SZ-Lesercafé Für einen Tag zusammengefunden

Im Café Dolce treffen sich Leser und Politiker von beiden Seiten der Isar, um der "Süddeutschen Zeitung" zu erzählen, was sie bewegt. Es gibt Trennendes und Verbindendes. Eines eint sie: die Sorge um die Natur, der Ärger über den Verkehr und die Liebe zu ihrer Heimat.

Von B. Engel, I. Hilberth,M. Morosow, M. Mühlfenzl und C. Wessel

Pullach: SZ-Lesercafe Foto: Claus Schunk

(Foto: Claus Schunk)

Sie haben doch noch herüber gefunden, die Grünwalder. Rein geografisch ist es ja nur ein Katzensprung von der einen Seite der Isar bis ans Hochufer nach Pullach. Und doch liegen zwischen den beiden Gemeinden Welten. "Die Isar trennt unbandig", sagt Uwe Gross vom ADFC in Grünwald, der am Mittwochvormittag dann doch irgendwie nach Pullach gefunden hat. Gross muss es wissen, er ist passionierter Radler. Das gilt auch für Antje Wagner, Grünen-Gemeinderätin aus Grünwald, die diesmal allerdings mit Bus und Bahn unterwegs ist. Luftlinie wäre es nur 800 Meter hinüber an den Kirchplatz in Pullach. Doch so muss sie dreimal umsteigen, und wenn es schlecht läuft, ist der Bus gerade weg. Was fehlt also nicht nur dem Radler, sondern auch dem Fußgänger, dem Ausflügler hier im Isaridyll? Natürlich: eine Brücke, die verbindet, was die "Reißende" noch zerschneidet.

Beim SZ-Leserdialog am Mittwoch im Café Dolce im Herzen Pullachs spricht Gross ein Thema an, das sehr gut das Lebensgefühl der Menschen entlang der Isar beschreibt: Trotz aller kleineren und größeren Probleme von der fehlenden Brücke über Naturzerstörung am Fluss über Verkehrsprobleme bis zu fehlendem Wohnraum leben die Menschen gerne hier. Die Landkreis-Redaktion der Süddeutschen Zeitung ist nach Pullach gekommen, um zu erfahren, was die Menschen in Baierbrunn, Straßlach-Dingharting, Schäftlarn, Grünwald und Pullach bewegt - und natürlich auch was hier das Leben so schön macht. Mehr als hundert Leser und Interessierte, Bürgermeister, Ehrenamtliche sowie der Chef der Polizeiinspektion 32, Andreas Aigner, sind gekommen, um sich auszutauschen und Ideen zu diskutieren.

Demonstrativ vereint erscheinen mittags - in Vertretung von Pullachs Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund - Cornelia Zechmeister von der Vereinigung Wir in Pullach (WIP) und Alexander Betz von der FDP. Zwei, die derzeit eher getrennte Wege gehen: Zechmeister, Pullachs Zweite Bürgermeisterin, als vehemente Gegnerin der Bebauung an der Heilmannstraße 53/55; Betz, der Dritte Bürgermeister, als einer der Befürworter der breiten Phalanx aus CSU, SPD, Grünen und FDP, die den Bau von 22 gemeindeeigenen Wohnungen unbedingt will.

Als beide auf der Bank im Café Platz genommen haben, ist das Thema Heilmannstraße sofort präsent - und natürlich der Bürgerentscheid, den die WIP erzwungen hat und der am Sonntag, 25. Februar, stattfindet. Wie sehr das Thema polarisiert, zeigt die Zahl jener Pullacher, die sich bereits beteiligt haben: Mehr als 2500 Briefwahlunterlagen gingen bis Mittwoch bei der Gemeindeverwaltung ein - das notwendige Quorum von 20 Prozent der Wahlberechtigten dürfte damit erfüllt sein. "Ich wünsche mir sehr, dass die Pullacher am Sonntag dafür stimmen", sagt Hans Eschler und erntet von Andreas Most, Chef der CSU-Fraktion im Gemeinderat, ein Nicken. Der ergänzt: "Wir sind alle gespannt und auch froh, wenn es vorbei ist. Dieses ganze Thema vergiftet die Stimmung auch im Ort." Beim SZ-Lesercafé ist davon nicht viel zu merken.

"Quatsch, erschüttert", sagt Helmut Mangold, Geschäftsführer der IEP-Geothermie Pullach. In einem hundert Quadratkilometer großen Claim südlich von Pullach untersuchen Fahrzeuge mit Rüttelplatten den Untergrund auf geothermische Potenziale. Davor gab es Bedenken, ob die Erschütterungen zu Schäden an Häusern führen. "Jeder 40-Tonner der Augustiner-Brauerei rüttelt die Menschen mehr durcheinander", sagt Mangold. "Aber das sind Fahrzeuge, auf die sich jeder freut."

