Verkehr Wenn die Trambahn plötzlich rückwärts fährt

Eigentlich wollte die Tram auf direkten Weg nach Berg am Laim fahren.

(Foto: Stephan Rumpf)

Eine Tram-Fahrt birgt selten Überraschendes - könnte man meinen. Stimmt aber nicht.

Von Tom Soyer

Gleisgebundener Verkehr ist selten überraschend. Pfiffige Überholmanöver? Fehlanzeige. Möchte man meinen. Und kann das mit einer Fahrt in der Trambahnlinie 19 getrost als Irrtum hinter sich lassen. Der Mann im Führerstand lässt seine Linie 19 von der Oper weiterrollen über den Altstadtring, vorne das Maximilianeum schon in Sicht, und hält am Freitag plangemäß um etwa zwölf Uhr am Max-II-Denkmal. Dann geht's nicht weiter. Die meisten Fahrgäste in den blauen Wagen haben's noch gar nicht bemerkt, da meldet sich der Tram-Chauffeur schon in angenehmstem Bairisch über die Lautsprecher: "Verehrte Fahrgäste, es geht grod net weida, vor uns is' a Unfall oder irgendsowas."

Tatsächlich sieht man am Ende der Maximiliansbrücke, direkt in der Kurve vorm Landtag, eine andere Tram stehen mit orangen Blinklichtern. Eine Tram mit Warnblinkanlage - da geht's nicht weiter. Der freundliche Herr im Führerstand murmelt zwischendrin einen erschöpften Seufzer vor sich hin. "Oiwei is irgendwos!" Und meldet sich wenige Sekunden nach der ersten Durchsage wieder mit viel mehr Entschlossenheit in der Stimme: "Wenn i mehr woaß, sog i Eahna sofort Bescheid."

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Wieder vergeht nur wenig Zeit, höchstens eine halbe Minute, da hat er offenbar schon einen Plan: "Verehrte Fahrgäste, Sie können jetzt entweder aussteigen, oder weiter mitfahrn; mir fahrn jetzt übers Isartor zum Max-Weber-Platz." Einige wollen lieber raus aus der ausgebremsten Tram, misstrauen wohl auch dem spontanen Kurswechsel. Etliche bleiben aber sitzen und freuen sich auf ein kleines Münchner Trambahn-Abenteuer.

Und das geht dann so: Der Trambahnfahrer öffnet die transparente Türe seines Führerstandes, durchschreitet die Wagen bis ganz nach hinten, wo eine blau gepolsterte Dreierbank mit runder Panoramascheibe das Ende bildet. Irgendwo neben der Sitzreihe steckt er seinen Schlüssel ein, steht aufrecht wie ein Kapitän auf einem stolzen Segelschiff, den Blick rückwärts gen Maximilianstraße gewandt - und fährt. Lustig für alle, die eben mit derselben Tram in die andere Richtung gefahren sind. Ja, die Tram kann auch rückwärts. Und hat gleich noch mehr Tricks zu bieten.

Denn der Meister in seiner blauen MVG-Uniform bremst die Tram auf Höhe des Museums Fünf Kontinente sofort wieder sanft, dreht seinen Schlüssel heraus und schlappt wieder nach vorne zu seinem Führerhaus. Die Weiche vor der Wende- und Abbiegeschleife am Max-II-Denkmal stellt er von Hand so mit einem langen schwarzen Metallrohr, das hinter seinem Fahrersitz im Führerhaus wohnt. Dann biegt er seine Tram rechts in die Thierschstraße ab und umschifft die verstopften Gleise am Maximilianeum hurtig. "So, die nächste Haltestelle ist jetzt Mariannenplatz, dann geht's weiter am Isartor links, nauf zum Gasteig und Max-Weber-Platz, und do fahr ma nachad wieder auf unsrer Strecke weida nach Berg am Laim."

Zwischendrin klärt er verwirrte Zugestiegene am Wiener Platz auf: "Achtung, das ist ein Wagen der Linie 19, der Wagen fährt weiter nach Berg am Laim." Nicht ganz unwichtig, diese Durchsage, denn an der Haltestelle taucht die Linie 19 auf den Leuchttafeln überhaupt nicht auf. In die Kirchenstraße rechts eingeschwenkt, am Johannisplatz gleich wieder links die enge Kurve in die Schloßstraße genommen, und schon steht die 19er wenige Minuten nach Zwölf an der Haltestelle Max-Weber-Platz. Auf dem Display dort läuft gelbe Leuchtschrift: "Wegen eines Verkehrsunfalls...", aber das entlockt den Passagieren, die seit dem Max-II-Denkmal dabei sind, natürlich nur noch ein mildes, wissendes Lächeln. Man kann mit einer Trambahn also doch überholen.

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