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Corona-Zeit in der zweiten Heimat:"Man könnte sagen, ich sitze im Paradies"

"Ich sitze im Paradies": Stephan Koch hat sich in Kokrobite an der ghanaischen Küste ein Passivhaus gebaut. Er will seine Nachbarn neugierig auf nachhaltige Technologien machen.

(Foto: Privat)

Seit mehr als fünf Monaten sitzt Stephan Koch mit seiner eineinhalbjährigen Tochter in Ghana fest. Der Ingenieur nutzt die Zeit zum Wissenstransfer - in beide Richtungen.

Interview von Stephanie Schwaderer

Die Nachricht klingt im ersten Moment nach einem richtigen Familiendrama: Ein junger Ingenieur fliegt mit seiner eineinhalbjährigen Tochter nach Afrika, die Mutter soll in Kürze nachkommen. Dann jedoch geht plötzlich der Corona-Alarm um die Welt - und alle Flüge sind gestrichen. Seit mehr als fünf Monaten können Stephan Koch und seine Tochter Mia-Maria Ghana nicht mehr verlassen. Am Telefon erklärt der 35-jährige Wackersberger, der Vorsitzender der ÖDP im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen und Sprecher des Tölzer Kunstvereins ist, warum er das eigentlich gar nicht so schlimm findet.

SZ: Herr Koch, wo sitzen Sie denn gerade?

Stephan Koch: In einem 25 Quadratmeter großen Passivhaus in Kokrobite. Der Blick geht aufs Meer, die Temperaturen sind tropisch, die Menschen um mich herum nett. Man könnte sagen, ich sitze im Paradies. Ghana ist für mich eine zweite Heimat geworden. Ich komme seit zehn Jahren regelmäßig hierher, um zu arbeiten. In Ghana habe ich auch meine Partnerin kennengelernt ...

... die nun allein in Ihrer Wohnung in Wackersberg sitzt?

Ja, leider, das hatten wir uns anders vorgestellt. Ich wollte mit unserer Tochter nur kurz vorausfliegen, während sie ihren Deutschkurs beenden wollte. Wir ahnten nicht, dass kurze Zeit später alle Flüge gestrichen würden. Jetzt vermisst sie uns natürlich, und wir vermissen sie.

Wie verkraftet Ihre kleine Tochter das?

Glücklicherweise gut. Sie ist ein wunderbares Mädchen, konnte schon tanzen, bevor sie laufen lernte. Wenn ich beim Arbeiten bin, kümmert sich meine ghanaische "Mama" um sie. Wir sind hier gut eingebunden. Mia-Maria ist ein fröhliches Kind, sie geht auf alle Menschen zu und umarmt jeden, das finde ich ganz wichtig - gerade in dieser Zeit.

Stephan Koch mit seiner Tochter Mia-Maria.

(Foto: Privat)

In der Corona-Zeit?

Ja, auch hier grassiert die Angst, das Thema läuft von früh bis spät im Fernsehen. Ich halte das für völlig überzogen. Die Angst lähmt die Menschen. Die Lebensfreude geht verloren, das macht mir am meisten Sorgen. Überall wird Desinfektionsmittel versprüht - das kann nicht die Lösung sein. Wir können die Natur nicht ausrotten, wir müssen mit ihr arbeiten. Das versuche ich hier vorzuleben.

Wie machen Sie das genau?

Ich habe mir hier ein Passivhaus gebaut, in dem ich nahezu autark bin- mit einer Photovoltaikanlage auf dem Dach, mit Trinkwasseraufbereitung, Abwasserreinigung und einer Komposttoilette. Dank Internet kann ich von hier aus sogar arbeiten. Ich möchte zeigen: Man muss nicht aus Afrika auswandern. Auch hier kann man bestens leben. Der Kontinent ist wunderschön.

Wie haben Ihre Nachbarn auf das Häuschen reagiert?

Andere Deutsche, die hier wohnen, waren begeistert, die Afrikaner haben es zunächst belächelt. Tatsächlich sah es anfangs wie ein Schiffscontainer aus. Mittlerweile ist alles schön gefliest und verputzt, jetzt kommt es schon besser an. Auf diese Weise versuche ich, einen Beitrag zum Wissenstransfer zu leisten. Ich möchte die Menschen neugierig machen und bin ihnen dann natürlich gerne behilflich, wenn sie Interesse an nachhaltigen Technologien zeigen.