Waltraud Detzer hat auch so ihre Probleme mit Fahrzeugen. Allerdings mit jenen auf Schienen. Trotz modernster Schrankentechnik ist an den Bahnübergängen in Pullach keine Verbesserung eingetreten. An der Linie der S 7 komme es vor, sagt sie, dass drei Züge durchfahren, ehe sich die Schranken wieder heben. Dies könne bis zu neun Minuten dauern. Evelyn Grollke, die auch häufig mit ihrem Rad an den Bahnübergängen steht und nicht weiterkommt, findet: "Die Gemeinde sollte sich umbenennen in Pullach an den Schranken."

Dabei geht es nicht nur um den Ärger über zu schnell fahrende Geländewagen in den Tempo-30-Zonen. Auch der noch immer nicht durchgängige Radweg entlang der Isar ist ein Dauerthema. Das Enteignungsverfahren zieht sich hin. Derweil versucht man weiterhin, mit den Mountainbikern auf einen vernünftigen Nenner zu kommen, um Naturschutz und Freizeitnutzung sinnvoll vereinbaren zu können. Das Konzept liegt seit September vor, der Landkreis hat es bereits für gut befunden und ist auch gewillt, einen Gebietsbetreuer zu finanzieren. Nun liegt der Ball bei der Landeshauptstadt. Doch Christine Kammermeier, ehemalige Baierbrunner Bürgermeisterin und engagiert im Isartalverein, ist skeptisch, dass bald etwas vorangeht. Dabei findet sie, dass die Stadt stärker gefragt ist. Schließlich kämen die meisten Mountainbiker, die das Isartal zum Training nutzten ("Sicher 80 Prozent!") aus München. Sie ärgert sich, dass das südliche Isartal im Landkreis München noch immer nicht als Naturschutzgebiet ausgewiesen ist, obwohl der Antrag längst bei der Regierung von Oberbayern liegt.

Auch Hans-Joachim Kohler aus Grünwald kommt mit dem Anliegen, das Mountainbiken einzudämmen. Er hat Fotos von den schlimmsten Naturzerstörungen mitgebracht und fordert, ein sehr hohes Bußgeld einzuführen, 500 Euro schweben ihm vor. Grünwalds Bürgermeister Jan Neusiedl (CSU) ist ganz seiner Meinung. Manfred Siering, Sprecher des Bunds Naturschutz Grünwald, berichtet, dass ein Gebietskontrolleur geplant ist. Ob da einer reicht, fragt sich Kohler allerdings.

Die Konflikte zwischen Freizeitsport und Naturschutz kommen im Lesercafé häufig zur Sprache. Daher fordert Erich Rühmer im Kampf um den Erhalt der Landschaft die Unterstützung der Kommunen. Schäftlarns Altbürgermeister und Isartalvereinsvorsitzender kämpft dafür, dass es verboten wird, die Isar im Gummiboot zu befahren. "Vor drei Jahren habe ich in Schäftlarn 50 Boote, im Vorjahr 150 Boote in zwei Stunden gezählt." Sogar mit Hawaii-Inseln und Luftmatratzen seien die Menschen unterwegs. Passiere etwas, sei die Rettung schwierig. Hubschrauber kämen wegen des unwegsamen Geländes zum Einsatz und niemand müsse dafür zahlen. "Bei einem Verbot könnten wir das den unvernünftigen Leuten in Rechnung stellen."

Darin ist er sich mit Baierbrunns Bürgermeister Wolfgang Jirschik (ÜWG) einig. Er verspricht, den Isartalverein "voll und ganz" zu unterstützen. Ebenso bekräftigt er, sich an der Seite des Isartalvereins einzusetzen, damit das Flusstal südlich von München bis Kloster Schäftlarn Naturschutzgebiet werde. Sein Schäftlarner Bürgermeisterkollege Matthias Ruhdorfer (CSU) gibt sich zurückhaltend. Er sieht unter anderem Probleme mit der kommunalen Kläranlage bei Kloster Schäftlarn. Ihm wäre es ebenso am liebsten, Mountainbiker ganz aus dem Isartal auszusperren. Das Konzept, eigene Trails für die Sportler auszuweisen, ist ihm zu wenig. "Das Mountainbiken ist grundsätzlich eine Fehlentwicklung", moniert er. Die Leute meinten, sie könnten überall hin. "Es gibt keinen Respekt mehr gegenüber der Natur."