Buchleihen:Trenn' dich doch!

Buchleihen: Manchmal gehen Bücher aus Bibliotheken auf sehr lange Reisen. Und manchmal kommen sie - wie dieses Exemplar in Vancouver - danach sogar überraschend wieder zurück.

Manchmal gehen Bücher aus Bibliotheken auf sehr lange Reisen. Und manchmal kommen sie - wie dieses Exemplar in Vancouver - danach sogar überraschend wieder zurück.

(Foto: Vancouver Public Library)

In Vancouver landet endlich wieder ein Buch in der Stadtbibliothek, das vor 85 Jahren mal ausgeliehen wurde. Wieso dauert es manchmal so lange, bis der Mensch endlich Abschied nehmen kann?

Von Martin Zips

Nichts fällt dem Menschen im Leben schwerer als der Verzicht. Karl der Erste wäre damals noch gerne Chef von Österreich-Ungarn geblieben, aber dann stand da eben der Zug an der Bahnstation Kopfstetten-Eckartsau der Lokalbahn Siebenbrunn-Engelhartstetten, und der Mann, der gerade noch Kaiser war, musste einsteigen. Da war's aus mit der Habsburger Herrschaft, nach 700 Jahren. Aber auch Orpheus kam über Eurydikes Tod nur ganz schlecht hinweg. Ebenso wie Héloise über Abaelard, den sie allerdings 22 Jahre überlebte.

Doch irgendwann muss sich jeder von irgendwas trennen. Der samstägliche Ausflug zum Wertstoffhof oder der Gang zum Leergutautomaten sind da eine gute Vorbereitung. Stehen wir am Ende nicht alle gemeinsam am Bahnhof von Kopfstetten-Eckartsau?

Und doch braucht es manchmal Zeit, bis man nicht nur aus Anstand, sondern aus tiefster Überzeugung sagen kann: "Time to say goodbye". Einen Song übrigens, den die Amerikaner ruhig mal den Italienern zurückgeben könnten, wo sie ihn unter dem Originaltitel "Con te partirò" ausgeliehen haben. In der Stadtbibliothek von Vancouver ist gerade ein Buch aufgetaucht, das jemand vor mehr als 31 000 Tagen dort ausgeliehen hat. Ob es dieselbe Person zurückgegeben hat, die sich dort vor mehr als 85 Jahren den Sammelband mit drei Theaterstücken des irischen Hobby-Dichters Hugh Quinn (geboren 1884) geborgt hat, ist nicht überliefert. Das Buch sei einfach wieder da gewesen, schreibt das Fachportal Vancouver is awesome.

Folgt nun eine literarische Wiederentdeckung von Hugh Quinn?

Geht man davon aus, dass das Schriftstück im Oktober 1937 von einem damals 20-jährigen irischen Einwanderer für eine Leihfrist von 14 Tagen sowie die Androhung einer Überziehungsgebühr von einem Cent pro Tag mitgenommen wurde, so wäre der Mann (es könnte auch eine Frau gewesen sein) nun auch schon fast 106, was angesichts der vielen gefährlichen Tiere in Kanada freilich ausgeschlossen ist. Hat das Buch ihm oder ihr so sehr gefallen, dass es den Weg zurück nicht fand? Hat man's vergessen?

Wobei 85 Jahre schon ein Witz sind, angesichts der Ausgabe des Werks "The Law of Nations" des Rechtsphilosophen Emerich de Vattel, welches im Jahr 1789 Interesse bei US-Präsident George Washington fand, aber erst 221 Jahre später wieder in die zuständige Bibliothek zurückgelangte. Manche Dinge, auch Nofretete-Büsten, Klimt-Gemälde oder die Lombardei, gibt man eben nur ganz, ganz ungern wieder her. Wie kindisch.

Für Hugh Quinn, einen offenbar grundsympathischen irischen Lehrer, der im Belfaster Falls-Viertel nicht nur derb-fröhliche Bauernschwänke verfasste, sondern auch Volkslieder wie "What is Mary weeping for?" sammelte, bietet die Buch-Geschichte von Vancouver jetzt die riesige Chance einer literarischen Wiederentdeckung. Leider wurde er bereits, wie man in Irland so sagt, im Jahre 1956 in die Hände seines Schöpfers zurückgegeben. Womöglich sogar fristgerecht.

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