Das klingt nach einer subversiven Art der Entwicklungshilfe.

Die Ghanaer sind ein stolzes Volk. Man kann nicht hierher kommen und sagen, es ist alles falsch, was ihr hier macht. Stellen Sie sich vor, ich besuche Sie zu Hause, und das erste, was ich tue: Ich packe den Staubsauger aus und beginne, bei Ihnen sauber zu machen? Was würden Sie sagen? Sie wären mir nicht wohlgesonnen. Genauso läuft aber in der Regel Entwicklungshilfe ab. Wir kommen hier an mit Lösungen für Probleme, die es in unseren Augen gibt. Dabei müssten wir zuerst respektvoll miteinander reden und klären, ob und wo es einen Hilfsbedarf gibt. Dann können wir Dienstleistungen anbieten oder Produkte - gegen Bezahlung. Die Ghanaer können sich das leisten. Noch besser ist in meinen Augen Nachahmung und Wissenstransfer. Studentenaustausch ist immer ein Gewinn. Jeder, der im Ausland war, sieht die Welt mit anderen Augen.

Woran arbeiten Sie gerade?

An einem Projekt in einem Kinderheim namens Kinder Paradise in der Nähe von Accra. Es wird von der Aktion "Ein Herz für Kinder" gefördert und hat eine Photovoltaik-Anlage und eine Regenwasser-Aufbereitung mit einem 100 000-Liter-Speicher bekommen. Zu meinen Aufgaben gehört es auch, die Kinder für den Strom- und Wasserverbrauch zu sensibilisieren. Wir installieren eine Art Ampel, die anzeigt, wie viel Strom und Wasser gerade vorrätig sind, damit sie ein Gefühl dafür bekommen.

Wer hilft Ihnen bei diesen Arbeiten?

Ein sehr talentierter Freund aus Ghana, er ist Anfang 20. Ein anderer junger Mann, mit dem ich hier viel zusammengearbeitet habe, lebt mit uns in Wackersberg. Eigentlich wollte er an der Technischen Universität in München studieren, jetzt macht er eine Ausbildung zum Kältetechniker in Bad Tölz. Danach bringt er sein Wissen nach Ghana zurück.

Ihre Frau ist in Wackersberg also doch nicht ganz alleine?

Nein, sie hat Freunde gewonnen und hatte zwischenzeitlich sogar Arbeit in einem Restaurant. Diese hat sie jedoch wieder aufgeben müssen wegen der in meinen Augen unsäglichen Regierungsmaßnahmen.

In ein, zwei Wochen könnten Sie vielleicht einen Flug bekommen. Worauf freuen Sie sich am meisten in Deutschland?

Am meisten freue ich mich darauf, meine Freunde wiederzusehen und mit ihnen gemeinsam für unser Grundgesetz und für Frieden, Freiheit und Demokratie zu demonstrieren. Ich wäre auch gerne am 1. August nach Berlin gefahren zur Demo "Das Ende der Pandemie - Der Tag der Freiheit", aber leider sind die Grenzen immer noch geschlossen.

Angesichts all Ihrer beruflichen und politischen Aktivitäten, warum engagieren Sie sich im Kunstverein Tölzer Land?

Seit Längerem habe ich den Eindruck, dass wir in Deutschland zu wenig Gesellschaft haben. Wir kommen nicht mehr mit Fremden im Alltag über wichtige Themen ins Gespräch. In Ghana ist das anders, das Leben spielt sich auf der Straße ab. Es gibt kaum depressive Menschen, und ich habe noch nie von einem Selbstmord gehört. Ich glaube, wir brauchen einander, um glücklich zu sein. Eine vereinzelte Gesellschaft, in der jeder nur mit sich selbst und mit seinen Freunden beschäftigt ist, ist ungesund. Die Kunst kann eine Art der Kommunikation sein zwischen fremden Menschen und Generationen und uns so miteinander verbinden. Ist das nicht wunderbar und unterstützenswert?

© SZ vom 01.08.2020
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