Sommer in München:Tangomusik und Lebensfreude

Seine Mission: Menschen aus ihrer Alltagsstruktur lösen. Menschen wie die junge Frau, die heute zum Unterricht gekommen ist. Sie bewegt sich steif, starrt auf ihre Füße. Ihre langen, braunen Haare verdecken ihr Gesicht wie ein Vorhang. "Schließ die Augen, hör auf die Musik", sagt er. Langsam entspannt sich das Mädchen, wagt eine Drehung. "Super, weiter so", lobt Göksu. Sie lächelt stolz. Eine kurze Pause: "Mein Tanzen ist wie Improvisationstheater", sagt Göksu.

Mit den starren Regeln der Tanzschulen kann er nichts anfangen: "Das sind alles Strukturen, damit kommen manche Menschen klar und andere nicht." Zehn Stunden hat er in einer Tanzschule Tango gelernt, sich den Rest durch Beobachten und Nachahmen selbst beigebracht. Wenn er tanzen will, dann tut er das auf seine Art. Und wenn er vor der Antikensammlung einen Tanzkurs veranstalten will, dann schert er sich nicht um Bedenken.

Es ist 20 Uhr: Die Übungsstunde ist zu Ende, das freie Tanzen beginnt. Fünf Paare drehen sich zu getragener Geigenmusik, im Laufe des Abends werden es immer mehr. Ein Paar steuert auf ihn zu. "Hey, zurück aus dem Urlaub? Italien, oder?", begrüßt er die beiden überschwänglich, "genießt das Tanzen."

Egal ob Stammgast oder Neugieriger: Göksu duzt grundsätzlich, umarmt lieber, als dass er Hände schüttelt und erinnert sich an die kleinen Geschichten, die ihm Abend für Abend anvertraut werden. Zwischen Umarmungen, Gesprächen und Tanzen ist er der Fixpunkt, sein Lachen die Orientierung, wo er in der Menge zu finden ist.

Gerade ist er auf der Tanzfläche, weicht umsichtig den zehn tanzenden Paaren aus, die sich in gemessenem Tempo auf dem begrenzten Platz aneinander vorbeischieben, und rückt die Lautsprecherbox ein wenig zur Seite. Zurück auf der Tanzfläche führt er eine Tänzerin mit schnellen Drehungen an den hohen weißen Wänden entlang, die anderen Paare, viele von ihnen etwas älter, halten respektvoll Abstand zu dem wilden Paar.

Das Lied ist zu Ende. Die Tänzer halten inne, Hände lösen sich von Schultern. Einige tauschen Partner, eine Frau im Blumenkleid tritt aus der Menge, zieht eine Flasche Wein aus ihrem Rucksack und bietet ihrem Tanzpartner einen Plastikbecher an. Die beiden gesellen sich zu den gut 30 Menschen, die auf den Stufen sitzen.

Fast alle haben Bier oder Wein dabei. Sie essen mitgebrachte Salate und Brot und genießen auf den Stufen den lauen Sommerabend und die Musik. Es ist jetzt 22.30 Uhr. Wie lange heute getanzt wird, weiß Göksu nicht. Irgendwann werden die Tänzer nach Hause gehen. Viele werden wiederkommen. Er wird auf sie warten, mit Tangomusik und Lebensfreude.

© SZ vom 18.08.2017/amm
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