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Traditionelle Wirtshäuser:Mit Porsche und Traktor

Der Moarwirt in Hechenberg war zuletzt ein vor allem bei den Reichen und Schönen beliebtes Ausflugsziel. Das hat sich auch unter Isabella und Sebastian Miller nicht grundsätzlich geändert. Die neuen Wirte haben das Gasthauskonzept für ein breiteres Publikum umgestaltet.

Von Florian Zick

Sie heißen unter anderem Bobo, Myrte oder Ribisel und helfen dabei, das Gras auf der Wildblumenwiese vor dem Wirtsgarten kurz zu halten. Ohne die Schafe wäre das alles hier noch ein bisschen mehr Arbeit - dann müsste man auch noch mit dem Rasenmäher regelmäßig seine Runden drehen. Zum Moarwirt gehört neben dem Restaurant und ein paar Hotelzimmern nämlich auch ein fast schon üppiger Berghang. Gut, wenn man da bei der Landschaftspflege ein bisschen tierische Unterstützung hat.

Die Schafe haben Isabella und Sebastian Miller auf die Weide gestellt. Die beiden Wirtsleute haben vor etwa drei Jahren den Moarwirt in Hechenberg übernommen, einem kleinen Dorf im Gemeindegebiet von Dietramszell. Eigentlich hatten sie eher etwas im Chiemgau oder am Tegernsee gesucht. "Aber da ist das Leben auch nicht mehr das, was es mal war", sagt Isabella Miller, die selbst vom Tegernsee stammt. Das Schuhplatteln, das Goaßlschnoizn - all das sei inzwischen zu einer Show für die Touristen geworden. In Hechenberg dagegen: Wenn da die Marienprozession durchs Dorf zieht, sei das noch echte Tradition. "Das hier ist einfach noch ursprünglich", sagt Miller.

Der Moarwirt.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Aufgrund seiner Lage zwischen München und den Alpen war der Moarwirt immer schon ein beliebtes Ausflugsziel, auch bei den Reichen und Schönen. Dies lag nicht zuletzt an Florian Lechner, dem jetzigem Wirt vom Paulaner am Nockherberg. Bis zu seinem Abschied vor drei Jahren hatte er aus Hechenberg einen Sehnsuchtsort für die Münchner Schickeria gemacht. Es ist aber auch wirklich wunderschön da heroben. Vorausgesetzt, man findet unten an der Staatsstraße die schmale Abzweigung hoch zum Wirtshaus mit den markant blauen Fensterläden, hat man hier einen fantastischen Blick in die Berge. Durch die Baumwipfel hindurch kann man auf die Benediktenwand schauen. Bei guter Fernsicht sieht man sogar die Zugspitze.

Die neuen Wirtsleute haben das alte Erfolgsrezept freilich nicht komplett umgekrempelt. Scampi und Seeteufel sind zwar von der Speisekarte verschwunden. Mancher Rennradfahrer reibt sich bei seiner Tour durchs Oberland aber jedoch auch heute noch ungläubig die Augen, wenn er auf der Suche nach einem kleinen Magentratzerl dann vor einer Karte mit Böfflamot (24 Euro) und gegrillter Bachforelle (27 Euro) steht. Die Gerichte haben aber halt alle ihren eigenen Dreh. Und das Wildkräuterpesto , die gepfefferten Brombeeren oder auch die gerösteten Hanfsamen - all das zahlt man als Gourmet dann eben mit.

Wegen der Preise auf der Karte hat sich das Publikum auch nicht grundlegend verändert. "Am Wochenende stehen immer noch zwölf Porsche draußen", sagt Isabella Miller. Seit dem Pächterwechsel hat sich der Moarwirt aber auch der Dorfgemeinschaft wieder mehr geöffnet. Jeden Donnerstag gibt es jetzt einen Stammtisch für die einheimischen Landwirte. Das Wirtshaus ist dadurch im besten Sinn wieder zu einem Jedermannsort geworden. Neben den polierten Sportwagen steht nun auch der alte Traktor wieder vor dem Gasthaus. "Wenn alle richtig parken, kommen die auch alle gut miteinander aus", scherzt Sebastian Miller. Und es muss schließlich auch nicht bei jedem Besuch immer gleich die bayerische Haute Cuisine sein. Manchmal tut es auch ein Radler mit Heulimonade (4,60 Euro) oder ein einfaches Brotzeitbrettl (12 Euro).

