Typisch deutsch:Ausgestochen gut

Lesezeit: 2 min

Typisch deutsch: Mädchenhände rollen Marzipankugeln (Symbolfoto).

Mädchenhände rollen Marzipankugeln (Symbolfoto).

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wenn unsere Autorin Plätzchen backt, sieht das Ergebnis aus wie von der Dampfwalze überfahren. Ihre Tochter verzehrt die verkohlten Teiglappen zwar. Aber wie wird man besser?

Kolumne von Lillian Ikulumet

Seit ich in Deutschland lebe, habe ich mich immer wieder im Backen versucht - und bisweilen fast aufgegeben. Backen ist Kunst und Wissenschaft zugleich. Es ist hilfreich, die Arbeitsprinzipien zu verstehen und sich an ein Rezept zu halten. Bei meinen Backversuchen habe ich viele leckere Sachen gemacht, aber auch viele nicht leckere.

Als Kind habe ich es geliebt zu backen. In Uganda hatten wir zwar erschwerte Bedingungen, weil wir nie einen Backofen besaßen. Über einem Holzkohleofen lässt sich aber auch etwas erreichen. Meine Lieblingsdisziplin waren das Teigrühren und das heimliche Kosten zwischendurch. Das Probieren des fertigen Werks war stets der Höhepunkt, egal ob es ein Flop war.

Inzwischen sehe ich das mit den Back-Flops nicht mehr ganz so entspannt. Nicht selten kam mir die Idee, das Backen ein für allemal aufzugeben. Aber wie kann man so etwas aufgeben, wenn man eine sehr neugierige Tochter hat, die fast alles lernen will? Taliah ist vier und damit in einem Alter, in dem sie bei allem im Haushalt helfen möchte, vom Geschirrspülen bis zum Hausputz. Eines Tages, nachdem sie eine Fernsehsendung mit Kindern gesehen hatte, die Kekse backen, fasste sie einen Entschluss: Mama, lass uns Kekse backen. Dies wurde für einige Tage zu einem Lied in meinen Ohren, ehe wir einkaufen gingen, um die Zutaten und Backformen zu besorgen.

Cookie Day. Irgendwie war ich nun doch angenehm aufgeregt. Dieses vorweihnachtliche Kribbeln im Bauch, die Schürze um die Hüften, das Nudelholz in der Hand. Taliah schlägt die Eier in die Schüssel, während Butter, Mehl und Zucker darauf warten, an die Reihe zu kommen. Ich gieße die warme geschmolzene Butter hinein, und Taliah rührt sie aufgeregt zu einem Gemisch. Mit dem glatt gerollten Teig kommt Taliahs Lieblingsteil: Zeit, die Ausstechformen zu verwenden, um Christbäume, Rentiere, Glocken, Schneemänner und Sterne zu kreieren, bevor wir das Tablett in den Ofen schieben.

Da sitzt sie dann vor dem Ofen und schaut ihnen beim Verfärben zu. Als gäbe es in diesen Momenten nichts spannenderes oder wichtigeres auf der Welt. Ich sehe mich in diesen Augenblicken selbst dort sitzen, ein kleines Mädchen, gebannt davon, wie unten im Ofen das Holz knackst und oben der Teig hart und eventuell zu hart wird. Der Küchenwecker klingelt, die Ofentür geht auf. Einige Plätzchen sehen aus, als hätte sie eine Dampfwalze überfahren, andere sind zerbröselt oder verbrannt, einige wenige sehen genießbar aus. Da waren sie wieder, meine Unzulänglichkeiten. Aber Taliah war voller Freude und biss herzhaft in ein verkohltes Stück Teig.

Ich habe nicht wenige katastrophale Angriffe auf die Münchner Geschmacksnerven geschaffen, die meinen Ruf als Hobby-Bäckerin im Freundeskreis nicht gerade gestärkt haben. Aber ich freue mich, mitteilen zu können, dass sich meine Backfertigkeiten alles in allem verbessert haben.

Ihre Flucht hat zwei Journalisten nach München geführt. In einer wöchentlichen Kolumne schreiben sie, welche Eigenarten der neuen Heimat sie mittlerweile übernommen haben. Die Kolumne "Typisch Deutsch" erscheint immer am Freitag oder Samstag auf der SZ-Leuteseite. Die gesammelten Texte finden sie hier.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusTypisch deutsch
:Oma, ich bin zurück

Zum ersten Mal nach ihrer Flucht vor zehn Jahren reist SZ-Kolumnistin Lillian Ikulumet nach Uganda und trifft ihre Familie. Für ihre Tochter ist es eine Afrika-Premiere. Es wäre so schön, wären da nicht die Schatten. Über eine Heimkehr, die doch keine ist.

Lesen Sie mehr zum Thema