vorstellbar ist", sagte Eckart Würzner, der Oberbürgermeister Heidelbergs, vor Journalisten. "Wir waren nicht nur fassungslos, wir könnten es eigentlich gar nicht glauben, dass so etwas bei uns in Heidelberg passiert." Der heutige Tag zeige jedoch auch, dass es etwas bringe, wenn Einsatzkräfte sich auf solche Szenarien vorbereiten, um im Ernstfall schnell einschreiten zu können.

Der Innenminister bietet Überlebenden Hilfe an

"Die Wissenschaft weltweit, wir alle hier in Baden-Württemberg und darüber hinaus sind in Gedanken bei den Opfern und denen, die das Geschehene heute miterleben, verarbeiten und bewältigen mussten und müssen. Das ist für alle eine entsetzlich belastende Situation", sagte Thomas Strobl, der Innenminister von Baden-Württemberg, in einem Statement. "Ein großer Dank und Respekt geht an die vielen Einsatzkräfte von Polizei, Rettungsdienst und Feuerwehr, die schnell vor Ort waren und gemeinsam mit der Universitätsleitung eine zunächst unübersichtliche Lage klären konnten."

Jetzt gelte es "die Hintergründe für die schreckliche Tat so schnell als möglich aufzuklären", sagte Strobl. Die Einsatzkräfte hätten eine zunächst unübersichtliche Lage rasch aufklären können. Überlebenden der Tat bot der Innenminister Hilfe an, die Erlebnisse zu verarbeiten. Es gebe diese Hilfsangebote und niemand müsse sich scheuen, diese auch anzunehmen, sagte Strobl später auf einer Pressekonferenz.

Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann zeigte sich "zutiefst betroffen". Er hoffe inständig, dass die Verletzten wieder gesund würden. Die Polizei tue alles dafür, "die Hintergründe der Tat schnell aufzuklären". Bundeskanzler Olaf Scholz äußerte "Bestürzung" über den Tod der Studentin.

Der Sprecher der Verfassten Studierendenschaft, Peter Abelmann, sagte am Nachmittag: "Wir sind unendlich schockiert. Das ist eine Katastrophe, die sich allem Denkbaren zwischen Vorlesungen, Klausuren und Unileben entzieht." Die Nachricht über den Amoklauf habe sich unter den Studierenden wie ein Lauffeuer verbreitet, so Abelmann. Einige hätten über Messenger-Dienste direkt über die Tat berichtet. Die Studierendenschaft sei in Gedanken bei den Betroffenen.

Die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg ist die älteste Universität Deutschlands. Sie wurde 1386 gegründet und nahm bereits im selben Jahr den Lehrbetrieb auf. Im Wintersemester 2021/22 sind mehr als 28 000 Studierende eingeschrieben, es lehren 531 Professorinnen und Professoren. Die Universitätsgebäude sind größtenteils über die Altstadt, den Stadtteil Bergheim sowie das Neuenheimer Feld verteilt.

Den ganzen Tag erreichten ihn Bekundungen von Wissenschaftlern aus ganz Europa, die das Geschehen in Heidelberg verfolgten und Hilfe anböten, sagte Rektor Bernhard Eitel. Gefühlt handle es sich auch um einen Angriff auf die Offenheit der Hochschulen und die akademische Tradition. Die Heidelberger Universität bereit nun eine Trauerfeier vor. Außerdem überlege sie, wie die Tat intern aufgearbeitet werden kann. Sie solle auf jeden Fall thematisiert werden. Bei der Lehrveranstaltung handelte es sich um ein Tutorium für organische Chemie für Biowissenschaftler. Wegen Corona sind die Studenten in Kohorten eingeteilt, die zu unterschiedlichen Zeiten an der Veranstaltung teilnehmen. Nach dem, was man bislang wisse, habe der mutmaßliche Täter nicht zu der Kohorte gehört, die zu diesem Zeitpunkt für das Tutorium eingetragen war, sagte Eitel.

In den vergangenen 20 Jahren erschütterten immer wieder Amoktaten an deutschen Bildungseinrichtungen das Land. Am 19. Februar 2002 erschoss ein 22-Jähriger an seiner ehemaligen Schule in Freising den Schulleiter und verletzte einen Lehrer schwer; zuvor hatte er an seinem ehemaligen Arbeitsplatz in Eching zwei Menschen getötet. Nur wenige Wochen später, am 26. April, starben am Erfurter Gutenberg-Gymnasium elf Lehrkräfte, eine Referendarin, eine Sekretärin, zwei Schüler und ein Polizeibeamter, als ein ehemaliger Schüler mit einem Rucksack voller Waffen die Schule stürmte. Der 19-Jährige tötete sich anschließend selbst. Beim Amoklauf an der Albertville-Realschule in Winnenden kamen sieben Jahre später, am 11. März 2009, neun Schülerinnen und Schüler, drei Lehrerinnen und drei Passanten ums Leben. Ein 17-jähriger ehemaliger Schüler hatte mit der Pistole seines Vaters, eines Sportschützen, um sich geschossen. Auch in diesem Fall tötete der Amokschütze sich anschließend selbst.

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