Wandertouren

Auch Hechenberg selbst ist einen Spaziergang wert. Der kleine Ort mit dem alten Schulhaus und der rund 500 Jahre alten Kirche ist ein richtiges Bilderbuchdorf. Man kann von hier aus auch wunderbar größere Runden laufen, zum Beispiel in Richtung Helfertsried durchs Zellbachtal. Bis zum Kloster Dietramszell und zurück ist es zu Fuß zwar ganz schön weit, theoretisch ist aber auch das zu schaffen. Wer danach eine Erfrischung braucht, dem sei der Kirchsee bei Sachsenkam empfohlen. Ist es dort im Sommer zu voll, kann man auch zum Koglweiher beim Weiler Abrain ausweichen, dort findet man eigentlich immer ein freies Plätzchen. Und wer Kinder hat: Vielleicht lohnt sich ein Abstecher zum Maislabyrinth in Tattenkofen. Noch bis zum 13. September kann man dort durch das riesige Maisfeld irren und dabei an mehreren Stationen Rätsel lösen. Geöffnet ist täglich zwischen 10 und 19 Uhr, an Schultagen von 14 Uhr an. zif

Durch die Bauernstammtische haben die Millers auch viel über die Geschichte des Hauses erfahren. Ursprünglich war der Moarwirt mal ein Bauernhof. Wann daraus ein Wirtshaus wurde, ist nicht genau überliefert. Vor zehn Jahren wäre das Haus aber auch fast einmal zu einem Seniorenheim umgebaut worden. Und bekannt ist obendrein, dass auch Paul von Hindenburg hier gerne zu Gast war. Der wegen seiner unrühmlichen Rolle bei der Machtergreifung der Nazis so umstrittene ehemalige Reichspräsident hat die Sommerfrische gerne im nahe gelegenen Dietramszell verbracht. Und auch im Moarwirt war er bei seinen Urlauben wohl öfter. Zumindest gibt es auf dem Balkon im Obergeschoss immer noch das sogenannte Hindenburg-Eck.

Warum die Ecke landläufig so genannt wird, könne er sich auch nicht richtig erklären, sagt Sebastian Miller. Anders als heute war der große Saal schließlich früher noch oben, die Zimmer waren unten. Hindenburg habe auf dem Balkon also eigentlich gar nicht so etwas wie einen Stammplatz haben können.

Aber sei's drum. Vom Hindenburg-Eck sieht man heute jedenfalls hinunter auf den Spielplatz mit dem Holzkrokodil, auf den kleinen Brunnen und auch rüber zum Hühnerstall. Dort halten die Millers verschiedene Hühnerarten - Marane, Blausperber und Grünleger. Die kümmern sich allesamt darum, dass die Hotelgäste im Moarwirt immer auch ein frisches Frühstücksei bekommen.

Die Hühner sind ebenso wie die Schafe nur ein Teil des großen Wirtshaus-Zoos. Bei einem Bauern im Dorf haben die Millers noch zwei Rinder stehen - bis vor Kurzem waren es sogar drei. "Aber nur zum Anschauen alleine hält man sich ja keine Kühe", sagt Isabella Miller. Dazu gibt es zwei Bienenvölker auf der Wildblumenwiese am Berghang und bald auch noch ein paar Mangalitzas. Diese ungarischen Schweine sind ein bisschen fetter als andere Artgenossen und werden deshalb nicht mehr so häufig gezüchtet. Beim Moarwirt sollen sie nächstes Jahr allerdings ein neues Zuhause finden.

Tierpfleger sind Isabella und Sebastian Miller freilich nur im Nebenberuf. Er ist eigentlich Münchner, hat nach einem Studium der Betriebswirtschaftslehre aber beim Restaurant Freihardt im fränkischen Heroldsberg obendrein noch Koch gelernt. Sie hat zur gleichen Zeit nicht weit entfernt im Schindlerhof in Nürnberg eine Ausbildung zur Restaurantfachfrau gemacht. Beim Ausgehen in Nürnberg haben sich die beiden dann kennengelernt, seitdem bilden sie nicht nur privat ein Gespann, sondern auch beruflich.

Nach einer ersten Station in Erding haben die beiden zusammen das "Storchennest" betrieben, ein Gourmetlokal in Nürnberg. Von dort ging es vor drei Jahren zurück zu den Wurzeln ins bayerische Oberland. Beim Moarwirt fühlten sie sich nun schon so etwas wie angekommen, sagt Isabella Miller.

Zusammen mit ihren beiden Zwillingssöhnen wohnen die Wirtsleute nur zwei Häuser weiter. Außerdem sind sie Mitglied bei den "Silberstoana", dem Trachtenverein in Hechenberg. Die Millers sind nach drei Jahren also quasi schon fester Bestandteil des Dorfes. Sie und ihr kleiner Wirtshaus-Zoo.

© SZ vom 08.09.2020

Gasthaus Moarwirt
:Handwerk statt Hummer

Isabella und Sebastian Miller setzen auf eine regional verwurzelte Küche in Bio-Qualität.

Von Florian Zick

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