Süddeutsche Zeitung

Coronavirus in Deutschland:Laschet fordert Überlegungen zur Rückkehr ins normale Leben

  • Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Laschet sagt, es sei an der Zeit, Maßstäbe für die Rückkehr ins soziale und öffentliche Leben nach den Ausgangsbeschränkungen zu entwickeln.
  • Das Gesundheitsministerium will nach Versorgungsengpässen die Beschaffung von Schutzmaterial beschleunigen.
  • In einem Pflegeheim für Demenzerkrankte in Wolfsburg haben sich 72 Bewohner infiziert. Zwölf Menschen sind dort bereits am Coronavirus gestorben.
  • Der Bundesrat hat das Gesetzespaket mit Milliardenhilfen für Unternehmen und Bürger abgesegnet und der Bundespräsident hat es unterzeichnet.

In der Diskussion über die Beschränkungen des öffentlichen Lebens fordert Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet schon jetzt Überlegungen für einen Ausstieg aus den Maßnahmen. Damit widerspricht er zumindest indirekt Kanzlerin Angela Merkel. Sie hatte die Diskussion über gelockerte Kontaktverbote als verfrüht kritisiert und um Geduld gebeten.

"Der Satz, es sei zu früh, über eine Exit-Strategie nachzudenken, ist falsch", schreibt der CDU-Vizechef in einem Gastbeitrag für die Welt am Sonntag. Klar sei zwar, dass keine Zeit der Entwarnung sei. Jetzt sei aber die Zeit, Maßstäbe für die Rückkehr ins soziale und öffentliche Leben zu entwickeln.

Laschet schreibt: "Wir müssen alle Konsequenzen unserer Maßnahmen bedenken: Welche sozialen, ökonomischen, psychologischen, sozialen und letztlich auch gesundheitlichen Kollateralschäden hätte eine lang andauernde Politik der sozialen Distanzierung und des wirtschaftlichen Shutdowns?"

Bundesregierung will schneller Schutzausrüstung beschaffen

Die Bundesregierung versucht durch einen beschleunigtes Vergabeverfahren schneller Schutzmasken und -kittel zu beschaffen. Wie das Gesundheitsministerium der Welt am Sonntag erklärte, soll ein sogenanntes Open-House-Verfahren gestartet werden, das sich vom klassischen Vergaberecht unterscheidet und zügiger zum Geschäft führen soll.

Verhandlungen müssen hierbei nicht geführt werden. Unternehmen, die auf das Angebot eingehen, müssen mindestens 25.000 Stück eines der beiden Produkte liefern, einen Mindeststandard garantieren und die Lieferung verantworten.

Mit Blick auf die bisherigen Versorgungsengpässe hatte Spahn andere Herangehensweisen und neue Partner angekündigt, um Schutzmaterial besser besorgen zu können.

Spahn sagte der Welt: "Wir wollen Ärzte, Pflegekräfte und alle, die im Gesundheitswesen arbeiten, bestmöglich schützen. Deswegen beschaffen wir als Bund medizinische Schutzausrüstung aus aller Welt und beliefern damit alle Bundesländer und Kassenärztliche Vereinigungen. Dafür bieten wir faire, feste Preise für alle, die uns aus dem In- und Ausland mit Schutzmasken und Schutzkitteln beliefern."

Die Kritik an der Versorgungslage ist in den vergangenen Tagen immer lauter geworden. Bund, Länder und einzelne Kliniken versuchen, auf dem umkämpften Markt die wenigen verfügbaren Schutzmasken zu sichern. Vor Ort fehlen sie bereits oft.

Zahlreiche Corona-Tote in Wolfsburger Pflegeheim

Ein Wolfsburger Pflegeheim kämpft gegen eine starke Corona-Ausbreitung. Seit Wochenbeginn sind in der kirchlichen Einrichtung für Alte und Demenzerkrankte bereits zwölf Menschen an Covid-19 gestorben. Von etwa 165 Bewohnern seien derzeit 72 infiziert, sagte der Leiter des Wolfsburger Gesundheitsamts, Friedrich Habermann. Für das Heim mit oft hochgradig dementen Menschen sei die Situation extrem schwierig, erklärte Wolfsburgs Oberbürgermeister Klaus Mohrs (SPD): "Wir stehen aber erst am Anfang der Entwicklung. Das wird für uns alle noch eine sehr, sehr harte Zeit." Überraschend viele Menschen seien verstorben, ohne dass sie Symptome von Corona gezeigt hätten.

Aktuelles zum Coronavirus - zweimal täglich per Mail oder Push-Nachricht

Alle Meldungen zur aktuellen Lage in Deutschland und weltweit sowie die wichtigsten Nachrichten des Tages - zweimal täglich mit SZ Espresso. Unser Newsletter bringt Sie morgens und abends auf den neuesten Stand. Kostenlose Anmeldung: sz.de/espresso. In unserer Nachrichten-App (hier herunterladen) können Sie den Espresso oder Eilmeldungen auch als Push-Nachricht abonnieren.

Alle in dem Heim lebenden Menschen wurden Mohrs zufolge mit einem Abstrich getestet. Bei negativem Ergebnis werde der Test alle drei Tage wiederholt. In den nächsten Wochen sollen die Infizierten und die negativ Getesteten auf unterschiedlichen Stockwerken leben. Daher war es aus unserer pflegefachlichen Sicht die beste Alternative, innerhalb des Hauses getrennte Bereiche einzurichten und nach Abwägung aller Argumente den Verbleib aller Bewohner bestmöglich zu organisieren. "Eine Evakuierung hätte eine Verschlechterung der Demenzerkrankungen zur Folge gehabt", sagt der Leiter des Heims, Torsten Juch. Für die Demenzerkrankten könnte jegliche Form der Veränderung - wie Ortswechsel, Menschen in Schutzkleidung oder vermummte Gesichter -Irritationen und Ängste auslösen.

Virologen wollen von Heinsberg lernen

Im Kampf gegen das Corona-Virus erhofft sich die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen wertvolle Erkenntnisse von einer breit angelegte Schnellstudie aus dem Landkreis Heinsberg. In dem Landkreis nördlich von Aachen war die Epidemie etwa zweieinhalb Wochen früher als anderswo in Deutschland ausgebrochen, bisher sind dort 1150 Bürger infiziert, 29 Menschen fielen Covid-19 zum Opfer.

Ein zwanzigköpfiges Team um den Bonner Virologen Hendrick Streeck will ab Montag in einer Art Fallstudie genauer erforschen, auf welchen Wegen sich das Virus unter den Bürger verbreitet hat. Als Erkenntnisquelle sei "der Kreis Heinsberg eine Chance für Deutschland", sagte Streeck bei einer Pressekonferenz in Düsseldorf. Unter anderem sollen 1000 Bürger befragt und untersucht werden: So will Streeck genauer ermitteln, wie hoch zum Beispiel die Dunkelziffer bei den Infektionen ist. Auch wenn infizierte Menschen keine Symptome zeigten, so hinterlasse das Virus bei ihnen doch "einen Fußabdruck" im Blut. Zudem will die Gruppe genauer ermitteln, wer exakt der Krankheit erlag - und warum. Unklar sei auch, ob die inzwischen über 330 gesundeten Patienten nun über einen Immunschutz verfügten - und wie lange dieser anhalte: "Es gibt da blinde Flecken in den Erkenntnissen."

Streeck will ausgehen von der Annahme, dass das Virus während einer karnevalistischen "Kappensitzung" am 15. Februar in der Gemeinde Gangelt etliche der 300 Teilnehmer befallen hatte. Bisher sei jedoch völlig unklar, warum die einen sich infizierten und andere nicht. Streeck hat die Studie vor Ort bereits vorbereitet und etwa "Türklinken abgewischt oder iPhones abgestrichen" sowie Luftproben gesammelt und eine eventuelle Übertragung durch Haustiere geprüft. Er hofft, der Politik schon in einer Woche erste, vorläufige Ergebnisse übermitteln zu können. Nur die Wissenschaft könne es schaffen, Vorschläge zu machen, wie das nächste Jahr gestaltet werden könne, so Streeck.

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet wiederum wies Vorschläge zurück, die erst seit Montag dieser Woche geltenden Restriktionen, etwa die von ihm so bezeichnete allgemeine "Kontaktsperre", nun bereits wieder zu lockern. Vor dem Ende der Osterferien Mitte April erwartet der CDU-Politiker keinen Kurswechsel. Die Studie aus Heinsberg könne jedoch helfen, präziser zu erkennen, welche Maßnahmen greifen und welche nicht. Laschet fügte hinzu: "So ein Zustand wie jetzt ist ein halbes, ist ein Jahr lang nicht durchhaltbar."

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4828033
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/dpa/rtr/bepe/cck/saul/bix/cku/mcs/kit/jsa/aner/cwe/tba/mane/jsa/ihe/luch/odg
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.